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Huub Stevens beim PSV Eindhoven : Kampf gegen den Abwärtsstrudel

Den Daumen oben, doch der Blick ist Ernst: Für Huub Stevens war die Niederlage gegen Atletico „zwei Schritte zurück” Bild: REUTERS

In Deutschland hat Huub Stevens stets Klubs trainiert, die nach oben wollten. Mit dem PSV Eindhoven hat Stevens einen Klub übernommen, der zu den Verlierern des Klimawandels im europäischen Fußball zählt - das zeigt auch die Champions-League-Auftaktniederlage gegen Atletico Madrid.

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          Der junge Mann, der demnächst Diego Maradona zum Opa macht, ließ auch Huub Stevens alt aussehen. Oder zumindest deutlich älter, als man ihn aus Deutschland kannte. Zwei bärenstarke Tore hatte Sergio Agüero erzielt, der mit Maradonas schwangerer Tochter Giannina liiert ist. Danach war es ein Spaziergang für Atletico Madrid zum 3:0-Auftaktsieg beim PSV Eindhoven in der Champions League.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Agüeros Trainer Javier Aguirre schwärmte, er sei „ein phantastischer Fußballer, eine Augenweide“. Und auch der niederländische Kollege, auch Huub Stevens schien von der Klasse, die der Stürmer aus Argentinien und das Team aus der Fußball-Weltstadt Madrid in der Brabanter Provinz verbreiteten, fast schwärmerisch gestimmt - ein Team, dessen Stärke Stevens „auf eine Stufe mit der des FC Liverpool“ stellte.

          Stevens hatte nicht den flackernden Blick, den giftigen Ton

          Der Trainer, den man in elf Jahren im deutschen Fußball als bissigen Antreiber kannte, hatte am Dienstag abend nicht den flackernden Blick, den giftigen Ton, den er sonst bei Niederlagen zeigte. Zurückgekehrt zu jenem Klub, mit dem er als Verteidiger 1978 den UEFA-Cup gewann, heimgekehrt, um der schwer kranken Ehefrau näher zu sein, wirkt Huub Stevens beinahe milde und nachsichtig. „Ich verliere lieber 0:3“, sagte er banal, „als dreimal 0:1“.

          Sinnbild: Sergio Agüero und Atletico Madrid ziehen davon, Jérémy Bréchet und der PSV Eindhoven straucheln

          Es ist eine Nachsicht, die auch aus der Einsicht in beschränkte Möglichkeiten erwächst. In den letzten vier Jahren war der PSV viermal Landesmeister, überstand dreimal in der Champions League die Vorrunde, und einmal, 2005 unter Guus Hiddink, war es erst ein Tor des AC Mailand in der Nachspielzeit, das die Niederländer den Einzug ins Endspiel kostete. Doch seitdem „ist der PSV zu leichtgewichtig für den europäischen Spitzenfußball“ geworden, befindet das „NRC Handelsblad“, ein Urteil, das für die ganze heimische Liga gilt: „Der Abstand zwischen der Ehrendivision und der Spitze Europas, so wie es die Kräfteverhältnisse zwischen PSV und Atletico zeigen, ist mit jedem Jahr größer geworden.“

          Längst ziehen auch Defensivkräfte dorthin, wo mehr Geld fließt

          Ähnlich wie das deutsche Pendant Bayer Leverkusen lebte der Philips-Klub jahrelang davon, Offensivtalente zu finden, mit denen man Erfolg hatte, ehe man sie mit hohem Gewinn verkaufte. Weltstars wie Romario, Ronaldo oder Ruud van Nistelrooy wurden in Eindhoven groß. Doch mittlerweile kann das beste Team der Niederlande nicht einmal mehr die Leute halten, die alles zusammenhielten. Längst ziehen auch Abwehrkräfte und defensive Mittelfeldspieler dorthin, wo mehr Geld fließt.

          So verlor der PSV in den letzten Jahren Spieler wie Ooijer, Bouma, van Bommel, Vogel, Alex, zuletzt auch Torwart Gomes. Die neue Innenverteidigung um den Franzosen Jérémy Bréchet zeigte sich vom Tempo der Madrilenen überfordert. Der „Telegraaf“ nannte es einen „Tiefpunkt in der PSV-Historie“. Es kann noch tiefer gehen. Einkäufe wie die Atletico-Stars Agüero (23 Millionen Euro), Diego Forlan (21 Millionen), Simao (20 Millionen) oder Raul Garcia (16 Millionen) sind utopisch für die Niederländer.

          In Eindhoven übernahm Stevens einen Klub im Abwärtsstrudel

          Der PSV ist seit jeher ein Geberklub - doch die Diskrepanz zu den Nehmerklubs, die Distanz zwischen denen, die ausgeglichen wirtschaften, und denen, die das nicht tun müssen (oder wollen), ist immer größer geworden, seit Milliarden-Mäzene nicht nur in England, auch in Ländern wie der Ukraine oder Rumänien im Spiel sind und andere, wie Atletico, mit hohem Risiko auf Pump Spitzenteams zusammenkaufen.

          Profis wie Luis Garcia oder Maniche, der das dritte Tor schoss, waren mit ihren früheren Klubs Champions-League-Sieger - die Spieler, die zum PSV kommen, kommen meist aus der holländischen Provinz. Es ist eine ganz andere Situation als die, die Stevens in Schalke und Hamburg, ja selbst in Berlin und Köln angetroffen hatte. Bei seinen deutschen Stationen hatte er Klubs mit Entwicklungsmöglichkeiten, und so schaffte er überall einen Aufwärtstrend. In Eindhoven übernahm einen Klub im Abwärtsstrudel, einen, der zu den Verlierern des Klimawandels im europäischen Fußball gehört. „Wir sind in der Phase der kleinen Schritte“, sagte Stevens, „heute waren das zwei zurück.“

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