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Hamburger SV : Fehler im System

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Solide Arbeit: HSV-Coach Markus Gisdol Bild: dpa

Muss der „Bundesliga-Dino“ zum dritten Mal binnen vier Jahren in die Relegation? Dank Bruchhagen, Todt und Gisdol wirkt der HSV von innen heraus stabil – aber die Mannschaft nicht.

          Über eine Etikettierung Hamburger Zustände hat sich Heribert Bruchhagen immer besonders geärgert: Chaos. Auf der Geschäftsstelle im Volksparkstadion erlebt der Vorstandsvorsitzende nämlich kein heilloses Durcheinander, sondern strukturiertes Wirken, Tag für Tag. Dazu gehört auch seine Tätigkeit, die mit morgendlichen Routinen beginnt: Kaffee, Zigarette, Brötchen. Zeitungslektüre.

          Wenn Bruchhagen zweimal die Woche seine wichtigsten Angestellten trifft und sich mit Sportchef Jens Todt und Trainer Markus Gisdol über Vergangenes und Kommendes austauscht, wirkt seine Arbeitsweise nicht getrieben oder aktionistisch, sondern so, wie der 68 Jahre alte Vereinschef sein Tun in der Bundesliga immer aufgefasst hat: am Fußball an sich interessiert, unaufgeregt, nicht flüchtigen Trends hinterherhechelnd – uneitel. Gegenüber der „Zeit“ hat Bruchhagen jüngst die Vokabel „behutsam“ als Beschreibung seiner Arbeit beim abstiegsbedrohten Dinosaurier gefunden.

          Wer den HSV schon etwas länger begleitet, der staunt in diesen Tagen vor dem Finale gegen den VfL Wolfsburg tatsächlich darüber, wie ruhig und konzentriert sich der ganze Verein auf den nächsten Thriller vorbereitet. Der emotionale Ausnahmezustand einer ganzen Metropole aus den Jahren 2014 und 2015 ist verflogen – natürlich, der HSV kann der dritten Relegation in vier Jahren durch einen Sieg am Samstag noch entgehen. Doch vor drei Jahren unter Trainer Mirko Slomka und ein Jahr später mit Bruno Labbadia schien der Faktor an sich, dass dieses Liga-Schwergewicht am Abgrund taumelt, so bedeutend zu sein, dass der HSV Stadtgespräch war. Oft hämisch, selten mitfühlend.

          Und im Mai 2016 wurde trotz der Rettung am 33. Spieltag zunehmend hysterisch gefragt, ob denn Labbadia der richtige für den Neustart sei. War er nicht, weil sich er und Vorstand Dietmar Beiersdorfer auf keinen gemeinsamen Kurs verständigen konnten. „Man hat sich an die Lage des HSV gewöhnt, Relegation ist nichts Besonderes mehr“, sagte jüngst Carl-Edgar Jarchow, Vorstandsvorsitzender von 2011 bis 2015. Anders ausgedrückt – nur ganz harte Fans können vier Jahre lang jeden Tag um diesen Verein zittern.

          Ein umstrittener Freistoß in der Schlussminute gegen den KSC rettete dem HSV vor zwei Jahren die Bundesliga-Zugehörigkeit.

          Wieder ist das Bundesliga-Gründungsmitglied dem ersten Abstieg sehr nahe gekommen, doch diesmal wirkt der Klub von innen heraus stabil – nur die Mannschaft nicht. Es gibt keine öffentliche Diskussion über das Hamburger Entscheider-Trio, und daran hat Bruchhagen mit all seiner rhetorischen Versiertheit den entscheidenden Anteil: „Wenn du nach zehn Spielen zwei Punkte hast, kannst du froh sein, am 34. Spieltag noch die Klasse halten zu können.“

          Gisdol holte 33 Punkte in 23 Spielen

          Immer wieder hat Bruchhagen das leicht variiert gesagt. Die Wirkung war klar: Er und Jens Todt, beide rund ein halbes Jahr dabei, sind schuldlos an dem, was früher war. Und Trainer Markus Gisdol, seit September 2016 dabei, brauchte eben ein paar Spiele, ehe er seine Mannschaft gefunden hatte. Damit hat Bruchhagen die wichtigsten Männer beim HSV vor überbordender Kritik bewahrt. Bisher.

          An ihrer Arbeit gibt es auch nicht so viel auszusetzen. Gisdol holte mit der Mannschaft 33 Punkte in 23 Spielen seit dem zehnten Spieltag. Das ist solide. Todt ist ihm ein wichtiger Ansprechpartner. Seine Transfers Papadopoulos und Mavraj waren überlebenswichtig; andere, wie Walace, zweifelhaft. Todts Hauptarbeit wird im Sommer beginnen, wenn er eine veränderte Mannschaft für die erste oder eine neue Mannschaft für die zweite Liga bauen muss. Im Moment bekommt er dem HSV mit seiner Zurückhaltung und sprachlichen Ausgeschlafenheit gut. Bruchhagen bleibt betont nüchtern. Nicht das Pech, der Rasen oder die Schiedsrichter hätten die Lage verursacht. Die Tabelle, die nicht lüge – gut, seine Sätze sind vorhersehbar, aber dem chronisch aufgeregten Geschäft setzt Bruchhagen wohltuende Lakonie entgegen, die man nicht mit Teilnahmslosigkeit verwechseln darf.

          So bleibt nur die Frage: Wenn Bruchhagen den Verein doch beruhigt, Todt ordentliche Transfers getätigt und Markus Gisdol die Mannschaft stabilisiert hat – warum steht der HSV mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte dann wieder vor dem Abstieg? Da kommt man zum zentralen Fehler im System, den kein neuer Vorstand, Trainer oder Sportchef bisher beheben konnte: Nach einigen guten Spielen fällt die Motivation der Mannschaft regelmäßig in sich zusammen. Auch dieser Kader ist keine organische Einheit, sondern eine von zehn Trainern und Sportchefs in drei Jahren zusammengekaufte Truppe.

          Bruchhagen und Todt würden weitermachen

          Gisdol hat versucht, die Aussetzer gegen Darmstadt und in Augsburg psychologisch zu begründen: Die Aufholjagd habe mental unheimlich viel Kraft gekostet. Er selbst wirkt aufrecht, stark, ein Trainer zum Anlehnen. Aber gerade die Heimniederlage gegen den Absteiger und der wehrlose Auftritt beim FCA haben weh getan. Andererseits hat er das Team danach durch das 0:0 gegen Mainz und das 1:1 in Gelsenkirchen auf niedrigem Niveau stabilisiert.

          Bruchhagen und Todt würden im Falle des Abstiegs weitermachen. Ob der HSV stark genug wäre, mit dem möglichen Abstiegstrainer Gisdol den Aufstieg anzustreben, ist trotz dessen verlängerten und im Unterhaus gültigen Vertrages anzuzweifeln.

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