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Hillsborough-Katastrophe : Ein Wendepunkt für den Fußball

Die schreckliche Bilanz des 15. April 1989 - 96 Menschen starben, 766 wurden verletzt Bild: AP

Eine Partie, die sechs Minuten dauerte, veränderte den englischen Fußball. Die Stadionkatastrophe von Hillsborough jährt sich zum zwanzigsten Mal. Heute sind die Arenen ein sicherer Ort. Von alten Zeiten zu träumen ist verlogene Nostalgie.

          3 Min.

          Englische Fans nehmen ihren Platz im Stadion gern erst kurz vor Anpfiff ein. Am 15. April 1989 trug dieser Brauch zur größten Katastrophe des britischen Sports bei. Eine Partie, die nur sechs Minuten dauerte, veränderte den englischen Fußball wie keine andere. Kurz bevor um 15 Uhr das Pokalhalbfinale zwischen Nottingham Forest und dem FC Liverpool im Hillsborough-Stadion von Sheffield begann, befanden sich Tausende Fans aus Liverpool noch vor dem Stadion. Viele drängten mit Macht auf Einlass. Überforderte Polizisten öffneten ihnen das Tor zu der bereits komplett gefüllten Leppings Lane, der Stehtribüne hinter einem der beiden Tore – statt sie auf die Haupt- oder Gegentribüne umzuleiten, beide nur locker gefüllt.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Binnen Minuten entstand eine tödliche Panik. Es gab kein Ventil für den Überdruck an Leibern. Zwischen Rängen und Spielfeld stand ein hoher, stabiler Metallzaun. An ihm wurden Dutzende zu Tode gedrückt. 96 Menschen starben, 766 wurden verletzt. Das jüngste Todesopfer war der zehn Jahre alte Jon-Paul Gilhooley. Es war der Cousin von Steven Gerrard, dem heutigen Kapitän des FC Liverpool, der damals neun Jahre alt war.

          Gerrard sagt, die Tragödie habe ihn angespornt, „der Spieler zu werden, der ich heute bin“. Sie habe dazu beigetragen, „dass wir zusammengehalten haben, wie wir das bei diesem Klub immer tun“. Hillsborough wurde ein Stück tragischer Klubfolklore, eine kollektive Erinnerung, die den Mythos und das emotionale Erbgut des populärsten englischen Vereins mindestens so sehr bestimmt hat, wie es dessen Erfolge taten – und wie die nationale Erfolglosigkeit, die mit dem 19. Meistertitel ein Jahr nach Hillsborough begann.

          Binnen Minuten entstand eine tödliche Panik - es gab kein Ventil für den Überdruck an Leibern
          Binnen Minuten entstand eine tödliche Panik - es gab kein Ventil für den Überdruck an Leibern : Bild: AP

          Stehplätze, Zäune, Alkohol verschwanden aus englischen Stadien

          Bei der Pflege dieses Erbes ist der Grat schmal zwischen authentischer Emotion und jener künstlich-rituellen Sentimentalität, die seit dem Tod von Lady Diana zum Massenphänomen geworden ist – gerade nun, am zwanzigsten Jahrestag der Katastrophe. Musiker von fünf Pop-Bands aus Liverpool haben einen Erinnerungs-Song („Fields of Anfield Road“) aufgenommen.

          Vor dem 4:0 gegen Blackburn am Samstag wurde ein Blumengebinde mit der Zahl „96“ an der Anfield Road niedergelegt. An diesem Mittwoch werden im Stadion 96 rote Ballons in den Himmel steigen. Die Glocken aller Kirchen in Liverpool werden 96 Mal läuten, und der öffentliche Verkehr der Stadt soll um 15.06 Uhr, der Minute, in dem das Spiel vor zwanzig Jahren abgebrochen wurde, für zwei Minuten zum Stillstand kommen. (siehe auch:

          Video: Tausende gedenken Hillsborough-Tragödie)

          Für den englischen Fußball hatte Hillsborough solch konkrete und weitreichende Folgen wie kein anderes Ereignis. Premierministerin Margaret Thatcher ordnete eine Untersuchung durch den Lordrichter Peter Murray Taylor an. Er kam nach einunddreißigtägiger Beweisaufnahme im Januar 1990 zu einem Bericht, der für die „Mail“ „einer der Wendepunkte in der Kultur des englischen Fußballs“ wurde. Taylor verurteilte die primitiven Bedingungen, die man Fußballzuschauern zumutete. Er ordnete radikale Änderungen an. Stehplätze, Zäune und Alkohol verschwanden aus englischen Stadien. Der „Taylor Report“ wurde die Grundlage für das schöne, sichere, teure Spektakel, das die drei Jahre nach Hillsborough gegründete Premier League zum Welterfolg gemacht hat.

          Käfige, in die man Tausende für die Dauer eines Spiels einsperrte

          „Wir hatten nicht aus Glasgow gelernt“, sagt Lord Triesman, der Chef des englischen Fußballverbandes, „aber aus Hillsborough mussten wir lernen“. 1971 waren beim Derby zwischen den Rangers und Celtic im Ibrox Park 66 Menschen zu Tode gekommen. Das Stadion in Glasgow wurde danach modernisiert. Viele Stadien in England aber blieben noch fast zwanzig Jahre lang Käfige, in die man Tausende für die Dauer eines Spiels einsperrte.

          Die Einzäunung der Stehtribünen war die Antwort auf die planmäßige Gewalt der Hooligans. Bis Hillsborough wurde der Fußballzuschauer von Klubs und Behörden als anonyme Gefahr betrachtet, als einer, den man während des Spiels in Massenviehhaltung nehmen musste – heute ist er ein Kunde, dessen Stimmung und Kaufkraft alle Aufmerksamkeit gilt. Die Konstruktion der Stadien, die Steuerung der Massen, das Verhalten der Polizei, alles ist heute darauf ausgerichtet, jede Art von Angst oder gar Panik zu vermeiden.

          Hillsborough hat die soziale Realität des Fußballs verändert

          Schon schwärmen manche wieder von den alten Zeiten, den stimmungsvollen Tribünen, auf denen Menschen wie Sardinen hin und her wogten – eine verlogene Nostalgie. „Der Fußball ist heute auf den Rängen geprägt von denselben Emotionen von Freude und Verzweiflung wie damals“, schreibt der „Guardian“ über die Erlebniswelt der Fans, „aber das Gefühl der Einschüchterung ist verschwunden. Die übelsten Elemente werden durch Preise und Polizei draußen gehalten und schreiben nun Bücher über die gute alte Zeit der Tribünenschlägereien.“

          Doch hat das schöne, sichere Fußballspektakel von heute seinen Preis. Die Investitionen der Klubs in bessere Stadien und immer teurere Spieler haben das einst proletarische Vergnügen Fußball für viele Engländer unbezahlbar gemacht. „Wenn die Preise so bleiben wie jetzt“, warnt Verbandschef Triesman, „dann wird eine ganze Generation von Kindern nicht die Gelegenheit bekommen, Fußball live zu sehen und sich für Fußball zu begeistern.“ Hillsborough hat die soziale Realität des populärsten Spiels der Welt verändert.

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