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Hall of Fame des Fußballs : „Für mich ist Gerd der Allergrößte von uns allen!“

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Lebende Legenden: Günter Netzer, Paul Breitner, Matthias Sammer, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus (von links nach recht, stehend) sowie Sepp Maier (links unten) und Andreas Brehme. Bild: Reuters

Die Legenden des deutschen Fußballs kommen zur Eröffnung der „Hall of Fame“ zusammen. Besonders emotional wird es bei der Auszeichnung für einen, der bei der Gala in Dortmund nicht dabei sein kann.

          Am Ende eines langen und doch meist kurzweiligen Abends wurde es doch einmal feierlich: als Paul Breitner die ehrenvolle Auszeichnung für seinen alten Mitstreiter Gerd Müller entgegennahm. Der „Bomber der Nation“, der in Wirklichkeit der gewandteste und geschickteste Stürmer war, der je in Deutschland die Kunst des Toreschießens beherrschte, konnte an diesem Abend im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund nicht dabei sein. Er ist, an der Alzheimer-Krankheit leidend, in seine eigene Welt versunken. Wäre er dabei gewesen, er hätte womöglich seine helle Freude an dieser Gala gehabt, die eine Art Familientreffen deutscher Fußball-Legenden war.

          Und so stand das Publikum an diesem Montag bei der von den ARD-Moderatoren Julia Scharf und Alexander Bommes moderierten Veranstaltung geschlossen auf, als Breitner die Zuhörer um einen Moment des Innehaltens für einen ganz Großen des internationalen Fußballs bat. „Die unglaubliche Erfolgsgeschichte des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft wäre ohne Gerd Müller sicher nicht möglich gewesen“, hob der Weltmeister von 1974 die Bedeutung seines Mitspielers, der damals das 2:1-Siegtor gegen die Holländer nach einer typischen Müller-Drehung erzielt hatte, hervor. „Für mich ist Gerd der Allergrößte von uns allen!“

          Für ihn standen die Ikonen des deutschen Fußballs, die von einer Jury renommierter Sportjournalisten zur „Gründungself“ für die am Montag eröffnete Hall of Fame gewählt worden sind, selbstverständlich von ihrem Plaudersofa auf. Vorneweg der seit einer Herzoperation und dem Tod seines Sohnes Stefan eine Spur zerbrechlich wirkende „Kaiser“ Franz Beckenbauer, der Erfinder der von ihm ideal verkörperten Libero-Hauptrolle und als Spieler 1974 wie als Teamchef 1990 zweimal ein majestätischer Weltmeister.

          Sepp Maier, war ebenfalls in Dortmund, Deutschlands bis heute vielleicht bester Torhüter, der in den siebziger Jahren gemeinsam mit Beckenbauer, Müller und Breitner die goldene Bayern-Ära und die vielen Triumphe mit der Nationalmannschaft prägte. In dieser Zeit des Aufbruchs der 68er-Generation setzte auf dem Fußballplatz auch der Mönchengladbacher Mittelfeld-Genius Günter Netzer Maßstäbe, ein Mann mit einem Höchstmaß an Kreativität, der mit einem Pass eine ganze Abwehr aushebeln konnte. Netzer glänzte im Nationaltrikot weniger bei der WM 1974, dafür umso heller bei der EM zwei Jahre zuvor, in der er große Fußspuren hinterließ.

          Die Weltmeister von 1990 führte als Kapitän und sportlicher Antreiber Lothar Matthäus an, mittlerweile einer der besten Fernseh-Analytiker des Spitzenfußballs von heute. Ihm zur Seite steht auch in der Hall of Fame sein alter Kumpel Andreas Brehme, der im römischen Finale gegen Argentinien per Elfmeter den Siegtreffer zum 1:0 schoss und als virtuoser Linksverteidiger seiner Zeit voraus war. Mit 51 Jahren ist der Dresdner Matthias Sammer, schon zu DDR-Zeiten ein Star und nach der Wiedervereinigung einer der Anführer der deutschen Europameister von 1996, der Jüngste aus dem Hall-of-Fame-Team.

          Drei posthum geehrte Fußball-Idole der Nachkriegsgeneration durften in dieser deutschen Traumelf nicht fehlen: die 54er-Weltmeister Fritz Walter und Helmut Rahn sowie deren Bundestrainer Sepp Herberger. Die drei, der eine der Kapitän, der andere der zweifache Torschütze zum Wunder von Bern, dem sensationellen 3:2-Sieg über die als unschlagbar geltenden Ungarn, und der dritte als „Chef“ der Stratege hinter dem Triumph ein großes Stück Selbstwertgefühl zurückgab. Dass in dieser Ruhmeshalle des deutschen Fußballs, die im Fußballmuseum auf dreihundert Quadratmetern virtuell und real Gestalt annimmt, auch der inzwischen 83 Jahre alte Uwe Seeler einen Stammplatz hat, versteht sich von selbst. Der unverwüstliche Hamburger Stürmer war so etwas wie der Herz-König der Dortmunder Veranstaltung, die auch mit „Uwe, Uwe“-Schlachtrufen untermalt war.

          Die ewigen Stars der großen deutschen Fußball-Geschichte geizten am Montag nicht mit Anekdoten über ihr bewegtes Leben in Zeiten ohne Internet und Social Media. Auf der Bühne waren Persönlichkeiten zu sehen und zu hören, die mit ihren authentischen, manchmal sehr komischen Erzählungen und Erfahrungen Tiefenwirkung hinterließen. Sammer traf den Grundton der alten Helden am besten, als er sagte: „Sie waren alle auch besondere Menschen. Das Positive, das Bescheidene und die Kameradschaft sollte man in den Mittelpunkt stellen, sonst gewinnst du nichts.“

          Dass sich die Laudatoren, Philipp Lahm, Weltmeister von 2014, der Showmaster Thomas Gottschalk, das belgische Torwartoriginal Jean-Marie Pfaff, der aus der Fritz-Walter-Stadt Kaiserslautern stammende Popsänger Mark Forster, sogar der bei anderen Gelegenheiten sehr auf seine Eigenwirkung bedachte Reinhard Grindel nicht mit den eigentlichen Koryphäen der Gala verwechselten, mutete sympathisch an. Grindel, der nach dem Bekanntwerden vorher nicht publizierter Einkünfte unter dem Druck steht, sein Ehrenamt als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes womöglich aufgeben zu müssen, schlug sich unter den Umständen wacker.

          Der Abend gehörte so oder so dem früher zeitlos wirkenden, nun aber doch in die Jahre gekommenen Beckenbauer und seinen Weggefährten aus der am Montag herrlich kleinen Welt des großen Fußballs. Die herausragenden Weltmeister von 2014, die inzwischen fast alle für zu alt befunden wurden, um am Neuaufbau der Nationalmannschaft nach dem Desaster bei der vorjährigen WM in Russland mitzuwirken, dürfen frühestens fünf Jahre nach Karriereende den Kreis der Hall-of-Fame-Elite bereichern. Sie sind noch zu jung für die Ruhmeshalle des deutschen Fußballs. Was soll dazu bloß der Radikalerneuerer Joachim Löw sagen?

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