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Hitzlsperger-Kommentar : Die Homophobie ist nicht besiegt

Hitzlsperger schoss in 52 Länderspielen sechs Tore Bild: dpa

Wer den Fußball kennt, versteht, dass Thomas Hitzlsperger sich erst nach dem Ende der Karriere zur Homosexualität bekannte. Für den deutschen Fußball ist das Bekenntnis ein guter Anfang für mehr Toleranz, Offenheit, Respekt nicht nur in Sonntagsreden.

          Sechs Jahre lang hat Thomas Hitzlsperger darüber nachgedacht und mit sich gerungen, wie er mit seiner Homosexualität umgeht. Nicht im Privaten, da war die Sache klar, sondern im Profifußball, seinem so öffentlichen Beruf. Hitzlsperger hat während seiner Karriere geschwiegen, aber nun, wenige Monate nach seinem Abschied, hat er den Anfang gemacht, um eines der letzten Tabus in einer sich so offen und freizügig gebenden Gesellschaft zu brechen: die Homosexualität im Fußball.

          Das Tabu ist natürlich nicht, dass man nun wegen Hitzlsperger wüsste, dass es Schwule im Fußball gibt, sondern dass sich erstmals ein Spieler in über fünfzig Jahren Bundesliga wagte, sich zu bekennen. Wenn auch nachträglich. Wer den Fußball, die Funktionäre, die Fans und die Medien auch nur ein bisschen kennt, wird gut verstehen, dass Hitzlsperger vor der Belastung, als erster bekennender Schwuler in der Bundesliga oder der deutschen Nationalmannschaft zu spielen, aus gutem Grund zurückschreckte.

          Dieser Ansturm, den ein Bekenntnis eines einzelnen aktiven Fußballstars ausgelöst hätte – und auch jetzt noch trotz aller offiziellen Komplimente und Hochachtungsbezeugungen für Hitzlspergers Outing auslösen würde –, dürfte ohne Leistungsverlust nicht zu überstehen sein. Es kann noch immer die Karriere kosten.

          Man sollte sich nichts vormachen. In Deutschland gibt es kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der dem Thema Homosexualität noch immer so verklebt und vergangen begegnet wie der Volkssport Fußball. Der Weg zu einem selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität im Fußball ist noch immer sehr weit, auch wenn sich das Bild des rauhbeinigen Kickers zumindest an der Oberfläche allmählich ändert: Man achtet auf seine Frisur, auf schöne bunte Schuhe und Designerkleidung – und auch auf dem Platz ist mittlerweile Raum für das Feine und Filigrane. Aber Schwule und Fußball, das geht bisher gar nicht. Der Profifußball macht da keine Ausnahme, eher im Gegenteil.

          Thomas Hitzlsperger Bilderstrecke

          Die Angst, wegen der Art und Weise, wie man lebt und liebt, in seinem Beruf noch immer ins Abseits zu geraten, ist jedenfalls groß. Da hat sich in den vergangenen Jahren trotz aller gutgemeinten Reden und Ratschläge nicht viel geändert. Von einem großen Klimawandel innerhalb der Fußballszene, der es möglich machte, dass auch dort jeder so sein kann, wie er will, ist nicht viel zu spüren. Die Sorge um die eigene Karriere geht noch immer so weit, dass selbst schwule Spieler mitunter nichts voneinander wissen oder wissen wollen.

          Wer nun wie der ehemalige Nationalspieler Hitzlsperger auch nach Karriereende weiter im Rampenlicht einer Branche steht, in der Homophobie von der Kurve, über die Vereinskneipe bis unter die Dusche noch allzu oft zum üblichen Ton gehört, hat für sich selbst jedenfalls eine großen Schritt gewagt. Für den deutschen Fußball ist das Bekenntnis Hitzlspergers ein guter Anfang dafür, dass auch Homosexuelle im Fußball von Toleranz, Offenheit und Respekt nicht nur in Sonntagsreden hören, sondern dies alles im täglichen Fußballleben von der Kreisklasse bis zur Bundesliga endlich auch spüren.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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