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Im Gespräch: Aserbaidschans Trainer Berti Vogts : „Die Vorbereitung war eine Katastrophe“

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Berti in Baku: „Es ist mehr als ärgerlich, dass man diesem frühen Termin überhaupt zugestimmt hat” Bild: AFP

Der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts betreut derzeit die Nationalmannschaft Aserbaidschans. Am Mittwochabend spielt er nun gegen sein Heimatland um WM-Punkte. Im FAZ.NET-Interview spricht Vogts über das Reiseland Südafrika, fehlende Organisation und sowjetische Stadien.

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          Berti Vogts, heute 62 Jahre alt, gewann als Bundestrainer (1990 bis 1998) in England 1996 den EM-Titel. In 102 Länderspielen als Bundestrainer kassierte er nur zwölf Niederlagen. Nach dem Aus im Viertelfinale der WM 1998 trat er zurück. Vogts betreute unter anderem Schottland, Nigeria und Kuweit als Nationaltrainer.

          Derzeit betreut Vogts die Nationalmannschaft Aserbaidschans. Am Mittwoch (18 Uhr/ FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) spielt er nun gegen sein Heimatland um WM-Punkte. Im FAZ.NET-Interview spricht Vogts über das Reiseland Südafrika, fehlende Organisation und russische Stadien.

          Wo werden Sie nächstes Jahr im Juni und Juli sein?

          Keine Ahnung, das ist noch lange hin.

          „Für Aserbaidschan geht es darum, den Anschluss zu finden”
          „Für Aserbaidschan geht es darum, den Anschluss zu finden” : Bild: dpa

          Wie wäre es mit Südafrika?

          Dort war ich schon sechs, sieben Mal im Urlaub. Wenn die WM läuft, das sage ich offen und ehrlich, sind mir dort wahrscheinlich viel zu viele Menschen.

          Aber mit Aserbaidschan spielen Sie als Nationaltrainer um die Qualifikation zur WM. Keine Lust, dabei zu sein?

          Sie sind lustig. Was hat denn das mit Lust zu tun! Für Aserbaidschan geht es darum, in vier bis fünf Jahren den Anschluss an Europa zu finden. Dazu muss sich einiges ändern. Wir sind 140. der Weltrangliste.

          Drei besser, 137.

          Sehen Sie – und Sie fragen nach Südafrika. Realistisch betrachtet, war es nie ein wirkliches Thema, dass wir uns qualifizieren. Wir haben andere Sorgen.

          Und welche sind das?

          Allein die Vorbereitung auf das Spiel gegen Deutschland war eine einzige Katastrophe. Erstens läuft die Saison noch nicht, dann mussten wir das Trainingslager in der Schweiz und die vier Testspiele absagen, weil zwei Klubteams Qualifikation zur Europa League und der Champions League gespielt haben. Ich hatte plötzlich gerade mal zwölf Spieler auf dem Trainingsplatz.

          Das heißt, Sie gehen jetzt ohne Vorbereitungsspiel in das Länderspiel gegen Deutschland?

          Es ist mehr als ärgerlich, dass man diesem frühen Termin überhaupt zugestimmt hat. Das hat auch etwas mit der Unerfahrenheit des Verbandes zu tun. Gerade gegen einen großen Gegner muss man sich vorbereiten.

          Das klingt nicht optimal, welche Strukturen finden Sie grundsätzlich in Aserbaidschan vor?

          Vom Niveau her würde ich die Liga im unteren Drittel der deutschen dritten Liga ansiedeln. Es gibt sehr viele Ausländer, die hier in der Liga spielen, was dazu führt, dass auch viele meiner Spieler zu viel auf der Bank sitzen. Grob gerechnet sind es 200 Spieler, aus denen Nationalmannschaft und U 21 rekrutiert werden.

          Woran fehlt es am meisten?

          Es fehlen Fußballplätze, es fehlt die Talentförderung, in Schulen wird viel zu spät damit begonnen. Man setzt sich überhaupt zu spät mit dem Wettkampfgedanken auseinander. Wir haben zum Beispiel keinen wirklichen Torjäger. Gegen Liechtenstein haben wir 90 Minuten auf ein Tor gespielt und keinen Treffer erzielt.

          Was reizt Sie überhaupt an diesem Job, der nach viel Mühe klingt?

          Den ganzen Aufbau anzuschieben. Allerdings darf es kein Tabu mehr sein, dass in Zukunft mindestens vier Einheimische in den Teams der ersten Liga spielen. Das würde ich sogar als Voraussetzung für meine weitere Arbeit ansehen.

          Wie darf man sich das Leben in Baku, der Hauptstadt, vorstellen?

          Baku können Sie mit einer italienischen Stadt vergleichen. Es liegt direkt am Kaspischen Meer. Das Land hat 8,5 Millionen Einwohner, davon leben etwa vier Millionen in Baku. Ich kann jedem Deutschen nur empfehlen, sich diese wunderschöne Stadt mal anzuschauen.

          Was erwartet die deutsche Mannschaft in Baku?

          Freundliche und offene Menschen, die vieles, was man den Deutschen an Tugenden nachsagt, sehr bewundern. Die Deutschen sind nicht nur im Fußball ein großes Vorbild. Man schätzt die Werte der Deutschen. Um 21 Uhr zur Anstoßzeit sind es 22 bis 23 Grad, also auszuhalten.

          Und das Stadion?

          Ein typisches altes sowjetisches Stadion, der Platz allerdings ist in einem Top-Zustand.

          Es gibt also positive Ansätze?

          Im Ringen und im Schach sind die Aserbaidschaner Weltspitze, aber im Fußball weiß man, dass man noch viel aufzuholen hat. So muss sich erst einmal der Gedanke durchsetzen, dass eine Stunde Training am Tag nicht genug ist. Wenn die Spieler etwa am Donnerstag vom Nationalteam in ihre Klubs zurückkommen, müssen sie sich erst einmal vom vielen Training ausruhen.

          Sie sind ganz alleine in Aserbaidschan?

          Nein, wir sind zu fünft. Olaf Janßen, Uli Stein, Dr. Van Alster und ein Physiotherapeut.

          Ihr Vertrag läuft noch bis Jahresende, werden Sie verlängern?

          Irgendwann werden wir Gespräche führen. Es gibt ein paar Angebote, aber ich habe jetzt erst einmal einen Job hier zu machen. Die Leute, die mittlerweile im Verband tätig sind, der Präsident, der Generalsekretär, schauen nach vorne und wollen weiter viel verändern.

          Wem drücken die Menschen in Aserbaidschan eigentlich die Daumen, wenn der DFB gegen Russland spielt?

          Natürlich den Deutschen. Das tun sie immer. Russland wird noch ein sehr schweres Spiel in Aserbaidschan haben.

          Das gilt für Deutschland nicht?

          Gegen Deutschland will man vom Lehrmeister lernen, im Fall von Russland gibt es in Aserbaidschan viele Ressentiments, die fast an Hass grenzen. Man hat sich jahrelang von den Russen ausgebeutet und unterdrückt gefühlt.

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