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Fifa-Kommentar : Die Blatters sind überall

  • -Aktualisiert am

Im internationalen Sport gibt es nicht nur einen „Joseph Blatter“. Bild: dpa

Die Fifa ist in guter Gesellschaft. Viele Verbände, ob Handball, Schwimmen oder die Leichtathletik, funktionieren ähnlich. Es wäre daher ein Segen, wenn Staaten endlich ein Interesse an einem sauberen Sport entwickeln.

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          Auch Staatsanwälten sollte man nicht blindlings trauen. Aber vermutlich genießen zumindest die amerikanischen Fahnder im Fußball-Volk eine ständig steigende Anerkennung. Endlich räumt mal jemand auf, enthüllt das gesamte korrupte Netzwerk im Internationalen Fußball-Verband und versucht, die möglicherweise persönliche Verantwortung von Fifa-Chef Blatter zu beweisen. Die Amerikaner haben damit begonnen, nun zieht die Schweizer Bundesanwaltschaft nach, endlich. Das ist ein besonderes Signal: Blatter genießt als vorerst Beschuldigter zwar alle Rechte in einem Rechtsstaat, aber keinen besonderen Schutz mehr.

          Das ist nur möglich, weil sich Behörden über die unsichtbare Abschottung des organisierten Sports hinwegsetzen. Weil sie erkennen, dass der organisierte Sport mitunter sein Eigenleben zur Entwicklung von korrupten Systemen, die strafwürdiges Verhalten begünstigten, genutzt hat. Die Fifa ist dabei in guter Gesellschaft. Viele Verbände, ob Handball, Schwimmen oder die Leichtathletik, funktionieren ähnlich. Hier und dort sind wohl kaum bessere Menschen am Werk, die auf Machtspiele ohne unabhängige Schiedsrichter verzichten. Es gibt viele Blatters.

          Sie haben freies Spiel, weil die vom Sport immer wieder beschworenen Selbstreinigungskräfte viel zu schwach sind. Ethikkommissionen und Aufklärungsgremien dienen - in welchem Verband auch immer - allenfalls der Enttarnung eines „schwarzen Schafes“. Und dann der selbstzufriedenen Erkenntnis, der Öffentlichkeit einen Schuldigen präsentiert zu haben, aber besten Gewissens weiterspielen zu dürfen. Denn diese Aufarbeitungs-Kommissionen stellen in der Regel nie den faulen Kern in Frage. Deshalb stützen sie die zerstörerischen Systeme, anstatt sie aufzubrechen.

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          Es wäre also ein Segen, wenn Staaten nicht nur auf Titel und Medaillen schielten, sondern endlich ein Interesse an einem sauberen Sport entwickelten und sich entschieden, eine ständige wie komplette Überprüfung des teils steuerfinanzierten Unternehmens Sport zu organisieren. Das scheint zurzeit in Deutschland mit der Etablierung eines von der großen Koalition formulierten scharfen Anti-Doping-Gesetzes teilweise der Fall zu sein. Es wäre nichts anderes als die verantwortungsvolle Reaktion auf eine über Jahrzehnte ausgebreitete Verschleierung gegenüber der Öffentlichkeit durch Athleten, Trainer, Sportfunktionäre, Medien und Sportpolitiker. Sicher kein Allheilmittel, aber unverzichtbar.

          Der Besuch zupackender Staatsanwaltschaften, ob nun bei Institutionen wie der Fifa oder demnächst in Deutschland im Fall von Doping, könnte mittelfristig das Bild bestimmen. Das wäre kein Grund, sich abzuwenden. Im Gegenteil. Es wäre ein Anfang, der Aushöhlung des Sports und damit dem Missbrauch junger Athleten zu begegnen. Er muss vor sich selbst geschützt werden.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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