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Nationalspieler Gündogan : Ein Unikat

Belebendes Element: Ilkay Gündogan hat schon einige Tiefschläge verkraften müssen, ist aber immer wieder aufgestanden und voller Tatkraft zurückgekehrt. Bild: Picture-Alliance

Extrem ballsicher und stets in der Lage, mit seinen Pässen das deutsche Offensivspiel zu veredeln. Ilkay Gündogan nimmt im Nationalteam den nächsten Anlauf und hat vorerst nur ein Ziel: Gesund bleiben.

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          Vielleicht war der Spieler, der dem deutschen Team zuletzt bei der Europameisterschaft gefehlt hat, ja gar kein Stürmer, gar kein Akteur, dessen Stärke im ausgewiesenen Durchsetzungsvermögen im gegnerischen Strafraum liegt – vielleicht hat ja einer gefehlt, von dem man schon lange angenommen hat, dass er der Fußball-Nationalmannschaft eine besondere Qualität verleihen, sie gar auf ein anderes Niveau heben könnte. Nun also ist Ilkay Gündogan wieder im Kreis der Auserwählten für die WM-Qualifikationsspiele an diesem Samstag gegen Tschechien (20.45 Uhr, RTL und im Liveticker bei FAZ.NET) und am Dienstag gegen Nordirland dabei – und er formuliert erst einmal vergleichsweise bescheidene, für ihn aber höchst anspruchsvolle Ziele: „Vor allem, gesund bleiben.“

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Daran ist der ehemalige Dortmunder in der Vergangenheit schließlich immer wieder gescheitert. 2013, als er mit dem BVB bis ins Finale der Champions League vorstürmte, galt er vielen schon als der kreativste Kopf im deutschen Mittelfeld – die WM im folgenden Jahr und die Krönung mit dem Titelgewinn aber verpasste er wegen einer langwierigen Rückenverletzung, die zwischenzeitlich auch die Fortsetzung seiner Karriere gefährdete. Aber Gündogan kämpfte sich durch die Reha-Zeit, brauchte ein wenig, um in die Nähe der alten Form zu kommen, und galt als sicherer Kandidat für die Europameisterschaft in Frankreich – bis ihn eine ausgerenkte Kniescheibe wieder stoppte. „Große Turniere und ich – das hat bislang nicht so gut zusammen gepasst“, sagt der erst 25 Jahre alte Spielmacher. „Es war extrem bitter, aber umso mehr schätze ich es jetzt wert, wieder gesund zu sein.“

          Das macht auch Bundestrainer Joachim Löw, der verständlicherweise nie einen Hehl aus seiner Begeisterung für Gündogan gemacht hatte – kein Wunder, gilt der doch als ein Spieler, der mit seinen überraschenden Pässen und Einfällen das Angriffsspiel seiner jeweiligen Mannschaft extrem bereichern kann – was bei der Europameisterschaft in jeder Hinsicht durchaus weitergeholfen hätte. Dass Löw ihn deshalb nach nur drei Spielen in der Premier League zurück in den Kreis der Nationalmannschaft geholt hat, ist deshalb keine besondere Überraschung.

          Trotz des Überangebots an guten bis sehr guten Mittelfeldspieler ist Gündogan schließlich ein Unikat geblieben. Extrem ballsicher, aber eben mit der Fähigkeit, seine hohe Passquote mit den entscheidenden Anspielen in die Spitze zu veredeln, was ein Ende der deutschen Offensivkrise vielleicht am ehesten einleiten könnte. Gündogan als Schweinsteiger-Konkurrent hieß es deshalb schon vor ein paar Jahren, daraus wird nun Gündogan als Schweinsteiger-Nachfolger. „Ich wäre froh, wenn meine Karriere so ähnlich verlaufen würde wie die von Basti“, sagt der Hochgelobte nur dazu, der ansonsten von Vergleichen dieser Art nur wenig hält: „Ich habe nicht das gleiche Spiel wie Basti.“

          „Große Turniere und ich – das hat bislang nicht so gut zusammen gepasst“

          Die Rückkehr von Gündogan erklärt auch ein wenig den Verzicht von Löw auf den Dortmunder Gonzalo Castro, der das Spiel des BVB nach dem Wechsel seines Vorgängers zu Manchester City überaus auffällig antreibt. Die Premier League aber soll dem Mann, auf dem die größten Hoffnungen auf mehr Überraschendes im deutschen Spiel Richtung WM 2018 in Russland ruhen, den nötigen Feinschliff und – noch besser – die in seinem Fall besonders wichtige Robustheit geben. „In jedem Fall ist die englische Liga derzeit die stärkste der Welt, weil fünf, sechs Mannschaften um den Titel spielen“, sagt er. Allen voran natürlich sein Klub, der momentan an der Tabellenspitze steht.

          In seinem Interesse an einer Verpflichtung von Gündogan ließ sich Pep Guardiola auch nicht von dessen Knieverletzung beeinflussen. Der Spanier schätzte Gündogans Fähigkeiten schon in seiner Zeit bei Bayern München und lässt ihm nun auch die nötige Zeit, sich langsam wieder seiner besten Form zu nähern. Ob die Premier League allerdings auch die Liga mit der größten Anforderung auf dem Platz ist, will Gündogan noch nicht abschließend beantworten: „Ich habe in der Intensität noch keinen Unterschied bemerkt, aber ich habe ja auch erst drei Spiele gemacht.“

          Dieser nicht zu vernachlässigende Umstand aber bleibt das Fragezeichen Richtung WM 2018, denn niemand zweifelt daran, dass sich die spielerischen Optionen des deutschen Teams mit einem gesunden Gündogan auffällig erhöhen. In den vergangenen drei Jahren hat er nur acht Länderspiele mitgemacht – und immer stand die Hoffnung dahinter, er könne zum kreativen Kopf des Teams werden. Das ist dieses Mal nicht anders, zumal nach den Erkenntnissen aus der EM, bei der trotz viel Ballbesitz nur wenige zwingende Torchancen erspielt werden konnten.

          Wer in jungen Jahren schon so viel mitgemacht hat wie Gündogan, den schrecken solche Erwartungen offenbar nicht mehr. „Ich versuche, meinen Beitrag einzubringen, viel mehr brauche ich mir nicht vorzunehmen“, sagt er. Ansonsten will er aus guten Gründen vor allem den Moment genießen: „Das Gefühl des ,Comebackers‘ kenne ich zur Genüge.“

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