https://www.faz.net/-gtl-7n7rz

Hoeneß-Prozess : Das Ende des Patrons

Uli Hoeneß: wie ein alter Tycoon, der in seinem eigenen Film die falsche Rolle gefunden hat Bild: dpa

Uli Hoeneß und der FC Bayern - das war Ludwig Erhard für Fußballer. Doch nach Offenbarung seiner dunklen Seite ist er für den Verein nicht mehr tragbar.

          2 Min.

          Das Urteil steht noch aus. Doch schon am Montag ist vor dem Münchner Landgericht die größte Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs zu Ende gegangen: die des Bayern-Patrons Uli Hoeneß. Nach dem Geständnis, dass der Umfang seines Steuerbetrugs mehr als fünfmal so hoch liegt wie bis dahin eingeräumt, kann es für den einst Mächtigsten der Branche keinen Weg zurück mehr in eine Funktion im Fußball geben. Weder als Präsident noch als Aufsichtsratsvorsitzender ist er tragbar.

          Uli Hoeneß und der FC Bayern, das wirkte, vom Anfang als Manager 1979 bis zum Endspiel als Präsident 2014, wie eine um zwei Jahrzehnte verspätete Wirtschaftswundergeschichte: Ludwig Erhard für Fußballer. Wirtschaftliche Vernunft plus soziales Gewissen – Hoeneß vereinte beides. Aber er hatte auch eine dunkle Seite, die offenbar ihn beherrschte, nicht umgekehrt. Am Ende versagte dieser größte aller Fußball-Manager als Krisenmanager seiner selbst.

          Während er im Fußballverein eine moderne Unternehmenskultur prägte, in der man sich die bestmöglichen Spezialisten für jeden einzelnen Job sucht, ob in Team oder Trainerstab, Medizin oder Marketing, blieb der große Beziehungspfleger Hoeneß privat gern den alten Grundsätzen der Spezlwirtschaft verhaftet. So vertraute er die für ihn schicksalhafte Selbstanzeige lieber einem befreundeten, aber darin nicht bewanderten Steuerberater an als dem bestmöglichen Fachmann.

          Das verrät eine Art Beratungsresistenz. Sie zeigte sich auch am Montag, als sein eigener Anwalt ihm nach der wenig glaubwürdigen Behauptung, die Recherchen des Magazins „Stern“ hätten nichts mit der überstürzten Abgabe der Selbstanzeige zu tun, ins Wort fiel: „Herr Hoeneß, erzählen Sie doch nichts vom Gaul“. Selbst vor dem Strafgericht, dem Abgrund bürgerlicher Lebensplanung, dem möglichen Gang ins Gefängnis, offenbart Hoeneß noch die Rest-Hybris jener scheinbaren Unangreifbarkeit, die sich aus dem Gefühl des alten Erfolges nährt.

          „Aus dem Bauch heraus“ hat Hoeneß oft seine Entscheidungen getroffen. Damit kokettierte er gern, etwa bei seinem letzten großen Machtwort, dem Abservieren von Trainer Louis van Gaal im Jahr 2011. Doch der FC Bayern München ist zuletzt mit Riesenschritten zur Weltmarke geworden, nicht von der Größe des Unternehmens, aber von der globalen Bekanntheit und gesellschaftlichen Wirkung her. Ein solches Unternehmen kann man nicht mehr wie ein Wirtschaftskapitän der alten Bundesrepublik aus dem Bauch heraus führen und darauf hoffen, dass die kleinen Nachlässigkeiten am Rande sich mit Hilfe der richtigen Freunde schon begradigen lassen.

          Während sich der FC Bayern vom früheren Image des „FC Hollywood“ längst entfernt hat, wirkt Uli Hoeneß mehr und mehr wie ein alter Tycoon, der in seinem eigenen Film die falsche Rolle gefunden hat. Es war immer eine der großen Stärken des FC Bayern, den Uli Hoeneß gemacht hat, dass niemand dort unersetzlich war; dass jeden, ob Spieler, Trainer, Funktionär, irgendwann, mal sanft, mal grob, die Tür gezeigt wurde. Zuletzt sogar Jupp Heynckes am Ende einer Saison, in der er alles gewonnen hatte. Nun muss der FC Bayern noch einen Schritt weiter gehen und sich auch von Hoeneß lösen. Oder hoffen, dass Hoeneß alte Größe zeigt – und den Schritt von sich aus tut.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.