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Hector mit Köln in Liga zwei : Auch das Herz will Fußball spielen

  • -Aktualisiert am

Nationalspieler Jonas Hector blieb trotz des Abstiegs beim 1.FC Köln. Bild: dpa

Dass ein Nationalspieler nach einem Abstieg nicht den Verein wechselt, ist heutzutage durchaus ungewöhnlich. Doch einer tickt anders: Warum Jonas Hector mit dem 1. FC Köln in die zweite Liga geht.

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          Auf Jonas Hector, der erst mit 20 Jahren von seinem saarländischen Heimatverein SV Auersmacher in die Reserve des 1. FC Köln gekommen war, wartete der große Gianluigi Buffon, die italienische Torwartlegende. Ein ungleiches Duell, und dennoch war das Stade de Bordeaux am Abend des 2. Juli 2016 Hectors Bühne. Als neunter deutscher Schütze im Elfmeterschießen des EM-Viertelfinalspiels gegen Italien atmete der Kölner einmal tief ein, lief wenige Schritte an – und schoss den Ball flach unter Buffon vorbei, der zwar in die richtige Ecke tauchte, die Hand aber nicht mehr an den Ball bekam. Deutschland stand dank Hector im Halbfinale.

          Wenn Jonas Hector am 4. August (13 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga) das nächste Mal ein Stadion betritt, um ein Pflichtspiel zu bestreiten, wird zwei Jahre nach der EM im gegnerischen Tor nicht Buffon stehen, sondern aller Voraussicht nach Manuel Riemann – als Schlussmann des VfL Bochum. Jonas Hector ist seit dem 1. Juli Zweitliga- und Nationalspieler in Personalunion, hat sich trotz des Kölner Abstiegs für eine Vertragsverlängerung beim FC entschieden. „Es wäre problemlos möglich gewesen, nach dieser Saison zu einem anderen Verein zu wechseln, aber für mich fühlte sich das nicht richtig an“, sagte er im April, als er sein neues Arbeitspapier bis Sommer 2023 unterschrieb. „Wir haben viele Gespräche geführt, und ich habe mir viele Gedanken gemacht. Das Ergebnis ist für mich eindeutig: Ich gehöre zum FC und will mit dem Team und unseren Fans im Rücken in der neuen Saison wieder voll angreifen.“

          Der Gegenpart zu Aubameyang und Dembélé

          Hector hat sich, drückt man es fußballromantisch aus, für sein Herz statt für das große Geld entschieden. Bei den Fans ist er damit der angenehme Gegenpart zu den Aubameyangs und Dembélés der Bundesliga, die sich in den vergangenen Monaten ihren Wechsel ins Ausland durch Arbeitsverweigerung erstritten haben. Der 40-malige Nationalspieler Hector hingegen ist ein bodenständiger Profi, der auch soziale Netzwerke meidet. Er studiert BWL und hat von einem Mitspieler den Namen „Schlaubi“ bekommen – der Besserwisser-Schlumpf. Seit kurzem ist Hector Kapitän des FC.

          Mit Torwart Timo Horn, Marco Höger oder Marcel Risse haben sich weitere wichtige Spieler für einen Verbleib in Köln und den damit verbundenen Gang in die Zweitklassigkeit entschieden. „Ich finde gut, dass es im modernen Fußball auch noch solche Entscheidungen gibt“, sagt der neue FC-Trainer Markus Anfang, der von Holstein Kiel gekommen ist. „Es wird immer davon gesprochen, dass sich Fußballer nur am Geld orientieren. Hier haben eindeutig emotionale Argumente eine entscheidende Rolle gespielt.“

          Jonas Hector ist seit mittlerweile vier Jahren Nationalspieler. Für die WM in Russland hatte er sich einen Stammplatz erkämpft, musste im ersten Gruppenspiel gegen Mexiko aber krankheitsbedingt pausieren, gegen Schweden und Südkorea wurde er jeweils ausgewechselt. „Die für ihn vielleicht auch enttäuschende WM war bei uns nie ein Thema“, sagt Trainer Anfang. „Man darf aber auch nicht vergessen, dass eine WM-Teilnahme zunächst mal eine sehr positive Sache für jeden Spieler ist.“ Durch das frühe deutsche Aus in Russland konnte Hector früher als erwartet ins Mannschaftstraining des Traditionsvereins einsteigen und mit ins Trainingslager nach Kitzbühel reisen. Wäre die DFB-Elf weit gekommen, hätte Hector womöglich sogar ein paar Ligapartien der früh startenden Zweitliga-Saison verpasst. Die Art und Weise, wie er sich im FC-Dress präsentiert, begeistert seinen neuen Coach. „Er ist ein sehr bodenständiger Spieler, der stets die Interessen der Mannschaft über seine eigenen stellt. Dieses Privileg, in der Nationalmannschaft zu spielen, das er sich hart erarbeitet hat, transportiert er nicht nach außen“, sagt Anfang.

          Dass ein Nationalspieler, der mit 28 Jahren im besten Fußballeralter ist und auf der in Deutschland nicht wirklich breit aufgestellten Linksverteidigerposition spielt, in die zweite Bundesliga geht, ist ungewöhnlich. Mit Bundestrainer Löw hat Hector seine Entscheidung nicht abgestimmt. „Wir haben danach kurz geschrieben. Seine Reaktion war nicht negativ“, wurde der Kölner Kapitän im Stadionmagazin des FC zitiert.

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