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Hamburg entlässt Gisdol : Der HSV im Sturzflug

  • Aktualisiert am

Kollektive Ratlosigkeit beim HSV ob der aktuellen Lage. Bild: Reuters

Die Hamburger beurlauben Markus Gisdol nach der Niederlage gegen den Tabellenletzten Köln. Der neue Trainer steht derweil schon fest. Die grundlegenden Probleme werden dennoch bleiben.

          Mit Tränen in den Augen fuhr Trainer Markus Gisdol vom Parkplatz des Hamburger SV. Bis zuletzt hatte der 48 Jahre alte Schwabe gehofft zu bleiben, aber Vorstandschef Heribert Bruchhagen konnte am Sonntagvormittag nicht anders: Einen Tag nach dem 0:2 gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln beurlaubte er jenen Coach, der den Verein in der Vorsaison vor dem Abstieg gerettet hatte. „Vorzeitige Trennungen von Trainern sind grundsätzlich nicht gewollt, aber wir glauben, dass neue Impulse zwingend notwendig sind, um das nach wie vor angestrebte Ziel Klassenerhalt zu erreichen“, sagte Bruchhagen.

          Der neue Übungsleiter des abstiegsgefährdeten Hamburger SV steht derweil bereits fest. „Wir wissen bereits, wer Trainer wird“, sagte Bruchhagen am Sonntagmittag, nur wenige Stunden nach Bekanntwerden der Entlassung von Gisdol. Einen Namen nannte er aber nicht. Der neue Mann solle „zeitnah“ vorgestellt werden, betonte Bruchhagen weiter. Der Gisdol-Nachfolger soll am Montag um 15.00 Uhr erstmals das HSV-Training leiten.

          „Wir haben Markus Gisdol unseren Dank ausgesprochen“, erläuterte Bruchhagen. „Wir haben die jetzige Situation, so wie sie ist, nicht vorhergesehen und müssen uns nun auch selbst hinterfragen.“ Der Vorstandschef betonte, der neue Coach können von jetzt an mit Sportchef Jens Todt über mögliche Transfers reden. Investor Klaus-Michael Kühne sei in den Trainerwechsel nicht involviert gewesen, darüber aber „komplett informiert“ worden, sagte Bruchhagen. Gezeichnet und ergriffen nahm Gisdol zwischenzeitlich Abschied von seiner Mannschaft und seiner Arbeitsstätte der vergangenen 17 Monate. „Der Verein hat mir mitgeteilt, dass man mich freigestellt hat“, sagte er am Sonntagmorgen. „Ich hätte gerne weitergemacht. Ich muss das akzeptieren“, seufzte er. Er habe sehr gern für den HSV, mit dem Team und mit den Menschen im Verein gearbeitet. „Es war eine sehr intensive Zeit“, sagte der er. „Die Mannschaft kann es auch diese Saison wieder schaffen. Davon bin ich total überzeugt.“ Gisdols Ko-Trainer Frank Fröhling und Frank Kaspari mussten ebenfalls gehen. Das Training übernahm am Sonntag Athletik-Coach Daniel Müssig.

          Der Dauer-Krisenklub HSV ist im Sturzflug Richtung zweite Bundesliga. Das ist nicht Pech, sondern hausgemacht. Lediglich 15 Punkte in 19 Spielen sind ein erschreckendes Zeugnis. So wenige Zähler hatte der hanseatische Traditionsklub nicht mal im Relegationsjahr 2013/14 und in der Katastrophensaison des Vorjahres nach 19 Spielen. Als aussichtsreichster Kandidat auf den Trainerposten wird Bernd Hollerbach gehandelt. Der 48 Jahre Franke trainierte bis zum Sommer vergangenen Jahres den Zweitliga-Absteiger Würzburger Kickers. Hollerbach verfügt über das HSV-Gen. Er war von 1996 bis 2004 beinharter Verteidiger beim HSV, hat später als Ko-Trainer die Felix-Magath-Schule durchlaufen. Im Gespräch sind auch Magath selbst und der frühere Trainer Bruno Labbadia, sogar der bei Ferencvaros Budapest bis 2019 unter Vertrag stehende Thomas Doll.

          Der Neue muss Schwerstarbeit verrichten. Die Offensivabteilung des Bundesligaklubs ist ein Totalausfall. Lediglich 15 Tore erzielte die Mannschaft. Nur der Tabellenletzte Köln (14)  und Werder Bremen (14 nach 18 Spielen) haben weniger. Bobby Wood (1 Tor), Filip Kostic (2) und André Hahn (2) blieben die gesamte Saison blass. Lediglich das 18 Jahre alte Talent Jann-Fiete Arp (2), der zuletzt wegen einer Erkältung fehlte, ist ein Lichtblick.

          In der Mannschaft war keine Handschrift zu erkennen. Gisdol hatte seine Vorstellungen von einer Spielidee, konnte sie bei dem wild und ziellos zusammengekauften Kader aber nie durchsetzen. Jeder der 15 Cheftrainer in den vergangenen 17 Jahren hatte sein System. Gisdol allein hat indes nicht Schuld an dem Schlamassel. Er hatte früh gewarnt und Verstärkungen gefordert. Gekriegt hat er sie nicht. Sportchef Jens Todt steht ebenso am Pranger. „Die Situation hat sich deutlich verschlimmert“, gestand Todt.

          Der Trainer geht von Bord: Am Sonntag verlässt Gisdol nach seiner Entlassung das Volksparkstadion. Bilderstrecke

          Die Verbindlichkeiten des Vereins haben mit 105,5 Millionen Euro einen Höchststand erreicht. Das abgelaufene Geschäftsjahr endete mit dem zweithöchsten Minus in der Klubgeschichte von 13,4 Millionen Euro. Ein Gang in die zweute Liga mit deutlich geringeren Einnahmen aus TV-Topf, Ticketverkauf und Werbeeinnahmen würde die wirtschaftliche Misere nur noch vertiefen, wenn nicht sogar die Existenz bedrohen.  „Unsere Mittel sind begrenzt“, bestätigte Todt. Mit Neid blickt dabei die HSV-Führung nach Köln und auf dessen Sport-Geschäftsführer Armin Veh. Was dem FC mit der Verpflichtung von Torjäger Simon Terodde gelang, hat der HSV bislang versäumt.

          In den Jahren von Abstiegskampf und Niveauverfall seit 2013 wurden mehr als 120 Millionen Euro für zumeist falsche Transfers verbrannt. Sechs Fußball-Lehrer mit unterschiedlichen Spielideen mühten sich mehr schlecht als recht, vier Sportchefs bastelten ziellos am Mannschaftsgefüge. Zwei echte und eine gefühlte Relegation waren die Folge. Der einstige Europacupsieger der Landesmeister verkam durch Misswirtschaft, Dilettantismus, Indiskretionen, Eitelkeiten und Selbstüberschätzung zu einem Dauerkrisenklub. Die Fans sind genervt und wenden sich zunehmend ab. Mit einer 30-minütigen Blockade der Stadionzufahrt verschafften sie sich nach der Niederlage gegen Köln Luft. Einige Profis wie Mergim Mavraj, Gotoku Sakai, Aaron Hunt und Dennis Diekmeier stellten sich und beruhigten die aufgebrachten Anhänger. Bedingungslose Unterstützung kommt aber erst wieder auf, wenn Punkte eingefahren werden.

          Der dienstälteste Bundesliga-Verein, der als einziges Gründungsmitglied noch nie aus der deutschen Eliteliga abgestiegen ist und mit seiner Lebensuhr sowie dem Dino-Maskottchen werbewirksame Alleinstellungsmerkmale im Oberhaus besitzt, ist reif für die zweite Liga. Ob ein neuer Trainer diesen Niedergang stoppen kann, ist fraglich. Kurzfristige Effekte gibt es bei einem Trainerwechsel jedoch in den allermeisten Fällen. Jüngstes Beispiel ist Köln.

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