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Vom Hockey zum Fußball : DFB holt Goldtrainer Markus Weise

Dreimal Gold: Markus Weise holte den ersten Olympiasieg 2004 mit den deutschen Hockey-Frauen. Bild: dpa

In turbulenten Zeiten mit dem Rücktritt von Präsident Wolfgang Niersbach gelingt dem DFB ein spektakulärer „Transfer“. Hockey-Goldtrainer Markus Weise wechselt zum Fußball.

          Außerhalb Frankfurts war es zuletzt ein wenig stiller um das Millionenprojekt geworden, das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit seiner Akademie auf dem Gelände der Galopprennbahn im Stadtteil Sachsenhausen plant. Im Sommer 2016 sollen die Arbeiten mit dem Abriss der Gebäude beginnen, 2018 soll dann auf dem 15 Hektar großen Gelände das Prunkstück des deutschen Fußballs stehen, für das Baukosten von 109 Millionen veranschlagt sind. Bislang allerdings wehrt sich der Galoppverein hartnäckig gegen sein Aus – die Stadt Frankfurt hat zuletzt eine Räumungsklage erhoben.

          Etwas rasanter allerdings geht es nun mit der personellen Ausstattung voran. Bevor Präsident Niersbach am Montag zurücktrat, einigte sich der DFB mit dem Deutschen Hockey-Bund (DHB) auf einen spektakulären „Transfer“, über dessen Modalitäten noch Stillschweigen vereinbart ist. Markus Weise, der 2004 mit den deutschen Damen bei den Olympischen Spielen in Athen Gold gewann, 2008 in Peking durch seinen Triumph mit den Herren als erster Trainer mit beiden Geschlechtern Olympiasieger wurde und dann 2012 in London mit dem zweiten Goldmedaillengewinn bei den Herren wieder das höchste aller Hockey-Ziele erreichte, wird zum 1. Dezember zum Deutschen Fußball-Bund wechseln und die nötige inhaltliche Ausstattung der Akademie vorantreiben.

          Weise ist damit der zweite deutsche Hockey-Bundestrainer, der zum Fußball abwandert. Sein Vorgänger Bernhard Peters, 2002 und 2006 mit den Herren Weltmeister, war nach dem zweiten WM-Triumph als Nachwuchs-Sportdirektor zur TSG Hoffenheim 1899 gegangen und arbeitet mittlerweile beim Hamburger SV. Der DFB hält damit Wort, dass er mit seiner Akademie nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich umzieht und sich künftig vielfältig aufstellen will.

          Für den DHB kommt diese Personalie allerdings zur Unzeit – in zwei Wochen beginnt in Indien das World-League-Final, im August nächsten Jahres stehen Olympische Spiele an. „So etwas wünscht man sich nicht, aber wir haben mit unseren Trainern ein enges und sehr vertrauensvolles Verhältnis“, sagt DHB-Präsident Wolfgang Hillmann. Er war von Weise sofort über das Angebot unterrichtet worden.

          „Das ist keine Entscheidung, die man leicht fällt“

          Wegen der aktuellen Turbulenzen beim DFB hatten sich die Verhandlungen allerdings verzögert, zwei anberaumte Gesprächstermine waren zuletzt abgesagt worden. Für den DHB allerdings drängte die Zeit – an diesem Dienstag beginnt in Mannheim der Vorbereitungslehrgang auf das World-League-Final, und bislang war nur der Mannschaftsrat von Weise persönlich informiert worden.

          „Das ist keine Entscheidung, die man leicht fällt“, sagt Weise, für den sich aber schon länger die Frage gestellt hatte, wie lange er als Hockey-Bundestrainer noch an der richtigen Stelle positioniert sei und ob alles nicht doch zu sehr in Gewohnheiten erstarre, wenn er nach Rio noch einmal einen Vierjahresvertrag unterzeichnen sollte. Schon nach dem dritten Olympiasieg in London hatte er zwei lukrative Angebote erhalten, die er aber leichten Herzens ablehnen konnte – sie kamen von anderen Hockey-Nationen, und „gegen meine eigene Mannschaft wollte ich sicher niemals antreten“.

          Den Gedanken aber, noch einmal etwas ganz anderes zu machen, trug er seit 2012 in sich. Das kaum auszuschlagende Angebot, Teil des bald vielleicht spannendsten Projekts im deutschen Sport zu werden, kam nun dazu. Finanziell wird sich der Branchenwechsel für ihn sicher lohnen, allerdings sei dies nur ein Randaspekt gewesen, was man ihm durchaus abnehmen darf. „Es ist mir eher um die Aufgabe gegangen, und die ist ungeheuer groß und reizvoll. Ich bin jetzt 53 Jahre alt, und wenn ich noch einmal etwas anderes machen wollte, dann musste es bald passieren“, sagt Weise.

          Er gilt als glänzender Entwickler von Mannschaften, und der Aspekt, ein Team zu seiner bestmöglichen Leistung zu führen, hatte ihn immer mehr interessiert als die daraus möglicherweise resultierenden Triumphe. In seinen 12 Jahren als Bundestrainer galt Weise als Querdenker, der weit über den Tellerrand hinausschaut und sich nicht scheut, ungewöhnliche Wege zu gehen und Spezialisten an seine Seite zu holen.

          „Ich bin jetzt 53 Jahre alt, und wenn ich noch einmal etwas anderes machen wollte, dann musste es bald passieren“

          „Wir haben immer damit rechnen müssen, dass so etwas passiert, schließlich hat sich Markus einen herausragenden Ruf erworben. Der Zeitpunkt ist äußerst unglücklich für uns, aber wir wollten und konnten Markus diese Chance nicht verbauen“, sagt Hillmann, der den gebürtigen Mannheimer einst als Jugendtrainer zum Deutschen Hockey-Bund geholt hatte. Beim Vorbereitungslehrgang an diesem Dienstag wird Weise sich von seiner Mannschaft verabschieden, mit der er 2011 und 2013 auch Europameister geworden war.

          Die restliche Lehrgangsleitung wird Co-Trainer Michael McCann übernehmen, bislang hauptsächlich mit der Entwicklung der Offensive beauftragt - eine der Ideen, die auch der DFB künftig als Spezialaufgabe in der Entwicklung von Trainern und Talenten aufgreifen will. McCann, 2004 einer der australischen Olympiasieger und im Hauptberuf Trainer des Bundesliga-Tabellenführers Mannheimer HC, arbeitet derzeit auf Honorarbasis beim DHB. Der Verband hatte vor vier Jahren ein Projekt „next coach“ aufgelegt, um seine nächste Trainergeneration zu entwickeln.

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          Einer der Kandidaten, die künftig gemeinsam mit McCann die Geschicke leiten könnten, ist Hallencoach Stefan Kermas, der beim Münchner SC tätig ist. Sportdirektor Heino Knuf will in den nächsten 14 Tagen eine Lösung präsentieren, wie „die riesige Lücke“ bestmöglich zu füllen sei. „Denn wir sind zwar ein Amateurverband“, sagt Hillmann, „aber wir arbeiten professionell.“ Davon profitiert nun der DFB.

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