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Marcell Jansen beim HSV : Der Sonnyboy zeigt Härte

  • -Aktualisiert am

Junger Mann in Führungsposition: Marcell Jansen beim HSV. Bild: dpa

Mit nur 34 Jahren ist Marcell Jansen ein erstaunlich junger Aufsichtsratsvorsitzender. Dabei hilft dem ehemaligen HSV-Spieler auch die Unterstützung des Milliardärs aus Mallorca - aber nicht nur.

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          Vorstellen musste sich Marcell Jansen eigentlich nicht. Er hatte ja zwischen 2008 und 2014 für den Hamburger SV Fußball gespielt. Aber er wollte gern seine Gedanken und Ideen präsentieren, jetzt, da er ein wichtiges Amt bei der HSV Fußball AG einnimmt. Wie es in diesen Zeiten so ist, gab es die Pressekonferenz per Videoschalte. Und darin skizzierte Jansen, worauf es beim HSV ankomme, um wieder oben anzukommen: „Teamfähigkeit, Teamplay, Kommunikation.“ Jetzt könnte man ketzerisch fragen: Was hatten diese Begriffe in den vergangenen zehn Jahren mit dem HSV zu tun?

          Jansen ist mit nur 34 Jahren ein erstaunlich junger Aufsichtsratsvorsitzender. Seit Bernd Hoffmann Ende März als Vorstandschef der Fußball AG entlassen wurde, kommt Jansen eine besondere Rolle zu. Er übernahm den Posten als Chefkontrolleur, weil sein Vorgänger Max-Arnold Köttgen ohne Hoffmann nicht weitermachen wollte. Wiederum als Hoffmanns Nachfolger hatte sich Jansen vor einem Jahr zum Präsidenten des HSV e.V. wählen lassen und so einen Sitz im Kontrollgremium erhalten. Schon damals hatten viele gesagt, Jansen strebe weniger danach, die Tischtennis- und Leichtathletik-Abteilung zu besuchen, sondern auf den Profifußball zu schauen. Das darf er nun – von ganz oben.

          Dass diese Aufgabe hochgradig kompliziert und anspruchsvoll ist, liegt beim HSV in der Natur der Sache. Zwei Vertraute Hoffmanns, dessen Vertrag am Dienstag endgültig aufgelöst wurde, sitzen weiterhin als Vizepräsidenten im Präsidium des eingetragenen Vereins und könnten Jansen dort das Leben schwermachen, schließlich war er doch derjenige, der für den Stimmungsumschwung gegen Hoffmann im Aufsichtsrat gesorgt hatte. Anfangs war Jansen noch ganz auf dessen Seite gewesen. Er wolle den HSV einen, sagte Jansen bei seiner Präsentation. Er kann damit sofort im eigenen Präsidium beginnen. Und in der Mitgliedschaft und bei der Fan-Basis weitermachen. Denn Jansen gilt als Mann an Klaus-Michael Kühnes Seite. Schon als Spieler hatte Jansen ihn einmal auf Mallorca besucht; der Milliardär machte sich daraufhin für eine Vertragsverlängerung stark. Im aktuellen Streit um Hoffmann, der Kühne auf Abstand halten wollte, plädierte Kühne sogar für Jansen als Vorstandschef. Das wolle er gar nicht werden, hat Jansen mehrfach gesagt.

          Trotzdem öffnet sich die Tür für Kühne nun wieder. Derzeit hält er 20,6 Prozent der Aktien an der HSV Fußball AG. Mehr als 24,9 Prozent dürfen nicht verkauft werden – Stand jetzt. Es sei seine Aufgabe, zu prüfen, was der Verein als Option alles ausschöpfen könne, sagte Jansen: „Das Thema Eigenkapital ist immer wichtig.“ Klar ist: Ohne Hoffmann, dafür mit Jansen und weiterhin mit Frank Wettstein, dem Finanzvorstand und Kühne-Befürworter, könnte Kühne wieder mehr Einfluss bekommen. Vielleicht auch dergestalt, Anteile über 24,9 Prozent hinaus zu erwerben.

          Es fiel auf, dass auch Sportvorstand Jonas Boldt den Milliardär jüngst lobte und in Schutz nahm. Jansen nun als Kühnes verlängerten Arm zu bezeichnen wäre dann aber doch nicht angemessen – Jansen wird schon wissen, dass zu viel Nähe zu Kühne schädlich sein kann. Es gab etliche Personen beim HSV, die Kühne erst schätzte, dann fallenließ, wenn sie anders handelten, als er wollte – oder wenn der sportliche Erfolg ausblieb. Den HSV zu einen ist mit Kühne an Bord bestimmt nicht einfacher.

          Schritt zum Unternehmer vollzogen

          Die neue Einheit in der Führungsspitze empfand Jansen wiederum als dringend nötig. Er sagt: „Wir hatten Risse im Vorstand. Was wir brauchen, um erfolgreich zu sein, ist aber ein Vertrauensverhältnis auf allen Ebenen.“ Hoffmanns Alleingänge hatten Jansen zuletzt derart abgestoßen, dass er für die Trennung von ihm votierte. Eine Härte und Klarheit, die mancher dem stets zuversichtlichen Sonnyboy, der er als Spieler war, gar nicht zugetraut hätte. Aber Jansen hat eben selbst mitgemacht, wie die Dinge beim HSV laufen. Im Falle des Misserfolgs werden Schuldige gesucht. Sage und schreibe vier Trainer erlebte Jansen in seiner letzten aktiven Saison 2014/15. Danach war Schluss, mit 29 Jahren.

          Moin, moin: Von 2009 an spielte Jansen fünf Jahre lang für den HSV.
          Moin, moin: Von 2009 an spielte Jansen fünf Jahre lang für den HSV. : Bild: dpa

          Er wurde anfangs belächelt, als er sagte, da müsse mehr im Leben sein als Fußball. Doch da war mehr. Jansen gründete seine MJ Beteiligungs GmbH, kaufte Anteile an einem Sanitätshaus, an Restaurants und einem Fitness-Mode-Label. An fünf Start-ups ist Jansen inzwischen beteiligt; den Schritt zum Unternehmer hat er vollzogen, mit einer Hartnäckigkeit, die manchen Wegbegleiter der rheinischen Frohnatur überrascht hat. Als Kritiker des HSV-Weges blieb Jansen der Hansestadt treu. Spätestens mit dem Abstieg 2018 sah er seine Zeit gekommen, ein Funktionärsamt beim HSV anzustreben.

          Auf diesem Wege ist er nun oben angekommen. Und dass er weiterhin für die „Dritte“ des HSV in der Oberliga die Knochen hinhält, verleiht ihm – wenn man so will – einen zusätzlichen Schuss Glaubwürdigkeit. Keine Märchenschlösser hat er bei seiner Vorstellung versprochen. Sollte es am Ende der Saison (so sie beendet wird) nichts werden mit dem Aufstieg, nehme man in der nächsten Spielzeit wieder einen Anlauf. In diesem Zusammenhang lobte Jansen Finanzchef Wettstein, der für die nötige Liquidität sorgt. Dass es beim HSV in den vergangenen Jahren aber weniger am Geld, sondern am Zusammenhalt mangelte, das weiß Jansen natürlich sehr gut.

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