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Hamburg in der Relegation : Wie Tim Walter den HSV wiederbelebt hat

  • -Aktualisiert am

Cheftrainer Tim Walter: „Der neue HSV steht für Mut und Widerstandskraft“. Bild: picture alliance/dpa/Revierfoto

Trainer Walter und sein Team stehen kurz vor der Rückkehr in die erste Fußball-Bundesliga. Und nicht nur das. Die Fans, die sich in den vergangenen Jahren abwandten, kehren zurück.

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          Ein blau-weiß-schwarz gestrichener Stromkasten in Eidelstedt, eine Lokstedter Parkbank, deren Rückenlehne in den HSV-Farben angemalt ist, Vereinsflaggen in Schnelsener Kleingärten: Wer Hamburg in diesen Tagen abseits der angesagten Szene-Viertel und beliebtesten Familien-Quartiere durchstreift, bemerkt, wie präsent der Verein ist.

          Bundesliga

          Nicht auf der Schanze oder etwas weiter in St. Pauli. Auch nicht in Ottensen. Aber da, wo die Orte weniger hip und dafür struppiger werden, wo die Gentrifizierung noch nicht voll durchgeschlagen hat mit ihrer Gewissheit, dass der FC St. Pauli der sehr viel coolere Klub ist, wenn man sich im Gespräch während einer Poké-Bowl-Pause schon für Fußball interessieren muss, in Eidelstedt, Lokstedt und Schnelsen beispielsweise – das ist nach wie vor HSV-Kernland.

          „Der HSV steht wieder für etwas“

          Und es täuscht nicht, dass die Farben vom Volkspark gerade wieder häufiger im Stadtbild zu sehen sind. Sogar Menschen in Trikots mit der Raute auf der Brust zeigen sich. Die aktuelle Variante, gerne in der Version „Glatzel“ oder „Jatta“, oder eine alte, mit dem Sponsor „Emirates“ und „Holtby“ auf dem Rücken.

          „Der HSV hat eine Identität kreiert, die in den vergangenen Wochen wohlwollend aufgenommen worden ist“, hat Trainer Tim Walter gesagt, „der HSV steht wieder für etwas, das haben die Leute gemerkt, und ihre Unterstützung ist wunderschön.“

          Es geht ihm nicht nur um die rein faktische Begleitung, die er sich von den sicher 50.000 HSV-Fans unter den 54.000 Zuschauerinnen und Zuschauern am Montagabend erhofft. Mitgedacht und mitgemeint ist ideeller Beistand. Der kann nämlich auch tragen.

          Vor allem dann, wenn sich die ganze Stadt von einem abgewandt hatte, weil vieles am Handeln der vergangenen knapp vier Jahre einfach nur peinlich war. Bei allem Bemühen, es richtig zu machen, hatte sich der HSV seit dem Abstieg 2018 von seiner großen Anhängerschar im Norden entfremdet.

          Sicher, da waren die Enthusiasten, die immer kommen, jene 20.000, die auch bei Regen zum Nachholspiel gegen Aue an einem Dienstagabend in die abseits in Stellingen liegende Arena trotteten. Für sie haben „Norbert und die Feiglinge“ 1997 den Song „Trotzdem HSV“ geschrieben. Darin heißt es: „Und wir gehen immer noch zum HSV / Warum, wissen wir selber nicht so ganz genau“. Eine alterslose Perle.

          Abwinken und Mitleid

          Man selbst musste sich genau überlegen, bei wem man das Thema HSV überhaupt noch platzierte. Immerhin mit dem Postboten ging das noch sehr gut. Das Muster: Klage-Zustimmung-Klage-Verabschiedung. Darüber hinaus hatte der Verein seine Anschlussfähigkeit verloren. Zuletzt war da im Kreis der eigenen Freundinnen und Freunde nicht mal mehr Spott. Nur noch Abwinken. Oder Mitleid. Oder gleich Ignoranz: „Wie haben die gespielt? Vorgestern? In Sandhausen?“

          Bald wieder obenauf? Josha Vagnoman (r.) und der HSV gewannen das Hinspiel gegen Hertha BSC mit 1:0.
          Bald wieder obenauf? Josha Vagnoman (r.) und der HSV gewannen das Hinspiel gegen Hertha BSC mit 1:0. : Bild: picture alliance/dpa/Revierfoto

          Und jetzt, als sich selbst die Unverbesserlichen auf ein weiteres Jahr in der zweiten Liga eingestellt hatten, das gar nicht so schlimm fanden, weil man im Unterhaus wenigstens mal gewinnt und sich nicht in München blamiert – gewinnt der HSV mit diesem Egomanen Walter an der Spitze sechs Mal hintereinander. Hat plötzlich gute Aussichten, das Rückspiel gegen Hertha BSC Berlin nach dem 1:0 vom Donnerstag zu überstehen und aufzusteigen. Die Skepsis ist wie weggewischt – ohne in Arroganz umzuschlagen.

          Revival der Raute: HSV-Fans beim Hinspiel in Berlin
          Revival der Raute: HSV-Fans beim Hinspiel in Berlin : Bild: Witters

          Natürlich muss man beim HSV immer alles für möglich halten. Noch vor sechs Wochen wirkten Walter und Vorstand Jonas Boldt schwer angezählt. Das 0:1 in Kiel war die Fortschreibung des bekannten Narrativs. Doch statt einzuknicken blieb Walters Team aufrecht.

          Dieses Auftreten dürfte dazu führen, dass Walter und Boldt selbst im Falle des Scheiterns eine nächste Chance bekommen im Sinne von Entwicklung, wie sie der Trainer propagiert. Etwas anderes wäre dem Publikum schwierig zu vermitteln. Wobei Alleingänge Einzelner in der Vereinsführung hier ja eine lange Tradition haben.

          Diesmal soll es anders sein. „Der neue HSV steht für Mut und Widerstandskraft“, sagt Walter, „und wir stehen für Anpassung im Spiel, wenn es mal nicht so läuft.“ Die Resilienz hat er selbst dem Team eingeimpft. Vom ersten Tag an.

          Der Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft ist seiner Beharrlichkeit zu verdanken. Lieber mutig scheitern als halbherzig austrudeln. „Wir hatten keinen Bock mehr auf Platz vier“, hat Walter gesagt. Mit dieser Haltung hat seine Mannschaft die eigenen Lebensgeister geweckt. Und die der Fans. Keine kleine Leistung.

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