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Nationalspieler Ilkay Gündogan : „Vorbildfunktion – das erwartet man natürlich auch von Funktionären“

Eher weniger. Ich habe versucht, das nicht in meinen Kopf zu lassen. Aber die Schmerzen haben natürlich für sich gesprochen. Und je länger man ausfällt, desto mehr zweifelt man an sich selbst. Trotzdem hatte ich immer die Motivation, zum Arzt zu gehen, zu den Physios, und meine Therapie zu machen. Ich hatte immer Hoffnung, dass es vorangeht. Dass ich letztlich eine OP gebraucht habe, war dann noch einmal etwas komplett anders. Das war wie ein Cut: Jetzt haben wir alles ausprobiert, es hat nicht funktioniert - was ist, wenn es durch die OP auch nicht besser wird? Es war ein großes Glück, dass danach eigentlich alle Probleme weg waren. Dass ich nicht nur schmerzfrei wieder spielen und trainieren kann, sondern auch einen normalen Alltag habe. Da ist ein Stück Lebensqualität zurückgekommen, nicht nur, was den Sport betrifft. Ein schönes Gefühl, wieder so leben zu können.

Was ist damals abseits des Platzes alles schwergefallen?

Das hat schon morgens angefangen: mit dem Aufstehen aus dem Bett, weiter übers Anziehen, Hose, Socken, Schuhe, ins Auto reinsetzen. Autofahren war gerade so okay, ging aber auch nicht lange. Man kann sich vorstellen, dass das wirklich die Hölle ist, wenn man als 23-Jähriger komplett eingeschränkt ist in seiner Beweglichkeit, das hat sich oft auch mental ausgewirkt.

Denken Sie oft an diese Zeit zurück und verschaffen sich dadurch ein gutes Gefühl?

Immer weniger. Es liegt ja in der Natur des Menschen, dass man solche Sachen vergisst. Manchmal sollte man sich vielleicht schon an diese Phase zurückerinnern, um das Leben, das man jetzt wieder genießen darf, noch mehr wertzuschätzen.

Sie engagieren sich stark für soziale Projekte, gerade im Bereich Integration. Machen Sie sich Gedanken über das, was derzeit Montagabends so auf deutschen Straßen los ist, über das Flüchtlingsthema und das Klima im Land?

Definitiv, das geht nicht an einem vorbei. Ich finde schon, dass wir in Deutschland sehr gastfreundlich sind, und dass wir helfen wollen, dafür gibt es genug Beispiele. Andererseits verstehe ich auch Menschen, die ein bisschen ängstlich sind in dieser Hinsicht. Es ist ein sehr sensibles Thema, zu dem ich aber auch eine klare Meinung habe.

Welche?

Ich bin der Meinung, dass jeder eine faire Chance verdient hat, dafür müssen wir schon offen sein. Mein Großvater, der hier vor 30, 40 Jahren hergekommen ist, hat auch seine Chance bekommen, und er hat sie genutzt. Wenn er sie nicht bekommen hätte, würde es eine Nationalmannschaft mit mir gar nicht geben, und das ist bei vielen anderen im Team ja auch so.

Man kann das Gefühl bekommen, dass sich die Stimmung verdüstert: Das Thema bewegt die Menschen nicht nur, es scheint manche regelrecht aggressiv zu machen. Bekommen Sie davon etwas mit, etwa in den sozialen Netzwerken?

Das ist etwas, was ich überhaupt nicht verstehe: wie so ein Thema einen Menschen aggressiv machen kann. Man muss sich vorstellen, dass da Menschen aus Ländern kommen, in denen Krieg herrscht. Und denen mit Aggression zu begegnen, oder auch den Politikern hier, das kann ich nicht nachvollziehen: als Mitglied der Nationalmannschaft und als Mensch, der sich selbst als Deutscher sieht, der hier geboren ist und immer hier gelebt hat.

Spielplan und Termine der Fußball-EM 2016 in Frankreich

Das Thema scheint Sie mehr zu bewegen als das, was bei Fifa oder DFB los ist.

Ja, weil es das Leben ist. Das alltägliche Leben. Das eine gehört irgendwo mehr in die Welt des Business. Das ist schon auch irgendwo wichtig. Aber wenn man dann sieht, dass Kleinkinder, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, hierherkommen, in ein komplett neues Land, wo sie nichts kennen, wo sie nicht wissen, wie es weitergeht, wo sie schlafen sollen, was für Essen sie kriegen, ob sie überhaupt etwas zu essen kriegen - dann ist das natürlich eine Sache, die einen sehr beschäftigt.

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