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Homosexualität im Fußball : Spiel der Körper

Homosexualität und Fußball ist ein brisantes Thema Bild: Foto F1online, Montage F.A.Z.

Es ist bemerkenswert, wie stark beim Thema Homosexualität und Fußball die veröffentlichte und die öffentliche Meinung voneinander abweichen. In der Nationalelf setzte unter den Reformern Klinsmann und Löw ein ganz und gar indiskreter Enttarnungswettlauf ein.

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          Die „Zeit“ ist nicht gerade dafür bekannt, dass ihre Leserinnen und Leser wegen der neuesten Ausgabe zum Kiosk rennen, um sich auf die aktuellen Fußballthemen zu stürzen. Als das Wochenblatt vor drei Tagen jedoch auf seinem Internetauftritt das Outing von Thomas Hitzlsperger vermeldete und später das Interview mit dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler online stellte, gab es kein Halten mehr. Unter dem Ansturm der Interessierten brach der Server zusammen, nie zuvor gab es so viele Zugriffe auf die Seite wie an diesem Tag. Die Geschichte des Thomas Hitzlsperger stellte alle Bundestagswahlen in den Schatten, die Steueraffäre von Uli Hoeneß und selbst den Tod Nelson Mandelas.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und das nur, weil ein ehemaliger Fußballprofi festgestellt hat, dass er lieber mit einem Mann lebt. Wie ist das möglich? Wenn man vom ebenso zentralen wie banalen Punkt absieht, dass eine ganze Medienbranche glänzend davon lebt, dass sich so viele Leute brennend für eine Frage interessieren: Wer mit wem? Die  waren durchweg – und wie zu erwarten – positiv: Die Bundesregierung äußerte sich wohlwollend, der Deutsche Fußball-Bund versprach jede Unterstützung, der Bundestrainer äußerte seinen Respekt, die ehemaligen Mitspieler gratulierten, zahlreiche Medien feiern Hitzlsperger für seinen Mut.

          Es fiel kein negatives öffentliches Wort über ihn, nirgendwo. Auffällig war allerdings das Schweigen des „Kicker“. Das traditionsreiche Fußballmagazin verweigerte ausdrücklich die Berichterstattung über dieses vieldiskutierte gesellschaftliche Thema. Privatleben sei Privatleben. Man kann diese Haltung aus guten Gründen kritisieren, aber man kann auch feststellen: Mit seinem Ignorieren hat auch der „Kicker“ einen Nerv getroffen.

          Zwei Gruppen ohne hohe Medienpräsenz

          Es ist bemerkenswert, wie stark nämlich beim Thema Homosexualität und Fußball (ähnlich wie beim Thema Migration in der Nationalmannschaft) die veröffentlichte und die öffentliche Meinung voneinander abweichen. In den Leserkommentaren und den Internetforen lassen sich derzeit neben den zahlreichen Unterstützern Hitzlspergers zwei weitere große Gruppen identifizieren, die in den Medien jedoch kaum eine Stimme finden. Die einen erklären – wie sonst nur der „Kicker“ –, dass sie das Thema überhaupt nicht interessiere, das Privatleben eines Profis sei vollkommen belanglos.

          Allerdings ist auffällig, wie viele Leute sich in diesem Fall die Mühe machten, ihr Desinteresse ausführlich zu bekunden. Normalerweise ist es doch eher so, dass man Dinge übersieht oder übergeht, die einen nicht interessieren – und keine Kommentarforen wegen seines Desinteresses sprengt. Die zweite Gruppe, die mit Hitzlspergers Outing nichts anfangen kann, sagt mehr oder minder deutlich, dass sie von diesem ganzen öffentlichen Homosexuellen-Thema nichts hält, dass eine Gender-Lobby geradezu bestimme, was man zu sagen und zu denken habe.

          Thomas Hitzlsperger
          Thomas Hitzlsperger : Bild: pixathlon / pixxmixx

          In diesen Tagen hat der Philosoph Wolfram Eilenberger die Diskussion noch mal auf eine andere Ebene gehoben und dabei auf die Thesen von Niklas Luhmann hingewiesen, der behauptete, Homophobie im Mannschaftssport sei gerade keine Frage des sozialen Wollens, sondern basiere im Gegenteil auf einem Phänomen, das sich der willentlichen Steuerung vollends entzöge. Und wenn zudem jede Woche Hunderttausende Männer in die Stadien pilgern, um jungen, gutgebauten Männern bei ihrem schweißtreibenden Spiel zuzusehen, stehe ein Verdacht im Raum, so übermächtig und allen präsent, dass er nur mit aggressivsten rhetorischen Mitteln verdrängt werden könne.

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