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Helmut Schön zum Hundertsten : Der „Mann mit der Mütze“ war ein Großer

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WM 1978 als persönliche Niederlage

Hier, auf dem Gipfel seines Ruhms, wäre Helmut Schön besser abgetreten. Er ließ sich jedoch drängen weiterzumachen - und wurde von den Dränglern hängengelassen. DFB-Präsident Hermann Neuberger dekretierte: keine WM-Teilnahme Franz Beckenbauers, weil der Kaiser bei Cosmos New York spiele.

In seinem Weltmeisterschaftstagebuch Argentinien 1978, sozusagen das abschließende Kapitel seiner Autobiographie, auf Direktive des DFB ohne ein Wort über die mörderische Militärdiktatur, berichtet Schön von einem Anruf Beckenbauers aus New York am Abend vor dem Abflug von Frankfurt nach Buenos Aires: „Herr Schön, ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihnen und der Mannschaft beide Daumen drücke. Es wird schon werden.“ Schön schreibt über dieses Telefonat: „Ich war sehr bewegt, und ich glaube, auch dem Franz kam es seltsam vor, dass wir nun tatsächlich ohne ihn in das Abenteuer Argentinien gingen.“ Sepp Maier wurde während des holprigen Turniers sarkastisch: „Mit einem Bein hätte der Franz mehr gebracht als manch einer mit beiden.“

Der Kommerz war seine Sache nicht: Helmut Schön mit Franz Beckenbauer (l.) und Horst-Dieter Höttges im auch wegen eines heftigen Prämienstreits sagenumwobenen Trainingslager vor derm WM 1974 in Malente

Um die gegenüber 1974 arg geschwächte Mannschaft mit einem Spielmacher zu verstärken, hatte sich Schön darum bemüht, Jürgen Grabowski, der als Weltmeister 1974 zurückgetreten war, für eine Rückkehr zu gewinnen. „Jürgen war hin und her gerissen“, steht in Schöns Tagebuch. In Köln wurde wegen Heinz Flohe Stimmung gegen Grabowski gemacht. „Ich kann mir denken, dass die negative Einstellung der Kölner ihm dann eine Art Entscheidungshilfe war. Jürgen sagte endgültig ab. Sehr schade.“

Ohne Beckenbauer, Grabowski und auch ohne Stielike, nicht eingeladen wegen seines Legionär-Status bei Real Madrid, lief nichts. Neuberger kritisierte den Bundestrainer während des Turniers. „Es hat mich tief getroffen, dass Präsident Hermann Neuberger mir am Ende meiner Laufbahn berufliche Fehler vorwarf, was nicht haltbar war.“ Schön hält den Vorwurf im Tagebuch fest. „Diesen Abschied hat Helmut Schön nicht verdient“, sagte schon in Córdoba nach der 2:3-Blamage gegen Österreich sein Kapitän Vogts. „Die schlechteste WM des Bundestrainers als persönliche Niederlage“, kommentierte der Journalist Wolfgang Niersbach, heute DFB-Präsident. Den Zeitpunkt seines freiwilligen Rücktritts hatte Schön schon vor seiner vierten WM bestimmt.

Der menschliche Trainer

Als Pensionär äußerte sich Schön nicht zu seinen Nachfolgern Jupp Derwall und Franz Beckenbauer. Vornehme Zurückhaltung und respektvolle Distanz hatten ihn stets ausgezeichnet. Er hatte anfangs ertragen müssen, wie Herberger ihm über die Schulter schaute. Als die Anzeichen seiner Alzheimer-Erkrankung auftraten, ließ seine fürsorgliche Frau Annelies keinen mehr über die Türschwelle, außer den Sohn Stefan und dessen Familie sowie die beiden engsten Freunde, Wilfried Gerhardt vom DFB und Rudi Michel vom Fernsehen. Zu seinem 75.Geburtstag war kein Fest angesagt, und dann standen acht Weltmeister von 1974 doch vor der Tür. Helmut Schön war überwältigt, gerührt und glücklich. Wer konnte ahnen, dass die Hommage zu seinem 80. Geburtstag nur viereinhalb Monate später, am 23. Februar 1996, zum Nachruf werden würde?

Ein Feingeist: Helmut Schön galt oft als zu weich

In Erinnerung bleibt vorrangig der Mensch Helmut Schön, dessen Feingeist seine Umgebung ebenso vereinnahmte wie sein Fußballverstand. In Dresden gibt es seit fünf Jahren eine Helmut-Schön-Allee. Die Stadt Wiesbaden benannte 2009 das Stadion an der Berliner Straße in Helmut-Schön-Sportpark um und stellte eine Büste des „Wiesbadener Bürgers“ mit Mütze auf. Zum 100. Geburtstag gibt es eine Sonderbriefmarke. Ein Denkmal beim DFB in Frankfurt hätte Helmut Schön verdient. Denn der Lange war ein Großer.

Mit Mütze auch in der Hitze: Schön mit Uwe Seeler bei der WM in Mexiko

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