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Hetzende Eintracht-“Fans“ : Inszenierter Hass

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Gewalt mit Tradition: Im April 2011 verlor die Eintracht in Mainz, danach kam es in Frankfurt zu schweren Ausschreitungen Bild: Imago

Teile der Frankfurter “Fußballfans“ hetzen mit brutaler Rhetorik gegen ein neues Feindbild – Darmstadt 98. Vor dem Aufeinandertreffen der beiden hessischen Vereine leitet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein.

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          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten (nach § 111 StGB) eingeleitet. Im Fokus der Ermittlungen gegen unbekannt stehen sogenannte “Fans“ des Fußball-Bundesligavereins Eintracht Frankfurt. Anlass sind Illustrationen von äußerster Brutalität, die in Fan-Foren im Internet kursieren. Eines zeigt einen Frankfurter Anhänger, der in der linken Hand mit einer Axt bewaffnet ist, mit der rechten eine Frau an der Gurgel packt und mit sich schleift. Auf dem Hemd der Frau ist das „Lilien“-Vereinswappen des SV Darmstadt 98 zu sehen. „DARMSTADT VERNICHTEN!“ steht darüber, und darunter: „06.12.2015. ALLE AUF DIE STRASSE. LILIENSCHWEINE JAGEN“.

          Paragraph 111 des Strafgesetzbuches verlangt eine konkrete Bedrohung, und offenbar ist diese durch die Nennung des Datums gegeben. Am 6. Dezember empfängt Eintracht Frankfurt in der heimischen Arena den hessischen Nachbarn Darmstadt 98 (17.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesligaticker auf FAZ.NET). Ort und Zeit sind also definiert – Grund genug für die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen gegen unbekannt aufzunehmen. Axel Hellmann, Vorstandsmitglied von Eintracht Frankfurt sagte gegenüber dem HR: „Wir distanzieren uns von dieser geschmacklosen Provokation. Wir wünschen uns ein faires und sportliches Hessenderby und lassen uns die Vorfreude durch diese Aktion nicht nehmen.“

          Androhung von Gewalt

          Teile der Frankfurter Fanszene, die dem Lager der Ultras zugerechnet werden, machen seit Wochen Stimmung gegen den Aufsteiger aus Darmstadt, versuchen, ein Feindbild aufzubauen und drohen mit Gewalt. Insider beschreiben das als „Ultra-Kontroverse“, die von Frankfurter Seite vorangetrieben werde.

          Als die Eintracht am 17. Oktober zuhause gegen Mönchengladbach 1:5 verlor hatte und sich Darmstädter Anhänger in Internetforen darüber lustig machten, fielen am späten Samstagabend mehr als hundert dunkel gekleidete Frankfurter im 35 Kilometer entfernten Darmstadt ein und sorgten in der Innenstadt für gespenstische Szenen. Die Polizei verhinderte Schlimmeres, zurück blieben Graffitis mit eindeutigen Botschaften: „Lilienschweine sichten und vernichten.“

          Hat die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen: Hass-Aufkleber gegen Darmstadt 98
          Hat die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen: Hass-Aufkleber gegen Darmstadt 98 : Bild: dpa

          Dass die Gewalt keine leere Drohung sein muss, hatten Frankfurter Anhänger vor der Saison gezeigt, als ein Testspiel am 21. Juli gegen Leeds United im österreichischen Ort Eugendorf in einer brutalen Massenschlägerei endete.

          Gewaltandrohungen durch Frankfurter Fans haben Tradition. Vor fünf Jahren riefen sie vor einem Spiel beim 1.FC Kaiserslautern zu einem „Schlachtfest“ auf und stellten ein bluttriefendes Video ins Internet, das noch heute auf Youtube zu sehen ist. Titel: PFALZÜBERFALL - LAUTERNSCHWEINE VS. EINTRACHT FRANKFURT. Gedreht wurde in einer Metzgerei.

          Eine ähnliche Stimmung wie damals versuchen Teile der Frankfurter Fans nun wieder zu erzeugen – mit derselben brutalen, zur Gewalt aufrufenden Rhetorik. Das neue „Schweine“-Feindbild, der neue Gegner, gegen den gehetzt wird, heißt Darmstadt 98. Dabei wird der inszenierte „Hass“ auf den Nachbarn vom großen Rest der Frankfurter Zuschauer nicht mitgetragen, im Gegenteil: Es gibt Sympathien für den Überraschungsaufsteiger aus der Nachbarschaft. Die Ultra-Szene reagiert darauf bei den Heimspielen mit Anti-Darmstadt-Gesängen und Transparenten.

          Beobachter warnen davor, die verstörende Gewaltrhetorik der Frankfurter Fans nicht ernst zu nehmen. Und sie verlangen deutliche Signale von Vereinsseite und Fanklubs, verlangen, den Aufrufen zur Gewalt endlich etwas Substantielles entgegen zu setzen. Viel zu lange, heißt es, hätte man alles laufen lassen und so zur gegenwärtigen Situation beigetragen.

          Beim Spiel in Dortmund 2011 präsentieren sich Eintracht-“Fans“ als „Deutscher Randalemeister“
          Beim Spiel in Dortmund 2011 präsentieren sich Eintracht-“Fans“ als „Deutscher Randalemeister“ : Bild: Imago

          Ist das eine neue Hooligan-Szene, die versucht, Angst und Schrecken zu verbreiten? Die Frankfurter waren früher für zwei schlagstarke Verbindungen berüchtigt: Adlerfront und Presswerk. Beide gibt es nicht mehr. Ihre Nachfolger als klassische Hooligan-Formation nennt sich Brigade Nassau, die sich freilich auf ihre „Ackermatches“ konzentriert, eine Art reglementiertes Massenkickboxen gegen Trupps anderer Vereine. An rhetorischen Gewaltexzessen und massiven Drohungen gegenüber „normalen“ Fans wie jetzt im Fall Darmstadt 98 haben sie kein Interesse. Das ist offenbar eine Spezialität der Ultra-Szene.

          Unverständliche Ansetzung

          Der Partie Frankfurt gegen Darmstadt, die unverständlicherweise für den Abend angesetzt wurde, sieht man mit Sorge entgegen. Die Darmstädter, die über eine kleine Hooligan-Szene im Rentenalter verfügt und eine von der Polizei für ihre multikulturelle Ausrichtung gelobte Ultra-Fraktion, hat bislang auf die Frankfurter Provokationen nicht reagiert. Das Frankfurter Bedrohungsszenario allerdings zeigt Wirkung. Viele machen sich Sorgen, wie sie am 6. Dezember sicher nach Frankfurt und zurück kommen.

          Im Jahr 2011 kulminierte die damalige Frankfurter Hetzkampagne gegenüber Kaiserslautern und Mainz, als 150 Eintracht-Anhänger nach einer 0:3-Niederlage in Mainz den Mannschaftsbus abpassten und Polizisten angriffen. Ein Beamter wusste sich damals nur mit einem Warnschuss zu helfen.

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