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Hertha BSC : Combo Marcelinho

Mittelfeldkünstler und Vollstrecker: Marcelinho Bild: AP

Der Dirigent und Solist Marcelinho hat bei Hertha BSC endlich die richtigen Mitspieler gefunden. Mit einem Sieg gegen Schalke wollen die Berliner die Chance auf einen Champions-League-Platz wahren.

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          In der vergangenen Woche hat eine Zeitung in Berlin Dieter Hoeneß, dem Manager von Hertha BSC, vorgehalten, wie viele erfolglose Stürmer er schon verpflichtet hat. Das war eine lange Liste. Sie reichte von Alves über Lakies, Reiss, Aracic, Olic, Zilic, Ludvigsen, Nedzipi, Pinto, Luizao, Reina bis zu Bobic und Wichniarek, den derzeitigen, ziemlich erfolglosen Angreifern im Kader.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Dann kam das Spiel beim deutschen Meister Werder Bremen, und der Brasilianer Marcelinho zeigte mit seinem Treffer zum 1:0 für die Berliner, daß er für zwei Spieler steht: den Mittelfeldkünstler mit Spieltrieb und den Vollstrecker mit der Lizenz zum Torschuß. 15 Tore hat er in dieser Saison bereits geschossen; nur ein einziger, der Nürnberger Marek Mintal, ist erfolgreicher als er. Zwölf seiner Flanken, Eckbälle und Freistöße führten zu Treffern seiner Mannschaftskameraden.

          Dirigent und Solist in einem

          "Die Mannschaft hat in Bremen gezeigt, daß sie gewachsen ist", schwärmt Hertha-Trainer Falko Götz. Vor einem Jahr, das vergißt in Berlin so schnell niemand, kämpfte sie unter dem Regiment von Hans Meyer noch gegen den Abstieg. Auch da gab es schon Marcelinho.

          Für Trainer Falko Götz ist er Lieblingsspieler und Sorgenking zugleich

          Doch wenn Götz sagt, am Samstag, im Spiel gegen die vom Pokal-Halbfinale womöglich erschöpften Schalker, könne er mit voller Kapelle auftreten, trifft er genau den Ton. Marcelinho, Dirigent und Solist in einem, hat endlich die Begleit-Band, die er braucht: solide, takt- und trittsicher, gelegentlich stoisch in der Hintermannschaft, variabel im Mittelfeld und mit Einzelkönnern verstärkt, die dem Maestro bei Unpäßlichkeit den ein oder anderen Auftritt abnehmen können.

          Jetzt geht es um die Qualifikation für die Champions League

          Marcelinhos Landsmann Gilberto etwa deckt, offensiv ebenso stark wie defensiv, die linke Seite ab, Yildiray Bastürk wirbelt virtuos und entschlossen durch Aufbau und Offensive. Im Vergleich zu Marcelinho spielen sie zwar die zweite Geige, haben es aber gemeinsam auch schon auf elf Treffer gebracht; auf sechs der eine, auf fünf der andere. Gemeinsam mit den Toren von Marcelinho macht das knapp die Hälfte der 51 Tore erzielt, die Hertha in dieser Saison gelungen sind.

          Von einem Beginn der Spielzeit mit fünf Unentschieden und der schüchternen Ansage, es solle, bitteschön, ein einstelligen Tabellenplatz herausspringen, man sei mithin auch mit Rang neun zufrieden, hat sich das Ensemble längst in eine neue Rolle gespielt: In der Partie gegen Schalke 04 geht es nicht nur um die Teilnahme am internationalen Geschäft; dafür wird nach dem Ausscheiden von Arminia Bielefeld im Pokal-Halbfinale schon Platz sechs reichen. Jetzt geht es, im Spiel des Fünften gegen den nur sechs Punkte besser gestellten Zweiten um die Qualifikation für die Champions League. Götz fordert ein Fortissimo: "Da gibt es nur einen Sieger, und das sind wir." Hoeneß ist ganz d'accord: "Ich bin überzeugt, daß unsere Mannschaft besser ist und es ihr gelingt, Schalke zu besiegen."

          Teure Spieler müssen gehen

          Selbst das Berliner Publikum ist eingestimmt auf den Auftakt zum Finale furiose. Zum zweiten Mal in dieser Saison wird das Olympiastadion mit 74.500 Besuchern ausverkauft sein. Gewinnen die Berliner, haben sie noch vier Spieltage Zeit, drei Punkte Rückstand auf Schalke wettzumachen. Der Sieg in Bremen war der siebte Auswärtssieg der Hertha. Der siebte Heimsieg steht soll am Samstag folgen.

          Die Liste der erfolglosen Stürmer spricht für einen Gedanken: Was wäre nur, wenn die Hertha auch noch einen Stürmer hätte, der zehn, fünfzehn Mal trifft pro Saison! Die auch für die nächste Spielzeit verhängten Auflagen wie monatliche Berichtspflicht gegenüber der Fußball-Liga gefährden nicht, verspricht Hoeneß, die Suche nach einem Angreifer. Mit knapp zwanzig Millionen Euro ist Hertha verschuldet, doch von teuren Profis wie Marco Rehmer und Fredi Bobic wird sich der Verein im Sommer trennen.

          Hoffen auf Mansiz und Okoronkwo

          Vielleicht hat Hoeneß schon einen Treffer gelandet, bloß daß es niemand merkt. Seit einigen Tagen trainiert der in Kempten geborene Türke Ilhan Mansiz mit dem Hertha-Team. Bald könnte er sein Comeback bei den Amateuren geben. Der 27 Jahre alte Mansiz wurde vor zwei Jahren Torschützenkönig der türkischen Süper Lig und im Jahr drauf mit Besiktas Meister. Nach einer Reihe von Verletzungen und Operationen am Knie hat er in Berlin einen Vertrag geschlossen, der nur gilt, wenn er wieder fit wird - und wenn er fit wird, dürfte sich zeigen, daß er das Fußballspielen verlernt hat oder nicht. Der Trainer jedenfalls glaubt an eine Zukunft des Türken in Berlin.

          Überzeugt von einer Zukunft in Berlin sind die Berliner bei Solomon Okoronkwo. Niemand hat den Nigerianer zwar bisher für die Hertha spielen sehen, doch einer der wertvollen Plätze für außereuropäische Ausländer ist für ihn reserviert. Im März kam der Siebzehnjährige aus Lagos zum Vorspielen eingeflogen. Hoeneß und Götz behielten ihn gleich da. Seitdem lebt Okoronkwo schräg über der Hertha Geschäftsstelle auf dem Olympiagelände. Im Training heizt der schlaksige, impulsive Spieler den Hertha-Profis ordentlich ein. Doch da er gerade erst achtzehn geworden ist, darf er erst in der Saison 2005/2006 sein Debüt in der Bundesliga geben.

          Ein paar Eskapaden

          So lange bleibt Marcelinho die Diva, die auch an Wochentagen für Schlagzeilen sorgt: mit krisenhafter Verschuldung in Brasilien, mit einer Handgreiflichkeit gegenüber Mannschaftskapitän Arne Friedrich und pathetischer Versöhnung, mit dem Mietvertrag für eine Discothek in der Berliner City. Er sei doch gar keiner, der ständig um die Häuser ziehe, klagt der bekennende Sambatänzer Marcelinho, und all die Frauen, die glaubten er liebe sie, bildeten sich das nur ein. Seit dem Wochenende sorgt Marcelinhos Mutter für die Geselligkeit, die ihrem Sohn trotz Frau und Kindern in Berlin so sehr zu fehlen scheint. Und so ganz unrecht dürften der Erfolgscombo Hertha BSC ein paar Eskapaden im Wettbewerb um die Schlagzeilen in der Hauptstadt auch nicht sein.

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