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HSV-Chef Beiersdorfer : Das Gesicht des Absturzes

  • -Aktualisiert am

Hofft, dass der HSV noch die Kurve kriegt: Klubchef Dietmar Beiersdorfer Bild: dpa

Dietmar Beiersdorfer sollte den Hamburger SV befrieden und nach oben führen. Doch als großer Zauderer gab er beim HSV eine klägliche Figur ab. Beim Spiel in Bremen (15.30 Uhr) soll nun der angstfreie Trainer Labbadia den Klubchef vor einer Blamage bewahren.

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          Das Schöne an einem neuen Trainer ist, dass einem ganz viel Positives zu ihm einfällt – einfallen muss. Dietmar Beiersdorfer sagt: „Bruno Labbadia ist ein leidenschaftlicher Trainer, ein Kerl, der zupackt und der es hasst, zu verlieren.“ Dieser Kerl soll den HSV retten. Beginnend an diesem Sonntag in Bremen (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET). Beiersdorfer wollte eigentlich Thomas Tuchel, so wie er Joe Zinnbauer Labbadia im September vorzog. Wunschkandidaten waren also andere.

          Vor fünf Jahren wurde Labbadia beim Hamburger SV schon einmal entlassen. Vor einem Spiel in Bremen. Aber das spielt nun alles keine Rolle mehr. Der angstfreie Bruno soll den Dino vor dem Abstieg bewahren und Beiersdorfers Blamage verhindern. Labbadia verkörpert in seiner energischen Angriffslust tatsächlich einen Anfang. „Die Situation ist verfahren. Von mir gibt es keine Versprechungen, nur so viel: Leine los, auf geht’s“, sagt Labbadia. Verfahren - das kann man so sagen als Tabellenletzter. Beiersdorfer scheint überzeugt, sechs Wochen vor Saisonende den Richtigen gefunden zu haben. Endlich.

          Es wird unbequem

          Aber es geht eben nicht nur um den zwölften HSV-Trainer, seit Labbadia im April 2010 gehen musste. Es geht auch um den Chef. Um Dietmar Beiersdorfer. Es wird unbequem für ihn. Er musste sich dieser Tage fragen lassen, ob es nicht seine persönliche Kapitulationserklärung sei, wenn ein Verein vier Trainer in einer Saison verpflichte. Und er musste den Schlingerkurs des HSV in der Trainerfrage erklären: erst weiter mit Knäbel, dann beinahe mit Tuchel, und am Ende mit Labbadia - und das alles innerhalb von drei Tagen.

          Beiersdorfer zieht die Augenbrauen hoch und überlegt. Hier wird gerade seine Autorität als Vorstandsvorsitzender der HSV Fußball AG in Frage gestellt. Wie beschädigt ist einer, der als Hoffnungsträger geholt wurde und nun die Scherben seiner Arbeit aufkehrt? Der 51 Jahre alte Franke gilt als höflicher und besonnener Mann. Er antwortet auch auf Fragen, die ihn in seiner Position als HSV-Chef beinahe unverschämt deutlich angreifen.

          Beiersdorfer ist kein Mann ausgefeilter Reden oder pointierter Repliken. Im persönlichen Gespräch, wenn er sich wohlfühlt, Zeit hat, dann sind Unterhaltungen gewinnbringend. Aber als hemdsärmeliger Krisenmanager mit markigen Worten taugt er nicht. Als Makler der Mäßigung hatten sie ihn vor neun Monaten geholt. Substanz und Stetigkeit sollte er liefern, dazu eine Perspektive. Eine ruhige Saison nach dem Fast-Abstieg, dann im Sommer der Neuangriff mit frischem Geld von Investoren. So hatte es sich HSV-Aufsichtsratschef Karl Gernandt vorgestellt.

          Gernandt ist der verlängerte Arm des millionenschweren Geldgebers Klaus-Michael Kühne. Das, was alle ahnten, ist längst geschehen - Gernandt regiert mit. Schon jetzt wird Beiersdorfer das Gerücht nicht mehr los, Gernandt habe am Montag darauf gedrängt, Peter Knäbel als Trainer abzulösen und einen Soforthelfer für die letzten sechs Saisonspiele zu holen. Beiersdorfer geriet wieder einmal unter Druck. Weil er sich nicht entscheiden konnte. Er ist der Zauderer geblieben, der er auch damals, als Sportchef von 2003 bis 2009, oft war.

          Retter in der Not? Bruno Labbadia steh in Hamburg vor einer gewaltigen Aufgabe
          Retter in der Not? Bruno Labbadia steh in Hamburg vor einer gewaltigen Aufgabe : Bild: dpa

          Was haben seine damaligen Vorgesetzten um Vorstand Bernd Hoffmann geschimpft, wenn „Didi“ wieder mal auf Tauchstation ging. Handy aus, Kontakt gekappt. Aber dann kam er aus Waalwijk in Holland zurück und hatte für kleines Geld Khalid Boulahrouz dabei. Jenen Innenverteidiger, den er zwei Jahre später für 13 Millionen Euro zum FC Chelsea verkaufte. Überhaupt versprachen seine Reisen immer satte Gewinne. Rafael van der Vaart, Daniel van Buyten, Vincent Kompany, Nigel de Jong - alle verkaufte Beiersdorfer teuer. 2009 ging er im Streit mit Hoffmann. Sein Ruf blieb gut. Auch die Fans mochten ihn, den ehemaligen Spieler des HSV.

          So gut, dass ihm der damalige Vorsitzende Carl Jarchow und Kollege Joachim Hilke 2014 zutrauten, die ausgegliederte Profiabteilung in sichere Fahrwasser zu führen. Gewissheit gab es keine, dass Beiersdorfer den Schritt vom Sportchef zum Vereinslenker des komplizierten Gebildes HSV vollziehen würde - nur die Hoffnung. Was Beiersdorfer in seinen zwei Jahren bei Red Bull Salzburg und danach bei Zenit St. Petersburg geleistet hatte, blieb unscharf. Zu groß und vermögend waren beide Unternehmungen, als dass die Leistung eines Einzelnen zu bewerten wäre. Beiersdorfer sollte mit seinen vermittelnden Fähigkeiten Ruhe im Klub schaffen. Das galt als Grundvoraussetzung für Erfolg. „Wenn sich hier nichts verändert, zerreißt es den HSV“, sagte er.

          Alle Einkäufe gefloppt

          Es hat sich manches geändert. Intern ist das Klima besser, sagen die Mitarbeiter der Geschäftsstelle. Aber wen interessiert das angesichts Beiersdorfers verheerender Bilanz? Er holte Peter Knäbel, den Direktor Profifußball, und Bernhard Peters, Direktor Sport, als Vertraute. Beide verdienen jeweils 600 000 Euro im Jahr. Beiersdorfer verdient das Doppelte. Teure Mitarbeiter, die den Absturz nicht verhinderten.

          Beiersdorfers Einkäufe floppten allesamt: Cleber, Behrami, Holtby, im Winter Olic und Diaz. Der Kader kostet 52 Millionen Euro. Angepeilt waren 40 Millionen. Beiersdorfer entschied sich gegen die innere Überzeugung, zunächst mit Mirko Slomka als Trainer weiterzumachen. Das kostete drei Spiele. Die Idee Knäbel weitere zwei. Es bleibt das Bild eines Zauderers, der vieles gut meint, aber schlecht macht. Halbherzige Lösungen, wohin man auch schaut.

          Über die zweite Liga will Dietmar Beiersdorfer nicht sprechen. Dass er das Gesicht des ersten Abstiegs sein könnte, hätte keiner gedacht. Doch vielleicht bewiese er in der Zweitklassigkeit, dass er einen Verein führen kann. In der Bundesliga ist es ihm misslungen.

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