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Helmut Schön zum Hundertsten : Der „Mann mit der Mütze“ war ein Großer

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Der größte Moment: Helmut Schön wird mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister Bild: dpa

Helmut Schön ist der bislang erfolgreichste Bundestrainer der deutschen Fußballgeschichte. Trotz WM- und EM-Titel wird er indes gerne unterschätzt. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

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          Auf dem Wiesbadener Nordfriedhof findet an diesem Dienstag das Grab mit der Nummer 43-44 besondere Beachtung. Hier ruht Helmut Schön neben seiner Frau Annelies. Der 15. September ist der 100. Geburtstag des erfolgreichsten Fußballtrainers der Welt. Ein Delegation des Deutschen Fußball-Bundes, angeführt vom ehemaligen Generalsekretär und Schatzmeister Horst R. Schmidt, begleitet von den beiden Frankfurter Weltmeistern Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein, wird am diesem Dienstag Mittag das Grab besuchen und einen Kranz niederlegen. Präsident Wolfgang Niersbach ist wegen seiner Teilnahme an der Mitgliederversammlung der Uefa auf Malta verhindert.

          Helmut Schön war gebürtiger Dresdner, Sohn eines Kunsthändlers. Ein Publizist hat ihn einmal als den „letzten großen Sachsen“ nach Friedrich Nietzsche, Richard Wagner und August dem Starken bezeichnet. Womit Helmut Schöns philosophisches, künstlerisches und verantwortungsbewusstes Naturell gewürdigt werden sollte. Als „verkannter Intellektueller“ galt er allemal. Verkannt, weil der Abiturient sich und sein Leben der Fußballkunst und nicht den schönen Künsten verschrieben hatte. So wurde aus dem Schöngeist, der eigentlich Chirurg werden wollte, der „Mann mit der Mütze“ auf der Bank der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

          Einzigartige Erfolgsbilanz

          Ein Segen für den deutschen Fußball. In keiner Epoche des letzten Jahrhunderts spielte die Nationalmannschaft solch schönen und erfolgreichen Fußball wie zwischen 1964 und 1978, unter Schöns Führung. Dabei musste der vormalige Assistent des Bundestrainers nach acht Jahren erst einmal aus dem langen Schatten Sepp Herbergers treten. Ihm half dabei die Fügung, dass sich seine Dienstzeit nahezu deckte mit den internationalen Karrieren von Franz Beckenbauer und Gerd Müller. Der eine verlieh Schöns Mannschaft spielerisches Format, der andere schoss die Tore. Was Herberger Fritz Walter, war Schön Franz Beckenbauer: der verlängerte goldene Arm.

          Schöns Erfolgsbilanz ist einzigartig: Weltmeister 1974, Europameister 1972, Zweiter der WM 1966, Dritter der WM 1970, Zweiter der EM 1976. Es gibt nur zwei Nationaltrainer vor und nach Schön, die mithalten können: Der Italiener Vittorio Pozzo (zwei Weltmeistertitel 1934 und 1938) und der Spanier Vicente del Bosque (Weltmeister 2010, Europameister 2012). Aber beide können keine zusätzlichen Podiumsplätze vorweisen. 139 Länderspiele, 87 Siege, 31 Unentschieden.

          Der Trainer und sein Torschütze vom Dienst: Helmut Schön mit Gerd Müller (r.) nach dem WM-Finale von 1974

          Als junger Schlaks des Dresdner SC hatte Schön unter Reichstrainer Herberger selbst Tore geschossen, 17 in 16 Länderspielen zwischen 1937 und 1941. Mit dem Namen des Bundestrainers Schön sind Fußballgrößen wie Seeler, Haller, Schulz, Beckenbauer, Müller, Maier, Overath, Netzer, Grabowski, Hoeneß, Vogts unzertrennlich verbunden. „Helmut Schöns Stärke war, die Mannschaft mit außergewöhnlichen Individualisten zu führen und dabei jedem seine Individualität zu lassen“, urteilt Berti Vogts heute.

          Der „Lange“, wie er wegen seiner 1,90 Meter im Kreis der Nationalspieler liebevoll genannt, aber stets respektvoll mit „Herr Schön“ angeredet wurde, umgab sich mit einer Aura der Empfindlichkeit, hörte den feinsten Zwischenton der Kritik, wehrte sich mit hintergründigem Humor. „Ihr Märschenerzähler“ pflegte er mit sächselndem Akzent Journalisten zu entgegnen. „Man sagt mir nach, ich sei empfindlich. Das kann manchmal von Vorteil sein. Empfindliche Menschen können sich besser in einen anderen hineindenken.“ Schön erlebte auf der Bank die außergewöhnlichen Fußballereignisse der sechziger und siebziger Jahre: Das Wembley-Tor 1966, die Ritterlichkeit nach der Niederlage (2:4 n. V.) im Finale gegen England, das Jahrhundertspiel Italien-Deutschland bei der WM 1970 in Mexiko (3:4 n.V.), der erste Sieg (3:1) in England auf „heiligem“ Wembley-Rasen 1972 mit der folgenden „Ramba-Zamba“-EM (3:0 gegen die Sowjetunion) - und als Krönung der WM-Titel 1974 im eigenen Land, das 2:1 gegen Holland in München.

          WM 1978 als persönliche Niederlage

          Hier, auf dem Gipfel seines Ruhms, wäre Helmut Schön besser abgetreten. Er ließ sich jedoch drängen weiterzumachen - und wurde von den Dränglern hängengelassen. DFB-Präsident Hermann Neuberger dekretierte: keine WM-Teilnahme Franz Beckenbauers, weil der Kaiser bei Cosmos New York spiele.

          In seinem Weltmeisterschaftstagebuch Argentinien 1978, sozusagen das abschließende Kapitel seiner Autobiographie, auf Direktive des DFB ohne ein Wort über die mörderische Militärdiktatur, berichtet Schön von einem Anruf Beckenbauers aus New York am Abend vor dem Abflug von Frankfurt nach Buenos Aires: „Herr Schön, ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihnen und der Mannschaft beide Daumen drücke. Es wird schon werden.“ Schön schreibt über dieses Telefonat: „Ich war sehr bewegt, und ich glaube, auch dem Franz kam es seltsam vor, dass wir nun tatsächlich ohne ihn in das Abenteuer Argentinien gingen.“ Sepp Maier wurde während des holprigen Turniers sarkastisch: „Mit einem Bein hätte der Franz mehr gebracht als manch einer mit beiden.“

          Der Kommerz war seine Sache nicht: Helmut Schön mit Franz Beckenbauer (l.) und Horst-Dieter Höttges im auch wegen eines heftigen Prämienstreits sagenumwobenen Trainingslager vor derm WM 1974 in Malente

          Um die gegenüber 1974 arg geschwächte Mannschaft mit einem Spielmacher zu verstärken, hatte sich Schön darum bemüht, Jürgen Grabowski, der als Weltmeister 1974 zurückgetreten war, für eine Rückkehr zu gewinnen. „Jürgen war hin und her gerissen“, steht in Schöns Tagebuch. In Köln wurde wegen Heinz Flohe Stimmung gegen Grabowski gemacht. „Ich kann mir denken, dass die negative Einstellung der Kölner ihm dann eine Art Entscheidungshilfe war. Jürgen sagte endgültig ab. Sehr schade.“

          Ohne Beckenbauer, Grabowski und auch ohne Stielike, nicht eingeladen wegen seines Legionär-Status bei Real Madrid, lief nichts. Neuberger kritisierte den Bundestrainer während des Turniers. „Es hat mich tief getroffen, dass Präsident Hermann Neuberger mir am Ende meiner Laufbahn berufliche Fehler vorwarf, was nicht haltbar war.“ Schön hält den Vorwurf im Tagebuch fest. „Diesen Abschied hat Helmut Schön nicht verdient“, sagte schon in Córdoba nach der 2:3-Blamage gegen Österreich sein Kapitän Vogts. „Die schlechteste WM des Bundestrainers als persönliche Niederlage“, kommentierte der Journalist Wolfgang Niersbach, heute DFB-Präsident. Den Zeitpunkt seines freiwilligen Rücktritts hatte Schön schon vor seiner vierten WM bestimmt.

          Der menschliche Trainer

          Als Pensionär äußerte sich Schön nicht zu seinen Nachfolgern Jupp Derwall und Franz Beckenbauer. Vornehme Zurückhaltung und respektvolle Distanz hatten ihn stets ausgezeichnet. Er hatte anfangs ertragen müssen, wie Herberger ihm über die Schulter schaute. Als die Anzeichen seiner Alzheimer-Erkrankung auftraten, ließ seine fürsorgliche Frau Annelies keinen mehr über die Türschwelle, außer den Sohn Stefan und dessen Familie sowie die beiden engsten Freunde, Wilfried Gerhardt vom DFB und Rudi Michel vom Fernsehen. Zu seinem 75.Geburtstag war kein Fest angesagt, und dann standen acht Weltmeister von 1974 doch vor der Tür. Helmut Schön war überwältigt, gerührt und glücklich. Wer konnte ahnen, dass die Hommage zu seinem 80. Geburtstag nur viereinhalb Monate später, am 23. Februar 1996, zum Nachruf werden würde?

          Ein Feingeist: Helmut Schön galt oft als zu weich

          In Erinnerung bleibt vorrangig der Mensch Helmut Schön, dessen Feingeist seine Umgebung ebenso vereinnahmte wie sein Fußballverstand. In Dresden gibt es seit fünf Jahren eine Helmut-Schön-Allee. Die Stadt Wiesbaden benannte 2009 das Stadion an der Berliner Straße in Helmut-Schön-Sportpark um und stellte eine Büste des „Wiesbadener Bürgers“ mit Mütze auf. Zum 100. Geburtstag gibt es eine Sonderbriefmarke. Ein Denkmal beim DFB in Frankfurt hätte Helmut Schön verdient. Denn der Lange war ein Großer.

          Mit Mütze auch in der Hitze: Schön mit Uwe Seeler bei der WM in Mexiko

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