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Bundesliga-Kommentar : Die Zeit für den HSV läuft ab

Er hält den traurigsten Posten beim Hamburger SV: Torwart Christian Mathenia Bild: Reuters

Tradition ist kein Faktor mehr für Erfolg in der Fußball-Bundesliga. Der Hamburger SV braucht etwas anderes: einen Plan. Und er hat im wahrscheinlichen Falle eines Abstiegs nur eine Chance.

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          Für das Grauen gibt es eine Statistik: zwölf Trainer, neun Aufsichtsratsvorsitzende, fünf Vorstandschefs und sechs Sportdirektoren hat der Hamburger SV in den zurückliegenden neun Jahren beschäftigt. In dieser Woche wurden Heribert Bruchhagen und Jens Todt entlassen, also wird wieder nach neuem Personal gesucht. Und weil der einst so stolze Klub immer mehr zur Lachnummer der Republik verkommen ist, schien diese Entscheidung ins Bild zu passen. Aber das ist nicht die Wahrheit: Die neuerliche Personalrochade war notwendig, und sie kam keinen Tag zu früh.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Verantwortlich für den Umsturz ist Bernd Hoffmann. Er selbst war von 2003 bis 2011 Vorstandsvorsitzender des HSV, ehe er vom damaligen Aufsichtsrat gestürzt wurde. Damals zählte der HSV noch zu den zwanzig besten Klubs Europas. Vor drei Wochen wurde Hoffmann von den Mitgliedern zum Präsidenten des Vereins gewählt, ist inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender der HSV Fußball AG. Hoffmann ist die neue Königsfigur in Hamburg, der Mann des Neuaufbaus.

          Dass der HSV am Saisonende erstmals aus der ersten Fußball-Bundesliga absteigt, wird immer wahrscheinlicher. Der einzig verbliebene Dino der Liga wäre damit Geschichte, der Spuk hätte ein Ende. Die Uhr im Stadion, die scheinbar unaufhörlich tickt und anzeigt, dass der HSV seit nunmehr 54 Jahren und 220 Tagen zur Beletage der Republik zählt, würde abmontiert und womöglich im Museum verschwinden. Für den HSV kann das eine Chance sein. Tradition schützt Vereine schon lange nicht mehr vor dem Niedergang. Kaiserslautern, der VfL Bochum, der MSV Duisburg, der Karlsruher SC oder 1860 München sind längst abgestürzt in die Bedeutungslosigkeit. Ihren Platz in der Fußball-Bundesliga haben Fußballlabore aus Leipzig und Hoffenheim übernommen oder Klubs wie Freiburg, Mainz und Augsburg, die vor allem eines haben: einen Plan.

          Verantwortlich für den jüngsten Umsturz: Bernd Hoffmann

          Der Plan des HSV war es seit Jahren, durchschnittliche oder gute Spieler zu verpflichten, ihnen in jedem Fall langfristige Verträge zu geben, die Millionen garantieren. Kaum ein Profi wurde in Hamburg besser, die meisten verschwanden von der Bildfläche, als sie den Verein wieder verließen. Künftig sollen Talente aus dem eigenen Nachwuchs die Mannschaft prägen, das Leistungszentrum funktioniert, Stürmer Jan-Fiete Arp hat es schon zu den Profis geschafft und avancierte mit 18 Jahren zur großen Hoffnung im Abstiegskampf. So absurd es klingen mag, aber Arp ist ein Jahr zu alt. Und zu gut. Bei einem Abstieg wird er kaum zu halten sein. Als 17 Jahre alter Teenager ohne Bundesligaeinsatz aber hätte er in Liga zwei das Gesicht des HSV 2.0 werden können.

          Der Verein wird sich eine neue Identität suchen müssen. Dafür braucht Hoffmann Verbündete. Einen kreativen Sportdirektor, einen Trainer, der Talenten eine Chance gibt und eine Spielidee verkörpert. Bernd Hollerbach ist das nicht, der Coach wird der Nächste sein, der gehen muss. Danach läuft die Zeit. Im Falle eines Abstiegs hat der HSV nur eine Chance: den sofortigen Wiederaufstieg.

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