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Kurzgeschichte über Fußball : Als die Funken aufwärts flogen

  • -Aktualisiert am

So wie für viele alles begann, mit dem Fußball Bild: Picture-Alliance

Die Meisten werden dir nicht genau sagen können, wie sie zum Sport gekommen sind. Ich hatte wenig Ehrgeiz und niemand hatte mich auf dem Zettel. Und dann kam die Sache mit Feder. Eine Kurzgeschichte.

          13 Min.

          Die Meisten werden dir nicht genau sagen können, wie sie zum Sport gekommen sind, wie und wann und warum es passiert ist. Die Älteren werden vielleicht sagen, dass sie von ihren Eltern im Verein angemeldet wurden. Oder dass ein Cousin sie zum Training mitgenommen hat. Und die Jüngeren werden bestimmt erzählen, dass irgendein Talentscout sie auf dem Schulhof aufgegabelt und zu einem Nachwuchszentrum geschleppt hat. Ich war damals in keiner Mannschaft. Ich hatte wenig Ehrgeiz und niemand hatte mich auf dem Zettel. Und dann kam die Sache mit Feder. Ich bin in den Blöcken aufgewachsen, und jeder, der es von dort weggeschafft hat, weiß, dass unter diesen Blöcken Magnete liegen, die dich anziehen, wo auch immer du bist. Und wenn dir nicht eine Geschichte wie die von Feder die Augen öffnet, dann hast du keine Chance. Feder war so ungeschickt, du kannst es dir nicht vorstellen. Und er war schmächtig, er wurde im Spiel regelrecht hin und her geworfen, wie eine Feder im Wind.

          Feder lebte im selben Block wie ich und Tag für Tag waren wir auf dem Platz. Es war ein Fußballkäfig im Hinterhof, engmaschiges Gitter, roter Schotter, Tore ohne Netz. Auf dem Platz riss Feder der erste Körperkontakt zu Boden. Er hatte stets Schürfwunden an Armen und Beinen, trockenen Schorf, der sich bereits löste, feuchten Schorf, der in der Sonne glänzte. Als Mitspieler war Feder unbeliebt, niemand wollte ihn in seinem Team haben. Nur Mario wählte ihn immer zuerst. Du hättest Mario am Ball sehen sollen. Mario spielte für die Jugend von Turbine. Er hatte alles, was man für das Spiel braucht, und der enge Käfig schien ihn nur noch besser zu machen. Mario liebte den Ball, und wenn er nicht beim Training war, dann war er bei uns auf dem Platz, und es war verdammt gut, mit ihm auf dem Platz zu stehen. Mario durfte natürlich wählen, und niemand wusste, warum Mario immer Feder wählte. Aber auch wenn Feder die meiste Zeit auf dem Boden lag, gewann Marios Mannschaft doch.

          Es war ein Sonntag im Sommer und die Sonne staute sich zwischen den grauen Mauern der Blöcke. Wir hatten zwei Teams gebildet, kamen aber nicht richtig ins Spiel. Mario fehlte. Irgendwann tauchte er hinter dem Zaun auf. Feder ging zu ihm, ohne dass sich ein Mitspieler darüber beschwert hätte. Mario und Feder lehnten sich an den Zaun, sprachen aber nicht miteinander, irgendetwas schien zwischen ihnen vorgefallen zu sein. Plötzlich stoppte das Scharren auf dem Schotter. Die Rufe nach einem Zuspiel, der Ärger über ein Gegentor, der Jubel, all das war mit einem Mal verschwunden. Es war Steinmann. Und wo Steinmann war, konnte Franz nicht weit sein.

          Jeder, der aus den Blöcken kommt, kennt einen wie Steinmann, und jeder kennt einen wie Franz. Wenn die beiden kamen, war es besser, sofort zu verschwinden. Ich und Stefan Kreis und Thorsten Dahn wollten gerade unsere Sachen schnappen, da waren Steinmann und Franz schon auf dem Hof. Steinmann trug eine grüne Bomberjacke und eine Jeans, die an den Knien zerrissen war. Franz schlurfte ihm hinterher, in diesen schweren Stiefeln, die er selbst bei großer Hitze trug. Es war unmöglich, an den beiden vorbeizukommen. „Lauf in den nächsten Aufgang“, sagte Mario zu Feder. „Mach schon.“ Aber Feder rührte sich nicht.

          Ich und Stefan Kreis und Thorsten Dahn, wir standen genau neben ihnen und wären beinahe auch nicht losgekommen, aber dann drückten wir uns im letzten Moment durch eine offene Stelle im Zaun in die Büsche. Ich weiß noch, dass ich an die Stereoanlage denken musste, die mein Vater kurz zuvor gekauft hatte; es kam mir vor, als hätte irgendjemand einen großen Regler auf Null gedreht. Sonst hast du dort immer etwas gehört, Musik, Streit, jemanden, der seinen Teppich ausklopft, aber an diesem Tag waren da nur noch die Schritte von Steinmann und Franz.

          Mario stellte sich Steinmann in den Weg, aber der schob ihn einfach weg. Feder ging zu Boden, bevor Steinmann auch nur in seiner Nähe war. Ich konnte es von meinem Platz in den Büschen genau sehen. „Hilf mir doch mal auf die Sprünge“, sagte Steinmann. „Nennen sie dich Feder, weil der Wind dich durch die Gegend weht oder weil du so schöne Briefe schreibst?“ Feder rutschte im Sitzen zurück und drückte sich gegen den Zaun. „Er hat den Brief nur eingeworfen“, sagte Mario und baute sich vor Feder auf. „Er hat nichts damit zu tun.“ „Scheiße“, sagte Steinmann. „Ist das nicht ein verdammt süßes Pärchen, Franz?“

          „Verdammt süß.“ Franz hatte einen langen Ast auf den Platz geschleppt und trat die Zweige ab. „Scheiße, wenn ihr so süß seid“, sagte Steinmann, „was zum Teufel willst du dann von meinem Mädchen?“ „Sie ist nicht dein Mädchen“, sagte Mario. „Sie hat mich angesehen.“ Franz ließ von seinem Ast ab. „Sie hat ihn angesehen… Wenn sie ihn ansieht, muss er ihr schreiben.“ „Da seid ihr euch ja verdammt einig“, sagte Steinmann. Er grinste Mario an, dann verschwand das Grinsen aus seinem Gesicht. „Aber es gibt eine Ausnahme.“

          Ich und Stefan Kreis und Thorsten Dahn hatten uns nach vorn an den Zaun gewagt, und ich weiß noch, dass niemand von uns den Schlag kommen sah. Thorsten Dahn zuckte zusammen, als Franz’ Rechte Mario in den Zaun drückte. Mario rutschte am Zaun hinab, bis er bei Feder auf dem Boden saß. Franz stellte sich neben Steinmann und schoss Schotter in ihre Gesichter. „Was soll das werden?“ „Du hast gesagt, dass wir sie uns vornehmen.“ „Aber doch nicht  so“, sagte Steinmann. „Ich will, dass sie es sieht.“ Es dauerte einen Moment, bis Franz verstanden hatte. Dann zog er ab.

          Als er weit genug entfernt war, machte Steinmann eine besänftigende Handbewegung. „Ich muss mich für ihn entschuldigen. Sein Vater ist gestern von der Montage zurückgekommen. Sein Vater hat seine Emotionen nicht unter Kontrolle und der arme Junge muss darunter leiden. Sein Vater ist ein ganz gehässiger Mensch.“ Mario spuckte vor sich in den Staub. Steinmann nahm sich den Ball und ließ ihn auftrumpfen. „Ich weiß, dass du ihr schreiben musstest.“ Er warf den Ball knapp über ihren Köpfen gegen den Zaun. „Aber ich habe einen Ruf zu verlieren.“ In diesem Moment zupfte mich Stefan Kreis am T-Shirt und deutete zum gegenüberliegenden Block. Ein Mädchen trat zögerlich aus einer Tür, Franz dicht hinter ihr. Sie betraten den Käfig. Franz zog ein Messer aus der Tasche und bearbeitete seinen Ast. „Verdammt artiges Mädchen“, sagte er. „Hat gewartet, wo du sie abgestellt hast.“

          Das Mädchen war in der Mitte des Platzes stehen geblieben. Schon seltsam, dass ich vergessen habe, wie sie aussah. Nicht mal die Farbe ihrer Haare könnte ich sagen. Ich weiß nur noch, wie sie dastand in der Sonne, sie sagte nichts, sie machte nichts, und trotzdem wurde der Platz durch ihre Anwesenheit zu einer wichtigen Angelegenheit. Und ich weiß noch, dass ich zu Stefan Kreis und Thorsten Dahn blickte und an der Art, wie sie ihre Finger in den Zaun gehakt hatten und das Mädchen anstarrten, erkannte ich, dass es ihnen genauso ging. Steinmann winkte das Mädchen heran. „Hast du ihn angesehen?“

          Das Mädchen sah zu Mario hinüber. Etwas geschah mit ihrem Gesicht. Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht …“ „Denk genau nach.“ Steinmann legte seine große Hand an ihre Wange. Das Mädchen zögerte. „Ich glaube nicht.“ „Das dachte ich mir“, sagte Steinmann und drehte sich zu Mario. „Sie hat dich also gar nicht angesehen. Und trotzdem hast du ihr geschrieben?“ Steinmann verschränkte die Arme vor der Brust. Er tat, als würde er nachdenken. Es war ein wahnsinnig schlechtes Schauspiel. Jeder wusste, was gespielt wurde, selbst Thorsten Dahn mit seinen Vieren auf dem Zeugnis. Jeder wusste, was los war, jeder, bis auf Franz.

          „Franz“, sagte Steinmann. „Was machen wir, wenn sich einer nicht an die Regeln hält?“ „Wir machen ihn verdammt fertig.“ „Das hast du dir verdammt gut gemerkt.“ Steinmann beobachtete die Reaktion des Mädchens. „Man erzählt viel Schlechtes über mich“, sagte er, „dabei achte ich immer darauf, dass es fair zugeht. Wir machen eine faire Sache daraus.“ „Sie sollen beide was abkriegen“, sagte Franz und schlug mit dem Ast auf den Boden. „Nein.“ Steinmann hob die Hand. „Sie sollen ihre Chance kriegen.“ „Sie sollen aufs Maul kriegen.“ „Du“, sagte Steinmann. „Hoch mit dir.“ Ich weiß noch, dass ich einen Druck in der Magengegend spürte, als Franz Feder hochzerrte. „Das ist eine Sache zwischen dir und mir“, sagte Mario. „Nein“, sagte Steinmann. „Es ist viel größer, als du denkst.“ Feder bewegte sich nicht. „Stell dich ins Tor“, sagte Steinmann. „Franz!“

          Franz schlug Feder mit dem Ast gegen die Schenkel, nur mit Mühe gelang es ihm, nicht sofort auf die Knie zu fallen. Feder schritt über den Platz wie ein Verurteilter. Während Franz ihn zwischen den Pfosten platzierte, brachte sich Steinmann in Stellung. Er setzte zu ein paar Sprints an und jonglierte mit dem Ball. „Verpisst euch“, schrie Franz plötzlich und ließ den Ast gegen den Zaun knallen. Es hatten sich inzwischen fast alle am Käfig eingefunden, alle wollten sehen, was zwischen Steinmann und Mario ablief. Steinmann pfiff durch die Zähne. „Ich habe nichts zu verbergen, sie sollen es alle sehen“, sagte er so laut, dass es jeder hören konnte. „Die Rechnung ist ganz einfach: Franz freut sich über jedes Tor. Wie viele Tore fallen, entscheidet dein Freund hier.“

          „Du bist krank“, rief Mario. Franz drängte ihn zurück und band seine Hände mit einem Seil am Zaun fest. „Ich fühle mich eigentlich ganz gut.“ Steinmann sah zu dem Mädchen. „Ich fühle mich sogar ziemlich gut.“ Damals dachte ich noch, dass Feder sich gut im Tor aufgestellt hatte. Heute weiß ich, dass er keine Chance hatte, den Schuss zu erreichen. Dabei nahm Steinmann nur die Innenseite und der Ball war so lange in der Luft, dass ich kurz davor war, auf den Platz zu rennen und ihn selbst zu halten. Es ist vor allem die Erschütterung des Zaunes, die mir in Erinnerung geblieben ist. Der Aufprall des Balles übertrug sich auf die umliegenden Zaunfelder, sodass wir ihn in unseren Fingern spüren konnten.

          Mit dem ersten Schuss war klar, was das Zittern an den Fingern für Mario bedeutete. Franz hatte neben ihm Stellung bezogen und als der Ball zur Ruhe gekommen war, stieß er Mario das Knie in den Magen. Mario stöhnte. Er kippte nach vorn, hing an seinen am Gitter festgemachten Armen. „Eins zu null“, sagte Franz. Steinmann holte sich den Ball. Der nächste Schuss touchierte Feder an der Schulter, ohne dass er reagiert hätte. Das Gitter zitterte noch einmal. Franz hatte den ganzen Körper gegen Mario geworfen, ihn mit Anlauf in den Zaun gedrückt. Mario hustete. „Zwei zu null“, sagte Franz. Steinmann trottete über den Platz und nahm den Ball auf.

          „Schluss damit“, sagte Feder. Er stellte sich demonstrativ neben das Tor. „Ach, die Zusatzregel“, sagte Steinmann, „die habe ich vergessen. Gehst du aus dem Tor oder bleibst du am Boden …“ Er machte eine Bewegung mit den Händen, als würde er etwas in der Mitte zerbrechen. „Du musst das nicht mitmachen“, sagte Mario. Seine Stimme klang gepresst. „Natürlich muss er nicht“, rief Steinmann. „Aber würde er sich das je verzeihen?“ Feders Schultern sackten herunter. Ich hatte mich oft lustig über ihn gemacht, jetzt tat er mir leid. „Er gibt auf“, sagte Thorsten Dahn. Stefan Kreis sagte: „Es ist zu groß für ihn.“ Feder positionierte sich wieder im Tor, diesmal einen Schritt vor der Linie. Steinmann nahm Anlauf. Etwas veranlasste Feder, den Arm hochzuziehen, der Ball berührte seine Hand, knallte gegen die Latte und sprang zurück ins Feld. Steinmann stemmte die Arme in die Hüften. Feder sah dem Ball nach.

          Er weiß gar nicht, was geschehen ist, dachte ich. „Er hat keine Ahnung, was er tut“, sagte Stefan Kreis. Steinmann zog erneut ab. Jetzt sah Feder fast aus wie ein Torwart. Er ging leicht in die Knie, er war bereit, den Schuss abzuwehren. Kurz bevor der Ball an ihm vorbei war, streckte er die Hand aus, der Ball klatschte dagegen und tippte auf den Boden, bis er vor Feders Füßen liegenblieb. Hinter dem Zaun wurde es unruhig. Niemand hatte Feder je geholfen, wenn er zu Boden gegangen war. Jetzt waren sie alle auf seiner Seite. Franz ging vor Mario auf und ab. „Genug gespielt“, sagte Steinmann und legte sich den Ball weit vor.

          Auch er hatte einmal im Verein trainiert – und sie konnten ihn nicht wegen seiner Technik aus der Mannschaft geworfen haben. Nie zuvor hatte ich so einen Schuss gesehen. Nicht auf diesem Platz. Kaum hatte das Gitter unter unseren Fingern gezittert, legte Franz auch schon los. Steinmann ließ ihn sich austoben. Mario hing im Zaun, seine Nase blutete. Das Mädchen hatte sich abgewendet. Steinmann ging zu ihr und berührte ihre Wange. „Sieh hin.“ Er drehte ihren Kopf ganz langsam in Marios Richtung. „Sieh, was du angerichtet hast.“

          Ich weiß nicht, was dann mit Feder passierte. Es war klar, dass er gegen Steinmann nichts ausrichten konnte. Keiner konnte ihn für das, was Mario widerfuhr, verantwortlich machen. Steinmann hatte gesagt, er würde eine faire Sache daraus machen, aber es war alles andere als fair, es war eine Hinrichtung. „Er weint“, sagte Franz mit einem gehässigen Unterton in der Stimme. „Er weint wie ein Mädchen.“ „Weiter“, rief Steinmann. Feder rieb sich mit dem Ärmel seines T-Shirts durch das Gesicht. Bisher hatte er die Augen schon vor dem Schuss geschlossen, jetzt machte er sie auf. Und dann, als wären Steinmanns Anlauf, die Fußhaltung, die Luftzirkulation und die Flugkurve des Balles, als wären diese Informationen auf geheimnisvollem Weg in seinen Kopf transferiert worden; dann, ohne dass es ihm Mühe zu bereiten schien, pflückte Feder den Ball aus der Luft.

          Diesmal kam kein Jubel auf, es war überhaupt nichts zu hören. Niemand wusste, was aus dem Jungen, den wir alle Feder nannten, geworden war. Thorsten Dahn stand der Mund so weit offen, man hätte einen Fußball darin versenken können. „Her damit“, sagte Steinmann ungeduldig. Aber Feder dachte nicht daran, den Ball herzugeben. Wie eine Trophäe hielt er ihn in den Händen. „Weiter, habe ich gesagt.“ Feder reagierte nicht. Erst als Franz sich vom Zaun entfernte, warf er Steinmann den Ball zu. Steinmann wartete nicht, bis der Ball zur Ruhe gekommen war. Aber es gelang Feder, einen Arm hochzuziehen und auch den nächsten Schuss abzuwehren. Steinmann stoppte den Ball bereits in der Mitte des Platzes und lief wieder an. „Knall ihm ins Gesicht“, schrie Franz. Seine Stimme überschlug sich.

          Frag mich nicht, wie Feder es gemacht hat, aber irgendwie bekam er die Fäuste hoch. Steinmann hatte so viel in den Schuss gelegt, dass der Ball zwischen ihnen aufstieg. Ich folgte seiner Flugbahn, bis mich die Sonne blendete, dann hörte ich Steinmann über den Schotter rennen und einen Knall, der mich instinktiv den Kopf wegdrehen ließ. „Er ist tot“, hörte ich Stefan Kreis neben mir sagen. Für einen Moment glaubte ich selbst daran. Ich wagte kaum, die Augen zu öffnen. Feder lag am Boden und rührte sich nicht. Dann wälzte er sich ruckartig auf den Bauch und schlug mit der Faust auf den Boden.

          Der Schmerz in seinem Gesicht muss übermächtig gewesen sein, aber offenbar wusste er noch, dass er wieder hoch musste. Er stand noch nicht ganz aufrecht, da drückte Steinmann ihm erneut eins rein. Es war ein harter Treffer in die Magengegend, Feder ging auf die Knie. Bevor er hinschlug, riss er die Arme nach vorne. Er würgte, aber es kam nichts heraus. Franz konnte sich nur mit Mühe von Mario fernhalten. Dass er nicht mehr zum Zug kam, setzte ihm zu. „Er ist erledigt“, sagte er und deutete mit dem Ast auf Feder. „Ist er erledigt?“ „Gibst du auf?“ Steinmann wendete sich triumphierend zu allen Seiten des Platzes. „Ja“, schrie Franz, „gib auf.“

          Feder starrte auf den Boden. Ich schwöre dir, ich habe mir gewünscht, dass er unten bleibt. Ich habe mir gewünscht, dass er irgendwie von diesem Platz runterkommt. Aber Feder lachte. Er hatte nicht viel zu lachen gehabt bei uns, jetzt lachte er. Ich hatte ihn noch nie so gehört – es war schrecklich. Als hätten sie ihm einen der Blöcke auf den Rücken gesetzt, kam er langsam wieder hoch. Den nächsten Schuss sah er nicht einmal kommen. Sein rechtes Auge war zugeschwollen, der Ball traf ihn mitten im Gesicht. Ich zuckte zusammen, als hätte ich den Schlag abbekommen. Feder kippte weg, ohne sich vor dem Sturz zu schützen. Er fiel auf die Seite und blieb liegen, sein Gesicht im Staub.

          „Bleib unten“, schrie jemand. Es war Marios Stimme. Sie war so verzerrt, dass ich sie erst gar nicht erkannte. Die dunkle Flüssigkeit tropfte auf den Boden. Feder saß vornübergebeugt da und das Blut lief aus seiner Nase. Sein T-Shirt war schmutzig vom Schotter. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Nase und betrachtete den rot eingefärbten Stoff. Er versuchte, aufzustehen. Ich kann dir nicht genau sagen, wer damit angefangen hat, aber auf einmal begann der Zaun zu zittern. Nicht etwa, weil Steinmann einen Schuss abgegeben hätte. Sie rüttelten alle daran, alle, die sich über Feder lustig gemacht, alle, die ihn noch kurz zuvor hämisch grinsend umkurvt hatten, wenn er mal wieder hingeschlagen war. Sie skandierten seinen Namen, als wäre es eine Arena, kein Fußballkäfig, den sie uns zwischen die Blöcke gestellt hatten, damit wir nicht vor der Kaufhalle zerdrückte Bierdosen herumkickten.

          In den folgenden Schuss packte Steinmann so viel hinein, dass es ihn hochhob und auf den Hintern setzte. Er traf Feder mit voller Wucht gegen die Brust. Feder hatte nicht einmal mitbekommen, aus welcher Richtung der Ball kam. Ich glaube, er wusste nicht einmal, wo sich das Tor befand. „Sie sollen aufhören“, sagte Stefan Kreis neben mir. Er

          sagte es so leise, dass ich es kaum verstand. Thorsten Dahn sah zu Boden. Er schüttelte den Kopf. Auf dem Platz schienen alle erstarrt. Mario hing am Zaun. Franz lehnte auf seinem Ast – was er geboten bekam, war besser als das, was er Mario hätte antun können. Das Mädchen hatte den Kopf gesenkt, die Haare waren ihr ins Gesicht gefallen.

          Feder lag zusammengekauert in der Sonne, langsam legte sich der Staub. Ich hätte alles darauf verwettet, dass er für immer dort unten bleibt. Aber dann erhob er sich. Er riss den Mund auf, ohne dass ein Ton herauskam. Es sah aus, als wollte er den Schmerz der Welt schlucken. Er schlug mit der Faust auf den Boden und es schien, als würden von seinem Körper Funken aufwärts fliegen. „Matthias“, rief Mario. Bevor er noch etwas sagen konnte, fiel Franz über ihn her. „Schluss“, rief Steinmann, „der war nicht drin.“ „Dann hau ihn rein“, schrie Franz. „Töte ihn.“ „Ruhe“, sagte Steinmann. „Ich habe gesagt, es wird eine faire Sache.“

          Es war ihm anzumerken, dass er es hasste, die Kontrolle zu verlieren. Feder wankte. Ein leichter Wind ging durch die Büsche, aber Feder schwankte, als ob ein Sturm an ihm zerrte. Er versuchte nicht mehr, das Tor zu sichern. Er stand da, irgendwo auf diesem Platz, und wartete darauf, dass es zu Ende ging. „Aufhören“, rief eine helle Stimme. Es war das Mädchen. Sie lief auf den Platz. „Schluss mit diesem Unsinn.“ Es wurde leise hinter dem Zaun. Das Mädchen ging zu Feder, löste das Tuch, das sie um den Hals trug, und wischte ihm das Blut weg. Sie strich ihm über das Haar. „Fass ihn nicht an.“ Steinmann zerrte das Mädchen am Arm von Feder weg. Er versuchte sie zu küssen, aber sie riss sich los.

          Nie wieder habe ich Steinmann so gesehen. Alles, was er hatte, war zerstört. Feder hatte ihn erledigt. Steinmann führte das Mädchen vom Platz. „Was wird aus ihm?“, rief Franz und deutete mit dem Ast auf Mario. „Er gehört dir“, rief Steinmann. „Der andere auch.“ „Das kannst du nicht tun“, sagte das Mädchen, aber Steinmann zog sie einfach hinter sich her. Sie waren noch nicht ganz weg, da legte Franz auch schon los. Feder konnte es höchstens verschwommen sehen. Sein Gesicht war zugeschwollen, er ging in die Knie. Er hatte so viel Schmerz auf sich genommen, nun konnte er seinem Freund nicht mehr helfen.

          Ich weiß nicht, warum wir Franz dabei zusahen. Ich weiß nicht, warum wir ihn nicht davon abhielten. Immerhin war es Mario, den er dort zurichtete. Aber erst als er sich von Mario abwendete, wurde es laut hinter dem Zaun. Die Gitter zitterten wieder. Dann stürmten auch schon die ersten auf den Platz. „Kommt mit“, sagte Thorsten Dahn und rannte los. Ich folgte ihm, und bevor Franz Feder auch nur anfassen konnte, hatten wir ihn umstellt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, etwas gegen ihn ausrichten zu können, und ich glaube, es ging jedem von uns so.

          Stefan Kreis ging voran und trat Franz in den Rücken. Es war dieselbe Angst, die ich nun in seinen Augen sah. Wie oft hatte ich meine Freunde vor Franz fliehen sehen, nun starrte er uns an. Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte er nicht das Messer gezückt. Wir wichen zurück. Nur mit dem Messer konnte Franz sich den Weg zum Ausgang des Käfigs bahnen. Einige folgten ihm, bis er vom Hof verschwunden war. Wir halfen Feder hoch. Er legte seinen rechten Arm um meinen Hals, er stank nach Schweiß und Blut, aber es machte mir nichts aus. Ich fühlte, dass Feder mir etwas über dieses Spiel gezeigt hatte. Ich wusste nicht genau, was es war, aber ich wusste schon damals, dass es sehr bedeutend war.

          Es dauerte, bis wir Mario vom Zaun gelöst hatten, Feder sank zu ihm herab. Sie saßen nebeneinander, vereint in ihrem Schmerz, und sie saßen noch lange dort, auch dann noch, als die Schatten der Blöcke sie längst verschluckt hatten. Das war die Geschichte von Feder. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Ich hab ihn aus den Augen verloren, genauso wie Stefan Kreis und Thorsten Dahn und so viele andere.

          Vielleicht fährt der Junge, den wir Feder nannten, heute die Ringbahn im Kreis. Oder er saugt mit einem dieser neuen Mobile die Hundescheiße von den Gehwegen. Vielleicht hat er sich mit Anabolika aufgepumpt. Oder er ist so fett geworden, dass das Pils auf seine Wampe tropft, wenn er samstags die Konferenz schaut. Wahrscheinlich aber hat er nie einen Stollenschuh an den Schädel bekommen. Und bestimmt hat er die Geschichte, die mich ins Tor gebracht hat, längst vergessen. Die Geschichte, wie er einmal größer war als das, was man in ihm sah.

          Exklusiver Auszug aus dem Buch: Herz & Rasen. 11 Kurzgeschichten über Fußball. Herausgegeben von Manuel Neukirchner. Erschienen bei Tropen. 240 Seiten. 18,00 Euro. Erscheint am 26. Oktober 2019.

          Unser täglich Sportbuch

          Was macht der Fußball mit den Menschen? Er bewegt sie, viele von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter. Er führt sie zusammen, an manchem Abend eine ganze Nation. Er regt sie auf, er begeistert sie, er stärkt sie, er macht einige sehr reich, andere trennt er. Aber kalt lässt er die Menschen nicht. Die Texte der Anthologie „Herz & Rasen – 11 Kurzgeschichten über den Fußball“ des Deutschen Fußball-Museums erzählen von der mächtigen Wirkung dieses Spiels auf die Seele und auf das (auch aus dem Lot geratene) Leben zwischen Abpfiff und Anpfiff.

          Mit der ersten Vergabe eines Kurzgeschichtenpreises an diesem Samstag auf der Frankfurter Buchmesse macht das Fußball-Museum zwar nicht ganz uneigennützig Werbung für das eigene Projekt. Aber nicht nur die Beiträge der Sieger, Kristina Jovanović („You’ll never walk alone“) und David Blum („Als die Funken aufwärts flogen“), sind zweifellos starke, packende, in die Tiefe gehende Stücke, eine literarische Annäherung an das Lieblingsspiel der Deutschen, wie sie zu selten gelingt. Der mit 5000 Euro dotierte Preis richtet sich an Nachwuchsautoren des Deutschen Literaturinstituts Leipzig.

          Der Jury gehörte auch Saša Stanišić an, der für seinen Roman „Herkunft“ diese Woche den Deutschen Buchpreis erhalten hat und die Anthologie so einschätzt: „Schalke, Schlägerei, schwule Fußballer. Mieses Gekicke, Marketing, Michael Ballack. Väter, Waden, Wurst in der Halbzeit. Klischees, Ulf Kirsten, Schiri du Arschloch. Träume, Trikottausch, Taktiktafel. Fuppes, Fabulieren, ein fantastisches Buch.“ (F.A.Z.)

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