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Hamburg gegen Budapest : Korrektur einer Serie in 90 Minuten?

  • -Aktualisiert am

Umstrittener Kapitän: Rafael van der Vaart Bild: ddp

Nach einer Grusel-Spielzeit hat sich der Hamburger SV von insgesamt 14 Spielern getrennt. Nun könnte der wieder erstarkte Bundesligaklub die Saison rückwirkend retten: An diesem Donnerstag winkt der Einzug in den Uefa-Pokal.

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          Immer größer wurde der Kader im vergangenen Sommer, immer noch ein Spieler wurde für das Abenteuer Champions League verpflichtet, und als der von Verletzungen geplagte Hamburger SV im Januar dem Abstieg aus der Bundesliga entgegentaumelte, kaufte Sportchef Dietmar Beiersdorfer panisch weiter ein, um das Unaussprechliche zu verhindern.

          So waren in dieser Grusel-Spielzeit 2006/2007 irgendwann 34 Berufs-Fußballspieler zu entlohnen - darunter Verletzte wie Sorin, Lustlose wie Ljuboja, Ausgeliehene wie Abel, Ausgemusterte wie Wicky, Kirschstein, Wächter und Klingbeil. 35 Millionen Euro an Gehaltskosten verschlang der Kader.

          Einige Profis waren und sind schwer vermittelbar

          Trainer Huub Stevens verschaffte sich rasch einen Überblick. Ihm war klar: Im Sommer würde aufgeräumt werden. Wenn Ende der Woche das Transferfenster schließt, sind die erheblichen Umräumarbeiten beim HSV längst beendet. 14 Spieler haben den Verein verlassen: Sanogo, Feilhaber, Lauth, Berisha, Wicky, Laas, Mahdavikia, Wächter, Klingbeil, Abel, Ljuboja, Kucukovic, Hampel und Kirschstein sind von der Gehaltsliste verschwunden.

          Trainer Huub Stevens musste kräftig aufräumen

          Einige waren und sind schwer vermittelbar. Ljuboja ist nach Stuttgart zurückgekehrt, dort will man ihn gern loswerden. Wicky wäre fast in Amerika gelandet, ging dann aber nach Hause in die Schweiz zum FC Sion. Klingbeil versucht sein Glück in Norwegen bei Viking Stavanger mit dem deutschen Trainer Uwe Rösler. Für andere hat der HSV sogar vergleichsweise viel Geld bekommen: fünf Millionen Euro von Bremen für Sanogo, jeweils 1,5 Millionen Euro aus Wolfsburg für Laas und von Derby County für Feilhaber.

          Bei vielen Klubs ist Kontinuität ein Fremdwort

          Es war sommerliche Schwerstarbeit für Beiersdorfer, und unter dem Strich muss man sagen, dass der Sportchef nach vielen Fehlkäufen im vergangenen Jahr das Beste aus der Situation eines aufgeblähten Kaders gemacht hat: Neun Millionen Euro hat der HSV eingenommen, zehn Millionen Euro für Zugänge (vor allem Zidan und Castelen) und Abfindungen ausgegeben.

          Die Aufzählung beschreibt aber auch einen bedenkenswerten Zustand des Profi-Fußballs: Bei vielen Klubs ist Kontinuität im Kader ein Fremdwort. Während die Spitzenteams aus München (mit der Ausnahme in diesem Jahr), Bremen und Schalke ihre Mannschaften vorsichtig punktuell verändern, sind die Vereine auf dem Sprung nach vorn ungeduldig und allzeit bereit, Konzepte über den Haufen zu werfen - im Grunde nämlich mit jedem neuen Trainer, der neue Ideen, neue Verbindungen, neue Lieblingsspieler mitbringt: Hertha BSC Berlin, der HSV und der VfL Wolfsburg sind die besten/schlechtesten Beispiele dafür. Alle drei Vereine haben in diesem Sommer komplette Teams ausgetauscht.

          Ein orientierungsloser Hamburger Haufen

          Der Rückblick auf die Horror-Serie hat für den HSV auch ein Gutes - das Ende nämlich. Unter Stevens wuchs der orientierungslose Hamburger Haufen zusammen; Stevens vermittelte der Mannschaft die notwendige Ernsthaftigkeit und brachte sie nach starker Rückrunde auf Rang sieben. Über den verkürzten Hoffnungslauf namens UI-Cup stehen die Hamburger nun kurz vor dem unerwarteten Aufstieg.

          Ein Sieg an diesem Donnerstag gegen Honved Budapest (20.30 Uhr im FAZ.NET-Liveticker, Hinspiel: 0:0), und die erste Runde des Uefa-Pokals wäre erreicht. Von Bundesligaplatz 18 im Februar zur Qualifikation für Europas zweitwichtigsten Wettbewerb im August: nichts beschriebe die Hamburger Achterbahnfahrt besser.

          „Sonst müssen wir erheblich abspecken“

          Zumal mit ein wenig Losglück ja die sportlich fragwürdige, wirtschaftlich aber lukrative Gruppenphase wartet. Das Spiel gegen Budapest ist aufgeladen mit Bedeutung. Ein Sieg soll den Weg in eine bessere Spielzeit ebnen und den Kader um den umstrittenen Kapitän Rafael van der Vaart befrieden. Beiersdorfer sagt: „Kommen wir in den Uefa-Pokal, deutet vieles darauf hin, dass wir vor einer erfolgreichen Saison stehen.“ Das Erreichen der Gruppenphase sei die größte Einnahme-Chance der Saison, sagt Vorstandschef Bernd Hoffmann. Eine Million Euro pro Heimspiel kann der HSV verdienen.

          Budapest steht auch als Zeichen für den Sündenfall eines Profis. Vor zwei Wochen beim Hinspiel hatte sich van der Vaart am Rücken verletzt und pokerte dreist mit seinem beabsichtigten Wechsel zum FC Valencia. Das Ergebnis ist bekannt. Van der Vaart bleibt zumindest bis zur Winterpause Hamburger - nun will der Holländer nur noch „eine schöne Saison“ mit dem HSV spielen.

          Was danach kommt, dürfte ihn kaum interessieren. Der Aufsichtsratsvorsitzende Horst Becker hat es in Anbetracht des wiederum teuren Kaders so formuliert: „Wir müssen auf Dauer international spielen. Sonst müssen wir erheblich abspecken.“ Diese Mannschaft ist zum Siegen verdammt - weil finanziell alles auf Kante genäht ist beim Hamburger SV.

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