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Horst Hrubesch nimmt Abschied : Späte Liebe Frauenfußball

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Horst Hrubesch tritt ab: Der Interimstrainer steht vor seinem wohl letzten Spiel mit der Frauenfußball-Nationalmannschaft. Bild: dpa

Horst Hrubesch hat das Frauenfußball-Nationalteam als Interimstrainer aus der Krise geführt. Nun ginge der 67-Jährige bei einem Sieg gegen Spanien nach acht Siegen in acht Spielen in Rente. Oder doch nicht?

          Die Verliebtheit ist Horst Hrubesch anzumerken. Wenn er über seine „Mädels“ oder gar die „Kleenen“, die Jüngeren unter seinen Fußball-Nationalspielerinnen, spricht, dann wird die Stimme weich. So weich, wie man es einem Mann, der seit mehr als drei Jahrzehnten wegen seiner 136 Bundesligatore für den HSV, Rot-Weiß Essen und Borussia Dortmund und vor allem des siegbringenden Tores im EM-Finale von 1980 gegen Belgien als „Kopfballungeheuer“ bekannt ist, nicht zutrauen mag. „Ich darf sie so nennen, weil sie meine Enkelkinder sein könnten“, sagt Hrubesch. Und dabei strahlen die Augen.

          Spielplan der Frauenfußball-WM 2019 in Frankreich

          Der 67-Jährige fühlt sich rundum wohl in seiner Aufgabe als Interimstrainer der deutschen Fußballfrauen, die er im April übernommen hat und an diesem Dienstag nach dem Länderspiel gegen Spanien in Erfurt (16 Uhr/ZDF) beendet, ehe Martina Voss-Tecklenburg zum Monatsende nach Abschluss der WM-Playoffs mit ihrem bisherigen Team aus der Schweiz die Aufgabe übernimmt. „Ich habe es gerne gemacht und ich möchte es nicht missen“, sagt Hrubesch, der sich als Interims-Sportdirektor des DFB bereit erklärt hatte, das Erbe der von ihm selbst entlassenen Bundestrainerin Steffi Jones zu übernehmen. Er führte das Team aus einer Krise zur WM.

          Hrubesch ließ sich auf die Sache ein

          Anfangs war Hrubesch, der seit dem Jahr 2000 in Diensten des DFB zum mit EM-Titeln und Olympia-Silber dekorierten Nachwuchsförderer wurde, noch nicht so überzeugt von seiner Entscheidung für ein neues Abenteuer. Das erste Spiel im April in Halle hatte ihm vor Augen geführt, wie schwer die Aufgabe war. Zwar gewann das deutsche Team 4:0 gegen Tschechien, aber der Gegner war kein Maßstab. Hrubesch konstatierte, dass „viele Spielerinnen noch einen Rucksack mit sich herumtragen. Vieles ist noch nicht so gelaufen, wie ich es mir erhofft hatte.“

          Er ließ sich auf die Sache ein, führte sein Team zum 2:0-Sieg im entscheidenden Spiel auf Island im September und geht nun als einer, der die deutschen Spielerinnen mit seiner Ausstrahlung zur rechten Zeit geprägt hat. In den erfolgreichen, aber zuletzt bleiernen Jahren unter Silvia Neid verlor der deutsche Frauenfußball zunehmend seine Leichtigkeit, Steffi Jones scheiterte anschließend bei ihrem Versuch, mehr Kreativität ins deutsche Spiel zu bringen, weil der Trainernovizin die erfahrung und Klarheit abging. Hrubesch gelang es schließlich, die Köpfe der Spielerinnen vom Ballast zu befreien. „Sie haben jetzt wieder Selbstvertrauen“, sagt der Hobby-Angler. „Man sieht, wie sie den Fußball wieder leben.“ Bezüglich seines Beitrags zur neuen Atmosphäre hält sich Hrubesch zurück.

          Mehr als nur Maskottchen: Horst Hrubesch hat den deutschen Frauenfußball wieder auf Kurs gebracht.

          Andere verweisen auf seine Art, ständig die Gespräche mit den Spielerinnen zu suchen, sie durch Vertrauen zu stärken statt sie allzu plump nur stark zu reden. „Er hat uns nie etwas vorgemacht und Fehler kritisiert. Aber er hat uns zugleich vermittelt, dass wir richtig gut sein können, wenn wir hart arbeiten“, sagte Mittelfeldspielerin Sarah Däbritz – eine begnadete Technikerin, die unter Hrubesch zu ihrer Form gefunden hat.

          Optimistische Prognose

          Nun räumt die in Hamm geborene Fußballlegende den Platz an der Seitenlinie mit einer vielleicht weltweit einmaligen Bestmarke: Bei einem Sieg gegen Spanien würde er nach acht Siegen in acht Spielen seinen Auftrag beenden. Seiner Frau hatte er eine mehrmonatige Reise nach Neuseeland versprochen zur Pensionierung beim DFB am Jahresende „Wenn ich 60 wäre, hätte ich weitergemacht“, sagt der Westfale. So aber kann nun seine Nachfolgerin Voss-Tecklenburg auf einer gesunden Basis auf die WM in Frankreich hinarbeiten. „Der Acker ist vielleicht nicht bestellt, aber der Boden bereitet“, sagt Hrubesch. „Es sind noch gut 25 Prozent Steigerung Richtung WM drin, dann haben wir ein Topteam.“

          Seine späte Liebe Frauenfußball will Hrubesch im kommenden Sommer dennoch begleiten als Fan, um zu sehen, ob seine Saat aufgeht. „Ich werde sicher vor Ort zuschauen“, sagt er. Zu sehr hätte ihn die im Frauenfußball noch lebendige Unschuld des Spiels berührt, als dass er vollkommen loslassen könnte. „Im Frauenfußball ist vieles so wie zu meiner Anfangszeit als Spieler. Wir haben hier nicht diese irren Summen wie bei den Männern, sondern Ehrlichkeit. Es gibt beispielsweise keine Schwalben und solche Unsitten.“

          Sorge um Strahlkraft

          Umso mehr verwundert es Hrubesch, wie schlecht es um die Strahlkraft des Frauenfußballs derzeit bestellt ist. Während er in Island oder Kanada bei den Länderspielreisen riesengroße Werbewände mit den Konterfeis der Stars gesehen habe, spiele der Frauenfußball in Deutschland derzeit eine viel zu kleine Rolle. „Da sind Topmodelle dabei, die viel mehr Aufmerksamkeit und Respekt verdient haben“, sagt er.

          Vielleicht trägt ja auch Hrubesch weiter dazu bei, dass es wieder aufwärts geht. Denn er überraschte dieser Tage mit der Deutlichkeit, mit der er nach Rückkehr aus Neuseeland neue Tätigkeiten für möglich erklärt. „Ich habe nur gesagt, dass die Geschichte DFB am 31.12. endet“, sagte er. Da ein Engagement im männlichen Profifußball eher unwahrscheinlich erscheint, nachdem Hrubesch vor Jahrzehnten eher wenig erfolgreiche und stets sehr kurze Gastspiele bei Klubs wie Dynamo Dresden (5 Bundesligaspiele, zwei Punkte), Rot-Weiß Essen, VfL Wolfsburg oder in Innsbruck und bei Samsunspor in der Türkei gab, könnte ein Frauenfußball-Bundesligaverein ein Arbeitsplatz ohne den ganz großen Stress bieten. Es würde zur späten Liebe des Horst Hrubesch passen.

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