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Streit im Fußball-Weltverband : Heftige Kritik am „neuen Fifa-Diktator“ Infantino

Das hat nicht lange gedauert: Fifa-Präsident Gianni Infantino wagt den Salto rückwärts. Bild: AP

Mit dem neuen Präsidenten sollte bei der Fifa vieles besser werden. Doch im Streit um die Rücknahme einer zentralen Reform steht Gianni Infantino in der Kritik. Nun äußert sich auch der DFB-Präsident.

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          Der Streit um die Rücknahme einer zentralen Reform im Internationalen Fußball-Verband (Fifa) hat zu einer erheblichen Kritik an der Führung des neuen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino geführt. Der Anti-Korruptions-Experte und ehemalige Fifa-Reformbeauftragte Mark Pieth bezeichnete Infantino als neuen „Fifa-Diktator“. Er sei schlimmer als Blatter. Damit reagierte der Schweizer auf den Rücktritt seines Landsmannes Domenico Scala, dem Compliance-Chef der Fifa. Scala legte sein Amt nieder, nachdem der Fifa-Kongress in Mexiko-Stadt das Präsidium ermächtigt hatte, für ein Jahr über die Besetzung und Abberufung der Mitglieder in den sogenannten unabhängigen Überwachungskommissionen entscheiden zu dürfen. Damit würde sich die Fifa-Spitze de facto selbst kontrollieren dürfen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel, plädiert deshalb dafür, den kontroversen Beschluss in einem entscheidenden Teil nicht umzusetzen. „Ich würde dem Council und Gianni Infantino sehr raten, trotz des jetzt verabschiedeten Artikels von Abberufungen abzusehen. Die Entlassung von Mitgliedern in den unabhängigen Gremien sollte dem Votum des Kongresses obliegen“, sagte Grindel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Nach Darstellung von Delegierten ist der neue Artikel relativ unvermittelt auf der Tagesordnung aufgetaucht und zur Abstimmung gestellt worden. In der Diskussion zuvor sei es aus Sicht vieler Beobachter nur darum gegangen, dass einige für die Kontrollgremien ausgewählte Funktionäre durch den Integritätscheck gefallen waren und ein Modus für die rasche Nominierung mit unbelasteten Vertretern gefunden werden sollte. „Ich habe den Vorstoß so verstanden, dass es nur darum geht, die betreffenden Organe mit integren Personen zu besetzen und sie schnell arbeitsfähig zu machen. Genau das war meine Intention bei der Abstimmung“, sagte Grindel. Der DFB-Präsident soll Mitglied in der Governance-Kommission der Fifa werden.

          Pieth betrachtet die Situation bei der Fifa als „hochdramatisch“. Er ist überzeugt, dass die Fifa-Führung die wichtigsten Reformen wieder zurücknehmen will. Maßgebender Treiber sei Infantino. Schon als Generalsekretär des europäischen Verbandes galt der Schweizer* als hartnäckiger Bremser aller Reformen. „Er ist ein absoluter Kontrollfreak“, behauptete Pieth. Die überraschende Nominierung der senegalesischen UN-Diplomatin Fatma Samoura zur neuen Fifa-Generalsekretärin hat Infantino dem Fifa-Council am Freitag erst kurz vor der Präsentation mitgeteilt. Es gab kein transparentes Auswahlverfahren im höchsten Fifa-Gremium, wie es ursprünglich geheißen hatte.

          Auch der zurückgetretene Compliance-Chef Scala übte nach seinem Rücktritt scharfe Kritik am Kurs Infantinos. „Mit diesem Entscheid wird es dem Council künftig möglich sein, Untersuchungen gegen einzelne Mitglieder jederzeit zu verhindern, indem die zuständigen Komiteemitglieder abgesetzt oder mit der Drohung der Absetzung fügsam gehalten werden“, sagte Scala. Die Gremien würden ihrer Unabhängigkeit beraubt und drohten zu Erfüllungsgehilfen derjenigen zu werden, die sie eigentlich überwachen sollten. „Damit wird eine zentrale Säule der Good Governance der Fifa untergraben und eine wesentliche Errungenschaft der Reformen zunichtegemacht.“

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          Nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sollte Scala vor dem Beginn des Fifa-Kongresses von Reformgegnern mit Geld von einem geräuschlosen Rücktritt überzeugt werden. Auch stand offenbar die Drohung im Raum, ihn per Abwahl auf dem Kongress öffentlich zu demontieren. Scala hatte in den vergangenen Monaten veranlasst, dass Fifa-Gelder vornehmlich für Verbände aus Südamerika, deren Führungen betroffen sind von Korruptionsermittlungen der amerikanischen Justiz, eingefroren werden. Als Chef der Vergütungskommission war er auch für die Festsetzung des Präsidentengehalts zuständig.

          Ein Streit um die Höhe und Kritik an Infantino führte am Wochenende zu einer Mitteilung des Weltverbandes: „Die Fifa ist besorgt, dass Dritte eigene Ziele verfolgen und Behauptungen aufstellen, die jeder Grundlage entbehren und dem Fußball schaden.“ Der Basler Strafrechtler Pieth hatte Infantino Geldgier vorgeworfen, weil der neue Fifa-Präsident – auch nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ – ein von der Vergütungskommission festgelegtes Gehalt von zwei Millionen Dollar nicht akzeptieren wolle. Die Darstellung hat Infantino bisher nicht entkräftet.

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