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Hannover 96 : Teilzeitkraft Schmadtke

  • -Aktualisiert am

Lachend zurück an den Schreibtisch: Jörg Schmadtke hat bei Hannover 96 einen guten Stand Bild: dpa

Elf Wochen nahm sich Jörg Schmadtke eine Auszeit. Nun kehrt der Manager von Hannover 96 zurück. So ein eigenwilliges Arbeitsplatzmodell gab es im eitlen Getöse des Profisports auf diesem Niveau noch nie.

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          Seine Gelassenheit verblüfft. „Ich kehre zurück, wie ich gegangen bin. Ganz in Ruhe“, sagt Jörg Schmadtke. Er weiß genau, dass seine behutsame Wiedereingliederung in die Fußball-Bundesliga kritisch beäugt wird. Elf Wochen lang hatte sich der Geschäftsführer von Hannover 96 eine Auszeit genommen, um sich seiner Familie widmen zu können.

          An diesem Montag nimmt er wieder an jenem Schreibtisch Platz, den er vorerst nur vier Stunden pro Tag besetzen will. Das Arbeitsplatzmodell Schmadtke, das 96-Präsident Kind genehmigt hat, um einen seiner wichtigsten Angestellten nicht zu verlieren, ruft Skeptiker auf den Plan. Teilzeitpensum in einer Vollgasbranche, Rücksichtnahme mitten im eitlen Getöse des Profisports - das hat es auf dem Niveau doch noch nie gegeben.

          „Es ist ja auch noch nicht versucht worden. Aber mit gutem Willen bekommt man vieles hin“, findet Schmadtke. Am Freitagabend, beim Länderspiel der deutschen Nationalelf in Hannover, hat er schon wieder viele Hände geschüttelt. Die vielen Fragen nach dem genauen Warum und Wieso blockt er resolut ab. „Man muss nicht alles über mich wissen. Ich musste rund um meine Familie ein paar Dinge organisieren und regeln. Aber ich habe deswegen nicht die ganze Zeit in der Hängematte gelegen“, versichert der 48-Jährige.

          Schmadtke hat sich schon zu seiner aktiven Zeit als Torhüter in der Rolle des Exzentrikers gefallen. Als Vater eines Erfolges, den er Hannover 96 im Duett mit Trainer Mirko Slomka seit zwei Jahren beschert, pflegt er ebenfalls einen ganz eigenen Stil. Schmadtke wehrt sich gegen die Aufgeregtheiten einer Branche, die ihn begeistert und zugleich nervt. Die Neugier der Medien mag er nur bis zu einer von ihm bestimmten Grenze ertragen. Seine kauzige und mundfaule Art dient ihm dabei als Schutz. Frage: „Herr Schmadtke, machen Sie eigentlich etwas anders, wenn Sie am Montag in ihr Büro bei Hannover 96 zurückkehren?“ Antwort Schmadtke: „Ne.“

          „Ich habe mich die ganze Zeit zugehörig gefühlt“

          Ein paar Mal hat er zuletzt doch gearbeitet, um eingebunden zu bleiben und besonders wichtige Entscheidungen mittragen zu können. Deshalb ist der Stapel der zu erledigenden Dinge, der auf Schmadtkes Schreibtisch wartet, gar nicht so groß. Bis auf Neuzugang Szabolcs Huszti (Zenit St. Petersburg) war es ihm während der Sommerpause gelungen, die entscheidenden Transfers frühzeitig und somit vor seinem temporären Abgang abzuwickeln.

          Es hat aus sicherer Entfernung bestimmt Spaß gemacht zu beobachten, wie Hannover 96 seinen erfolgreichen Weg in Bundesliga (Tabellenplatz 3) und Europa League (Gruppenphase erreicht) konsequent weitergeht. Und vielleicht war es sogar lehrreich, sich als Hauptdarsteller den Luxus leisten zu können, die Bundesliga einmal von außen zu betrachten. „Ich war zwar nicht besonders aktiv. Aber ich habe mich trotzdem die ganze Zeit zugehörig gefühlt“, sagt Schmadtke, dem trotz seiner rauhen Schale anzumerken ist, dass er sich auf seine Rückkehr freut.

          Mit Trainer Mirko Slomka soll er den Vertrag verlängern - und die Erfolgsgeschichte fortführen
          Mit Trainer Mirko Slomka soll er den Vertrag verlängern - und die Erfolgsgeschichte fortführen : Bild: imago sportfotodienst

          Nur noch vier Stunden pro Tag - im Grunde wird Schmadtke von morgen an dazu gezwungen, sich auf die wesentlichen Entscheidungen zu beschränken. Sein Chef hat die auf den ersten Blick kuriose Regelung aus gutem Grund abgenickt. „Herrn Schmadtke und Herrn Slomka gehört bei uns die Zukunft“, findet 96-Präsident Kind, auch wenn diese Zukunft noch nicht geregelt ist. Schmadtke besitzt, was in seiner Position ungewöhnlich ist, einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Slomka besitzt einen Kontrakt, der im Sommer 2013 ausläuft und dessen Verlängerung Schmadtke möglichst schnell aushandeln soll.

          „Ich kann das nicht beantworten, ob Mirko Slomka bei 96 bleibt. Wir werden dazu in Ruhe das Gespräch suchen“, sagt der Geschäftsführer zur Personalie des Trainers, die mit Fragezeichen versehen bleibt und die den Erfolg in Hannover überlagert. Schmadtke hat von seinem Home Office aus bei Slomkas Berater Harun Arslan nachgefragt, wie denn der Stand der Dinge wohl ist. Auch darin lag die große Kunst während der vergangenen elf Wochen - zu erkennen, welches dienstliche Telefonat in besonderen Momenten wirklich wichtiger als die eigene Familie sein könnte.

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