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Im Gespräch: Berti Vogts : „Lieber Lotto spielen als auf die WM hoffen“

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Freut sich auf Aserbaidschan: Berti Vogts Bild: AP

Berti Vogts ist neuer Nationaltrainer Aserbaidschans. Mit der Kaukasus-Republik trifft der 61 Jahre alte Fußball-Lehrer in der Qualifikation zur WM 2010 auch auf Deutschland. Im F.A.Z.-Interview erzählt er, warum es trotzdem wichtigere Spiele gibt.

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          Berti Vogts ist neuer Nationaltrainer Aserbaidschans. Mit der Kaukasus-Republik trifft der 61 Jahre alte Fußball-Lehrer in der Qualifikation zur WM 2010 auch auf Deutschland. Im FAZ.NET-Interview erzählt er, warum es trotzdem wichtigere Spiele gibt.

          Herr Vogts, Nationaltrainer in Aserbaidschan zu sein klingt nach großem Abenteuer. Ist das so?

          Aserbaidschan liegt in Europa, deshalb spielen wir auch in einer Europa-Gruppe die WM-Qualifikation. Ich kann Sie also beruhigen. Es gibt Linienflüge von Frankfurt aus. In vier Stunden ist man dort, so schnell wie in Gran Canaria.

          Weltmeister 1974: Der Fußballspieler Berti Vogts
          Weltmeister 1974: Der Fußballspieler Berti Vogts : Bild: picture-alliance/ dpa

          Wie kam der Kontakt nach Aserbaidschan zustande?

          Man hat schon vor einem Jahr Kontakt zu mir aufgenommen, aber ich stand damals unter Vertrag in Nigeria. In Aserbaidschan hat man schon lange vor, neue Strukturen im Land aufzubauen. Deshalb gibt es auch einen Kooperationsvertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund.

          Bundestrainer, Bundesligatrainer, dann mit Nigeria beim Afrika-Cup – Aserbaidschan passt nicht ganz in die Reihe.

          Eines vorab: Es ist dort allen klar, dass die Chancen, sich für die WM 2010 zu qualifizieren, verschwindend gering sind. Dort stehen andere Dinge im Vordergrund. Eine neue junge Führung möchte dort dem Fußball in seiner Entwicklung neue Impulse geben. Ich soll meine Erfahrung einbringen, darin besteht die Herausforderung. Es geht in erster Linie um den Aufbau neuer Strukturen im gesamten Fußballbereich, was auch den Nachwuchs einschließt. Ich bin Fußball-Lehrer.

          Das hört sich nach Basisarbeit weitab von den großen Fußballbühnen an.

          Was soll ich bei Benfica Lissabon, wenn ich kein Portugiesisch spreche? Dort wünscht man sich schnelle Erfolge, die ohne die Landessprache nicht zu machen sind. Aserbaidschan ist ein völlig anderes Aufgabenprofil. Ich denke, dort kann ich mehr erreichen.

          Welche Strukturen wollen Sie in Aserbaidschan aufbauen?

          Es gibt mit dem Frankfurter Bernhard Lippert in Aserbaidschan schon einen anderen deutschen Trainer, der bisher die U 17, U 19 und U 21 betreut. Zudem wird Uli Stein als Torwarttrainer mit einsteigen. Ich habe einen Vertrag bis Dezember 2009, wenn die Qualifikation zur WM 2010 endet, werden wir sehen, ob wir die Dinge umgesetzt haben, die wir uns jetzt vornehmen.

          Worum geht es in erster Linie?

          Wir werden in erster Linie lernen und nebenbei versuchen, die anderen etwas zu ärgern. Dabei geht es nicht um das Spiel gegen Deutschland. Es gibt für Aserbaidschan wichtigere Spiele als das gegen den DFB. Wir haben Russland in unserer Qualifikationsgruppe – in der Hinsicht gibt es dort sicher mehr Ehrgeiz, eine Überraschung zu schaffen. Ich habe mich sehr gewundert, dass man wieder versucht, eine Verbindung zum Deutschland-Spiel herzustellen. Glauben Sie, es bildet sich dort jemand ernsthaft ein, eine große Chance zu haben?

          Sie sind sicher, dass es keine Erwartungen in Aserbaidschan gibt?

          Auf Platz 119 der Weltrangliste kann man keine Ansprüche stellen, wenn es gegen die etablierten Mannschaften geht. Und ich denke, wir werden im Fall von Deutschland in der Qualifikation sogar noch gegen den Europameister von 2008 spielen. Statt darauf zu hoffen, Deutschland und Russland zu schlagen und Gruppen-Erster zu werden, geht man besser Lotto spielen. Es geht um andere Dinge. Wenn ich heute nach Schottland fahre, sehe ich, wie sinnvoll es war, dort eine junge Mannschaft aufzubauen, die heute zu einer schlagkräftigen Elf geworden ist.

          Zuvor waren Sie in Nigeria. Was hat dort zur Trennung geführt?

          Die Spieler haben mir sehr viel Freude bereitet, sie haben mir die Freude am Fußball wiedergegeben. Aber irgendwann muss man die eigene Würde schützen. Da sind unglaubliche Dinge passiert, nicht nur, dass ich von Journalisten bespuckt wurde. Auch im Verband sind seltsame Dinge passiert, die nichts mit afrikanischer Lockerheit zu tun haben. Es kann nicht sein, dass Spieler bis drei, vier Uhr morgens unter Druck gesetzt werden und ich sie ins Bett schicken muss.

          Otto Pfister hat Sie kritisiert, Sie hätten zu „deutsch“ gearbeitet und auf afrikanische Belange zu wenig Rücksicht genommen.

          Der gute Mann hat auch gesagt, man dürfe Dinge in Afrika nicht über die Öffentlichkeit regeln wollen. Ich erinnere mich an die WM 2006 als er während des Turniers in Deutschland bei Togo mit großem Medientheater zurücktrat, weil die Prämien fehlten. Ein paar Tage später war er wieder da.

          In Aserbaidschan werden Sie öfter sein als in Nigeria?

          Natürlich. Soll ich Ihnen den Grund dafür nennen?

          Bitte.

          Weil bis auf ganz wenige Ausnahmen die Spieler alle in der heimischen Liga spielen. Die nigerianischen Nationalspieler stehen fast alle bei großen europäischen Vereinen unter Vertrag. Was würde es da für einen Sinn machen, ständig dort zu sein?

          Wann wird es Ihr erstes Länderspiel mit Aserbaidschan geben?

          Anfang Juni geht es gegen Andorra. Ich fliege jetzt am 13. April rüber. Wir werden Fitnesschecks machen, um einen Überblick über den Leistungsstand zu bekommen.

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