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Hooligans in Polen : „Europas gefährlichste Fußballfans“

Dieser 19jährige starb, als die Polizei Gummigeschosse mit scharfer Munition verwechselte Bild: AP

Das „U 21“-Spiel zwischen Deutschland und Polen in Cottbus läßt böse Erinnerungen wach werden. Beim Länderspiel 1996 war es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Wie Polen seine Hooligans bekämpft.

          Vielleicht war das Horrorvideo im deutsch-polnischen Polizeiseminar vom Montag der Höhepunkt der Gewalt. Da entrollten Gewalttäter, wie sie zu Hunderten aus Deutschland zum Länderspiel nach Zabrze gekommen waren, Transparente mit antisemitischen Parolen und fielen prügelnd über Zuschauer und Polizisten her. Daraufhin schlugen polnische Randalierer los. Fünfzig Polizisten aus Polen und Brandenburg haben sich mit den Aufzeichnungen dieser historischen Gewaltorgie auf das "U 21"-Länderspiel zwischen Deutschland und Polen an diesem Dienstag in Polen vorbereitet.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          "Wir haben keinerlei Information, daß sich Gewalttäter auf den Weg machen", beruhigt der Sprecher des Polizei-Schutzbereichs Cottbus, Berndt Fleischer. Innenminister Jörg Schönbohm hat die Verlegung der Partie nach Mainz, wie sie der Deutsche Fußball-Bund aus Sicherheitsgründen und unter Hinweis auf Zabrze 1996 veranlaßt hatte, rückgängig gemacht. Es gebe kein Sicherheitsproblem in Cottbus. Man kann den erwarteten gut fünftausend Zuschauern nur wünschen, daß die Polizei gut informiert ist über die Pläne von polnischen Gewalttätern. Denn diese scheinen aus einem anderen Holz geschnitzt als ihre deutschen Pendants.

          Jedes Jahr Todesopfer bei Schlägereien

          Er sei 1996 in Zabrze dabeigewesen, schreibt ein Deutscher in einem Internet-Forum für Hooligans. Hinterher hätten Polen mit Ketten auf sie gewartet. "Wenn ich höre", schreibt ein anderer, "daß da selbst Motorsägen und Beile mit im Spiel sind, dann vergeht mir echt der Spaß an dem Sport." Mit Sport meint er nicht Fußball, sondern die Schlägereien.

          Trauermarsch für zwei von Polizeikugeln getötete Studenten in Lodz

          Polen sei berühmt für seine exzellenten Fußballanhänger, prahlt ein Pole im Internet: "Kürzlich hat die Uefa die polnischen Fans die gefährlichsten in ganz Europa genannt." Ein anderer berichtet, es gebe jedes Jahr Todesopfer bei Schlägereien. Erst jüngst kam es zu einem fatalen Zwischenfall, als Polizisten bei Ausschreitungen in Lódz statt mit Gummigeschossen mit scharfer Munition auf Hooligans schossen, die ein Studententreffen gestürmt hatten. Zwei Menschen starben.

          Polizei schwankt zwischen Laxheit und Überreaktion

          Hooligans empfehlen sich gegenseitig Fotoseiten der "Gazeta Wyborcza" im Internet. Darauf sind Schläger mit Holzknüppeln im Stadion von Kattowitz zu sehen, die Ordner und Polizisten in die Flucht schlagen. Im Detail ist dokumentiert, wie ein am Boden liegender Polizist unter Tritten den Helm verliert und ein Rowdy mit einer Metallabsperrung auf ihn einschlägt - das Schicksal des von Deutschen lebensgefährlich verletzten französischen Gendarmen Nivel ist sofort präsent. "Ist eine Frage der Zeit, bis ein Bulle ums Leben kommt", vermutet jemand aus Warschau.

          Der gesellschaftliche Umbruch in Polen hat offenbar einen Teil der Bevölkerung entwurzelt - und junge Männer gewaltbereit gemacht. Fast ein Drittel der Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen gaben sich bei einer Umfrage davon überzeugt, daß die Welt voller Angst und Haß sei. Auch Polizisten sind verunsichert und schwanken zwischen Laxheit und Überreaktion.

          Vereine verantwortlich für Sicherheit

          Entsprechend heftig war die öffentliche Diskussion, als ausgerechnet das vom Sozialismus befreite Polen strenge Gesetze zur Sicherheit von Sportveranstaltungen erließ. Nur noch gegen Ausweis, und sei es die sogenannte "Kiebitz-Karte" mit Foto, bekommen Zuschauer Karten für Fußballspiele. Die Vereine sind verantwortlich für die Sicherheit und haben Sicherheitspersonal zu beschäftigen. Sie verhängen Stadionverbote, die die Polizei auch durch vorbeugende Haft durchzusetzen bereit ist. Sie kontrollieren die Besucher und überwachen die Ränge mit Kameras.

          Beim 4:0 des Meisters Wisla Krakau am vorigen Samstag vor neuneinhalbtausend Zuschauern auf Sitzplätzen zündete der Verein fünf Minuten vor Abpfiff ein Feuerwerk, um die Fans dafür zu entschädigen, daß sie selbst keine Böller mehr mitbringen dürfen. Ein Fan mit Megaphon intonierte atemlos immer neue Lieder und Sprechchöre. Das soll verhindern, daß rassistische Schmähungen und verbotene "rüde Lieder" angestimmt werden.

          Probleme vor die Stadien verlagert

          Radikal nannten selbst Politiker ihren Ansatz, Kriminalität und Gewalt, wie sie vor den Augen von Zuschauern und vor Fernsehkameras geradezu demonstrativ exerziert wurden, zu bekämpfen. Sie fanden nicht nur im polnischen Parlament Zustimmung. Als vor sechs Jahren beim Uefa-Cup-Spiel Wisla gegen Parma ein Fan mit einem Klappmesser nach dem Spieler Dino Baggio warf, wurde er nicht nur auf der Stelle verhaftet. "Sportveranstaltungen sind ein Ort der Erholung, nicht der Gewalt", sagte der Richter, dem er vorgeführt wurde. "Das Urteil möge all denen Warnung sein, die das nicht verstehen." Er verhängte sechseinhalb Jahre Haft. Der Messerwerfer sitzt heute noch im Gefängnis.

          Die Gewalt ist weitgehend aus den Stadien verbannt. Damit ist sie noch lange nicht verschwunden. "Wir haben ein Problem", sagt Jaroslaw Krzoska von Wisla Krakau. "Nicht in den Stadien, sondern draußen."

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