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Trainer des FC Liverpool : Darum ist Klopp in England so beliebt

  • -Aktualisiert am

Wann jubelt Jürgen Klopp über den ersten Titel mit Liverpool? Bild: dpa

Noch immer hat Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool keinen Titel geholt. Ob es nun in der Premier League klappt, ist ungewiss. Dennoch hat sich der deutsche Trainer in England einen ganz besonderen Status aufgebaut.

          Jürgen Klopp hat „fucking“ gesagt. „Fucking mentality giants“, verdammte Mentalitätsriesen, nannte er seine Spieler. Im Fernsehen. Live. Ein Tabubruch. Aber die Engländer haben es ihm verziehen. Die meisten sind im Alltag nicht verlegen um den Gebrauch von Kraftausdrücken. Wie könnten sie den deutschen Fußballtrainer also beschimpfen, wenn er im Nachgang eines sensationellen Sieges für einen Moment auf alle Manieren pfeift? Die ganze Fußballwelt weiß es: Der FC Liverpool hat am Dienstagabend gegen Barcelona im Halbfinale der Champions League das 0:3 vom Hinspiel mit einem 4:0 daheim an der Anfield Road übertrumpft – und steht damit zum zweiten Mal in Folge im Endspiel des prestige- und preisgeldträchtigen Wettbewerbs.

          Klopp hat sich in England einen Status aufgebaut, der dem in Deutschland um nichts nachsteht. Er spricht gut Englisch, meistens ziemlich schnell, dadurch nicht immer fehlerfrei, aber klar in seinen Botschaften. Seine Motivationsreden vor und während des Barcelona-Spiels werden in England allen Ernstes mit Winston Churchills Kommuniqués im Zweiten Weltkrieg verglichen. Blut, Schweiß und Tränen. Klopp darf sich als Ausländer in der Presse sogar skeptisch zum Brexit äußern. In Tagen wie diesen muss man das als Geste höchster Anerkennung verstehen.

          Er hat es auf gewisse Weise sogar bis ins Parlament geschafft. Am Tag nach dem Spiel sagte Premierministerin Theresa May, sie könne im Brexit-Hickhack ein Comeback im Stile Liverpools erringen. Zuvor hatte Oppositionsführer Jeremy Corbyn angeregt, May möge sich bitte bei Jürgen Klopp Tipps abholen, wie man in Europa Resultate erziele. Ja, würde er sich einbürgern lassen wollen, selbst der schärfste Migrationsbeamte würde Klopps Antrag ganz oben auf den „Approved“-Stapel legen.

          Klopps Popularität färbt auch auf seinen Arbeitgeber ab. In der Berichterstattung entsteht gelegentlich der Eindruck, Liverpool wäre der heimliche Lieblingsklub aller Engländer. Ist er aber nicht. Laut einer „BBC“-Umfrage würde nicht jeder neutrale Fan dem Klub die Meisterschaft gönnen. Aber wie es scheint, tritt der Personenkult um Jürgen Klopp mehr und mehr an die Stelle der Rivalität. Der Crystal-Palace-Spieler Patrick van Aanholt schrieb bei Twitter: „Wer sich jetzt nicht für Liverpool freut, der ist kein Fußballfan.“

          Prinz William, ein Aston-Villa-Anhänger, schrieb: „Gut gemacht, Liverpool. Ein unglaubliches Ergebnis.“ Und der ehemalige Profi Mark Lawrenson schrieb in seiner Kolumne für die „BBC“: „Er hat den gesamten Klub in der Hand, aber auf eine gute Art und Weise. Jetzt muss er nur noch ein paar Pokale gewinnen.“ Da herrscht tatsächlich Nachholbedarf. Klopp hat Liverpool wieder zu einem der aufregendsten Klubs im europäischen Fußball gemacht. Aber Zählbares ist dabei noch nicht herausgekommen. Seit seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren stand er mit Liverpool in drei Endspielen (Ligapokal, Europa League, Champions League), doch alle drei gingen verloren.

          In der Premier League hat seine Mannschaft in dieser Saison zwar 94 Punkte angehäuft, was in den vergangenen 20 Jahren in 18 Fällen zur Meisterschaft gereicht hätte. Doch am letzten Liga-Spieltag an diesem Sonntag (16.00 Uhr bei DAZN) ist Liverpool auf einen Ausrutscher des Tabellenführers Manchester City in Brighton angewiesen, um mit einem Sieg über Wolverhampton zum ersten Mal seit 29 Jahren wieder englischer Meister zu werden. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch. Es besteht die Möglichkeit, dass Klopp auch in dieser Saison ohne „Silverware“ bleibt, obwohl seine Mannschaft oft begeisternden und titelwürdigen Fußball spielt.

          Seinem Ansehen würde das wohl nicht groß schaden. Matt Ladson, Mitgründer und Chefredakteur des Liverpooler Fan-Portals „This is Anfield“, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Februar für den Fall einer weiteren titellosen Saison: „Er wird auch dann weiterhin sehr beliebt sein. Jeder echte Liverpool-Fan weiß, dass er der richtige Mann ist, um diesen Klub zu führen, und sieht den massiven Fortschritt, den wir mit ihm gemacht haben – auch unabhängig von Titeln.“ Das Spektakel am Dienstag dürfte Ladson und alle anderen Liverpool-Fans noch fester hinter Klopp vereint haben.

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