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Hamburger SV : Rückendeckung für van Marwijk

  • -Aktualisiert am

Der Sportdirektor steht hinter dem Trainer: Kreuzer stützt van Marwijk Bild: dpa

Nach der Niederlagenserie in der Bundesliga wünschen sich viele HSV-Fans einen Trainerwechsel. Doch Sportchef Kreuzer steht treu zum Niederländer. Auch die Schulden des Vereins schützen ihn.

          Oliver Kreuzer könnte einen HSV-Rekord aufstellen. Zumindest wird das von ihm erwartet. Denn nach dem zweiten 0:3 im zweiten Rückrundenspiel dieser Saison und dem Sturz auf die Abstiegsränge rechnen in Hamburg viele damit, dass Bert van Marwijk gehen muss. Es wäre der zweite Fußballtrainer in einer Saison - das gab es beim HSV noch nicht.

          Dennoch dürfte Kreuzer diese zweifelhafte Bestmarke noch deutlich eher in Kauf nehmen, als das in Hamburg immer wieder zitierte Alleinstellungsmerkmal zu verlieren: die ununterbrochene Erstklassigkeit. Seit Sonntag ist der Klub erst mal Siebzehnter in der Tabelle - weil Nürnberg in Berlin gewann. Die Rettung ist beim intern zerstrittenen, auf oberster Ebene führungslos und auf dem Platz orientierungslos wirkenden HSV immer mehr in Gefahr.

          Vor zwei Jahren, so Spötter, hatte der HSV das Glück, dass drei andere Mannschaften noch schlechter waren. Darauf hofft man in Hamburg nach Niederlagen gegen Augsburg und Mainz sowie den deutlichen Ergebnissen jetzt gegen Schalke und in Hoffenheim nicht mehr. Bis auf vielleicht Bremen gibt es keinen Klub, der einen ähnlich angeschlagenen Eindruck macht. Werder hat allerdings vier Punkte mehr auf dem Konto. Selbst der Tabellenletzte Braunschweig wirkt in besserer aktueller Form.

          „Wenn einer die Ruhe und Gelassenheit hat, um die Dinge richtig anzugehen, dann ist das van Marwijk“, sagt Kreuzer

          Der Wechsel von Fink zu Marwijk Ende September ist verpufft. Zwölf Punkte holte der Niederländer in seinen ersten acht Spielen, nun stehen fünf Niederlagen in Serie. Nach dem 0:3 von Sinsheim am Samstag erwarten viele einen neuerlichen Wechsel. Kreuzer verneint ein solches Vorgehen. „Ich bin es leid, immer über den Trainer zu diskutieren. Ich bin absolut überzeugt von Bert van Marwijk und stehe zu 100 Prozent hinter dem Trainer“, platzte es nach Spielschluss in Sinsheim aus dem Sportchef heraus.

          „Hundertprozent Bert van Marwijk. Wer sonst?“

          Am Sonntagmorgen auf dem Trainingsgelände ging Kreuzer ins Detail: „Der Trainer ist absolut in sich gefestigt, er ist so erfahren und hat so viele kritische Momente erlebt. Wenn einer die Ruhe und Gelassenheit hat, um die Dinge richtig anzugehen, dann ist das van Marwijk.“ Auf die Frage, wer in der nächsten Woche HSV-Trainer sei, antwortete Kreuzer ohne Umschweife: „Hundertprozent Bert van Marwijk. Wer sonst?“

          Die Stimmung unter den Fans auf dem Trainingsgelände war am Sonntag nicht allzu bösartig. Ein Kiebitz rief laut „Pfui!“ als die Spieler auf dem Platz erschienen, ein paar murrten, einer sagte: „Schämt Euch.“ Aber das war‘s dann schon. In der Anonymität des Netzes sieht es anders aus. Via Facebook, Twitter und in den Blogs wurden bereits zahlreiche Petitionen eröffnet, die Magath als Retter zum HSV wünschen.

          Augen zu und Richtung zweite Liga: der Hamburger SV taumelt

          Die Kritiker werfen van Marwijk vor, selbst nicht mehr an diese Mannschaft zu glauben. Immer wieder distanziert er sich von ihren Leistungen. Er mache alles richtig, er habe einen Plan, aber die Spieler begingen zu viele haarsträubende Fehler. Das zeigt allein die Statistik. 44 Gegentore in 19 Partien, das ist der schlechteste Bundesligawert. Sportchef Kreuzer sagt, dass die Defensive sich nicht gesteigert habe, dass das Problem allerdings nun auch der Sturm sei. „Wir haben in der Vorrunde 33 Tore geschossen, waren auf Rang vier, was die Effektivität anbetrifft. Jetzt machen wir vorne keine Tore mehr und immer noch die gleichen Fehler hinten“.

          Die Hamburger laufen zu wenig

          Die Entscheidung, Stürmer Rudnevs an Hannover auszuleihen, erweist sich als Fehler. Der Lette erzielte in den beiden ersten Spielen für seinen neuen Arbeitgeber jeweils ein Tor. Die stärker als Rudnevs eingeschätzten HSV-Stürmer Lasogga und Beister sind derzeit verletzt. Bedenklich ist auch eine andere Statistik: Gegen Schalke liefen die Hamburger neun Kilometer weniger als ihre Gegner. Kreuzer erklärt das mit dem hohen Ballbesitz seines HSV. „Deshalb muss der Gegner mehr laufen, um ihn wieder zu bekommen.“

          Nach dem 0:3 gegen Schalke am vergangenen Wochenende gab van Marwijk den Spielern 51 Stunden frei. Und das, obwohl Kreuzer bei seinem Trainer eher eine zusätzliche Einheit denn zusätzliche freie Tage gefordert hatte. So wie damals bei Fink, der nach dem 1:5 gegen Hoffenheim und dem 2:6 gegen Dortmund seine Familie in München besuchte, anstatt in Hamburg präsent zu sein und anschließend gehen musste. Van Marwijk jedoch störte sich nicht an den Warnungen des Sportchefs und erklärte es mit ihm vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen: „Es ist erwiesen, dass der zweite Tag nach dem Spiel der beste ist, um sich zu erholen.“

          Diese Erkenntnisse waren ihm nach dem 0:3 in Hoffenheim nicht mehr viel wert. Er strich am Sonntag den obligatorisch freien Montag, der Niederländer erwägt, vor dem Heimspiel gegen die Hertha gar ein Trainingslager zu beziehen. Van Marwijk, dem Borussia Dortmunds Boss Joachim Watzke seinerzeit nachsagte, er sei mehr auf der Autobahn denn auf dem Trainingsplatz zu finden, hat beim HSV trotz der fürchterlichen Schieflage überraschend viel Rückendeckung erhalten. Nicht nur Sportchef Kreuzer verteidigte ihn, auch Spielmacher van der Vaart sagte nach dem Spiel: „Wir stehen in der Kritik, wir spielen katastrophal. Da kann der Trainer nichts für. Sein System kennen wir, am Ende des Tages fehlt die Qualität. So macht Fußball keinen Spaß. Diese Saison ist eine Katastrophe.“

          100 Millionen Euro Schulden schützen den Trainer

          Van Marwijk kann für sich reklamieren, dass er für die Kaderzusammenstellung nichts kann und dass kein Geld vorhanden ist, neue Spieler zu verpflichten. Knapp 100 Millionen Euro Schulden plagen den Bundesliga-Dino. Das hat für den Niederländer aber auch sein Gutes.

          Denn die fehlenden finanziellen Mittel allein sorgen schon dafür, dass sich der HSV eine Trainerentlassung ohne Hilfe von außen finanziell nicht erlauben kann. Van Marwijk sagt, dass er nichts dagegen hätte, wenn der Verein glaubte, einen besseren Trainer zu finden. „Man muss mir das dann nur sagen.“

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