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Hoeneß-Kommentar : Von dieser Welt

  • -Aktualisiert am

Prozess gegen einen Fußball-Manager: Das Interesse war gewaltig Bild: REUTERS

Trotz Compliance-Regeln traute sich keiner der Topmanager, die sich im Glanz des Fußballs sonnen, Hoeneß mit der Realität zu konfrontieren. Das schaffte erst das Urteil.

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          In ausländischen Medien war in diesen Tagen das Erstaunen groß: In Deutschland verdränge ein Prozess gegen einen Fußball-Manager die Krim-Krise aus den Schlagzeilen. Plastischer lässt sich die Kraft des Fußballs in Deutschland kaum darstellen. Die Faszination für dieses Spiel bewegt Abermillionen Menschen und Milliarden Euro. Die Bundesliga-Stadien werden auch an diesem Samstag wieder überwiegend ausverkauft sein. Wohl und Wehe der Stars sind ein Thema am Montagmorgen – quer durch die Gesellschaft, vom Stamm- bis zum Kabinettstisch. Der Fußball ist eine Macht im Staat.

          Die positiven Auswirkungen haben wir während und nach der traumhaften Weltmeisterschaft 2006 wahrgenommen, als alle Welt von der ansteckenden Lebensfreude und Gastfreundschaft der Deutschen schwärmte. Inzwischen begeistern die Bayern und – an guten Tagen – die Nationalmannschaft mit einer großartigen Kreativität. Kaum jemand kann sich der Ausstrahlung entziehen. Es ist also kein Wunder, dass Machtmenschen wie bedeutende Politiker oder Konzernchefs nicht nur die Massenwirksamkeit des Fußballs bei ihren Auftritten im und für den Fußball einkalkulieren.

          Nein, auch sie lassen sich berauschen, anstecken von der Begeisterung, durch eine besondere Nähe Teil der grandiosen Show zu sein. Das mag menschlich sein. Aber es wird kritisch, wenn die Gesellschaft mit ihren führenden Vertretern auch abseits des großen Theaters vor dem Fußball in die Knie geht, selbstgesetzte Regeln überspielt, sobald König Fußball die Muskeln spielen lässt.

          Wenn die Topmanager tagsüber die Compliance-Regeln ihrer Unternehmen herunterbeteten, so glaubten sie wohl als Aufsichtsräte des FC Bayern abends bei den Festen ihres berühmten Klubs in der Allianz-Arena in eine Welt einzutauchen, in der man keine Grenzen einhalten muss. Das gilt nicht nur für den großen Fußball. In der Provinz gehören am Fiskus vorbei geschleuste Handgelder für Kreisligakicker und Trainer zum Geschäft. Auch dort zeigt sich die zweite Seite des Fußball-Phänomens, eine manipulative Kraft.

          In München wagte es niemand, Uli Hoeneß nach dessen vor mehr als einem Jahr eingestandener Steuerhinterziehung mit der Realität zu konfrontieren. So haben das Urteil und Hoeneß‘ späte Einsicht am Freitag noch etwas Gutes: Sie zwingen den Fußball und seine Profiteure daran, sich zu erinnern: Er ist von dieser Welt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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