https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/heart-of-midlothian-wie-ein-fussballklub-gegen-den-abstieg-kaempft-16780100.html

Das Herz der „Hearts“ : Wie ein Fußballklub jetzt gegen den Abstieg kämpft

  • -Aktualisiert am

Klub mit Herz: Der Tynecastle Park ist das Stadion des schottischen Fußballvereins Heart of Midlothian. Bild: Picture-Alliance

Nach dem Abbruch der Fußballsaison in Schottland müssen Heart of Midlothian und sein deutscher Trainer eigentlich absteigen. Doch der Klub hat eine schwerreiche Besitzerin. Und die hat einen Plan.

          3 Min.

          Es sieht nicht so aus, als dürfte Daniel Stendel in dieser Spielzeit irgendein Projekt zu Ende bringen. Im Oktober ist der norddeutsche Fußballcoach nach zehn sieglosen Spielen beim FC Barnsley entlassen worden – einem Traditionsklub aus South Yorkshire, dessen Profiteam er aus der dritten in die zweite englische Spielklasse führte. Mitte Dezember übernahm er die Auswahl von Heart of Midlothian, um den Traditionsverein aus Edinburgh vor dem scheinbar sicheren Abstieg aus der Scottish Premier League zu retten. Drei Monate später war die schwierige Mission de facto vorbei, weil der Spielbetrieb wegen der Corona-Pandemie unterbrochen wurde. Am Montag kam nun der Deckel drauf: Der Ligaverband SPFL brach die Saison ab und rechnete für die ausbleibenden acht Spiele den Punkteschnitt der zwölf Teams hoch. Was zur Folge hat, dass die „Hearts“ als Tabellenletzte erst mal abstiegen sind.

          Oder vielleicht auch nicht, denn am Tynecastle-Stadium, vor Ort zärtlich „Tynie“ genannt, macht sich seither Proteststimmung breit. Supporter-Vereinigungen sammeln schon mal emsig Geld, das sie ihrem 146 Jahre alten Klub für ein etwaiges Rechtsverfahren zur Verfügung stellen wollen. Außerdem möchte Ann Budge, die allzeit eloquente Haupteigentümerin, die anderen Vereine der vier Profiligen für eine Restrukturierung gewinnen; die sieht unter anderem eine Aufstockung der Eliteliga auf vierzehn Mannschaften vor.

          „Am Ende schaut jeder auf sich selbst“

          Bis auf weiteres beobachtet Stendel die Situation aus niedersächsischer Distanz. „Meine Erfahrung sagt mir, dass die Chance nicht sehr groß ist“, sagt er am Telefon. „Abstimmungen sind in Schottland kompliziert, es darf höchstens ein oder zwei Gegenstimmen geben, und es ist doch meist so im Leben: Am Ende schaut jeder auf sich selbst. Etwas Hoffnung ist aber trotzdem noch...“

          Blickt in eine unklare Zukunft: Fußballtrainer Daniel Stendel
          Blickt in eine unklare Zukunft: Fußballtrainer Daniel Stendel : Bild: dpa

          Lauter lose Enden, die sich kaum zusammenknüpfen lassen: Das ist das Bild einer Liga, die von der Pandemie im Zweifel gerade noch ärger gebeutelt wird als die finanzstärksten Fußballklassen in Europa. Zwischen Kilmarnock und Inverness sind die 40 Profiteams ungleich mehr auf die Einnahmen aus dem Ticketing angewiesen, die nun komplett wegbrechen – die Lizenzgelder des Senders Sky machen keine riesigen Beträge aus. Es ist aber auch das Schicksal eines sehr talentierten Fußballlehrers, der seine Ambitionen in Edinburgh vorerst nicht mehr weiterverfolgen kann.

          Anders als etwa bei Hannover 96, wo er einer resignativen Mannschaft wieder Spielwitz und Offensivgeist einzuhauchen verstand, und auch anders als im Aufstiegsjahr in Barnsley. Stendel übernahm in Edinburgh einen Kader, der in zwei Lager zerfiel: Hier die ganz jungen, unerfahrenen Spieler und dort die routinierten, wenn nicht saturierten um die dreißig und drüber. Die Stimmung im „Tynie“ blieb dennoch erstaunlich gut, auch wenn die ersten vier Spiele verloren gingen. „Da sind 20.000 Fans manchmal lauter als 50.000 in Hannover“, konnte der „German Manager“ registrieren. Anlass zur Hoffnung gab es auch. Sie keimte auf, als der 51-fache Nationalspieler Steven Naismith die „Hearts“ zum Januar verstärkte; er wurde gleich Kapitän und Aktivposten. Nicht viel später folgte eine rasante Phase, als die Bordeaux-Weißen Celtic Glasgow in der Liga schlugen, die Rangers aus dem Pokal warfen und auch das prestigereiche Stadtderby gegen die „Hibs“, also Hibernian Edinburgh, gewannen. Man konnte sehen, dass eine mutige Spielidee mit hohem Pressing umgesetzt wird, „und dann kommst du nach St. Mirren und verlierst da 0:1...“

          Will den Abstieg ihres Klubs unbedingt verhindern: Ann Budge
          Will den Abstieg ihres Klubs unbedingt verhindern: Ann Budge : Bild: dpa

          Alles in allem hat der Trainer Stendel aus 15 Ligaspielen zwei Siege und fünf Unentschieden geholt – zu wenig, um das Tabellenende zu verlassen. Die beiden deutschen Zugänge Donis Avdijaj und Marcel Langer haben dem Team jedenfalls nicht helfen können, und mit dem Saisonabbruch im März ist es müßig geworden zu spekulieren, ob der Turnaround in den letzten acht Pflichtspielen noch passiert wäre. Vier Punkte Rückstand auf den rettenden elften Rang haben nicht aussichtslos gewirkt, weiß Stendel, der als Spieler unter anderem einst für Hannover 96, den HSV und St. Pauli aktiv gewesen ist. Trotzdem möchte er nicht näher auf folgenreiche Verletzungen und Platzverweise eingehen: „Das hört sich immer wie eine Entschuldigung an.“

          Bleibt also noch die niemals versiegende Energie von Ann Budge. Die 72 Jahre alte Eigentümerin wollte einen Teil ihres Vermögens darauf verwenden, den heißgeliebten Klub gründlich von der Spitze her zu sanieren, um ihn eines großen Tages dessen Stiftung zu schenken. Stattdessen muss sie nun eventuell Anwälte gegen den Entscheid des Verbands in Stellung bringen. Sie mag nicht einsehen, dass einer der Profiklubs in Schottland wegen der Pandemie „unfair bestraft“ werde, wie Ann Budge unter der Woche erklärte. Wie lange sie noch auf den Trainer zählen kann, dessen Kontrakt nur für die Eliteliga gilt, weiß derzeit niemand. Stendel hofft gerade nur, „dass man bald eine Lösung findet, damit der Ball irgendwann wieder rollt“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Den Süden im Blick: Joe Biden, der maltesische Premierminister Robert Abela und seine Frau Lydia Abela am 29. Juni in Madrid

          NATO-Gipfel : Die Bedrohungen der Südflanke im Blick

          Der NATO-Gipfel endet mit einer Debatte über Terrorismus und Instabilität in Afrika und Nahost. Der türkische Präsident droht mit dem nächsten Veto gegen eine Erweiterung der Allianz.
          Einer der Unterzeichner des offenen Briefs in der „Zeit“: Der Philosoph Richard David Precht (Archivbild)

          Prominente für Waffenpause : Frieden schaffen ohne Ahnung

          Erst der offene Brief aus der „Emma“, nun der nächste Appell in der „Zeit“: Prominente fordern, dass in der Ukraine die Waffen schweigen. Was die Ukrainer wollen, spielt offenbar keine Rolle. Und was Putins Truppen dort anrichten, auch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.