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Guus Hiddink : Der Mann mit dem goldenen Händchen

Das „Guuseum” in Varsseveld, als es noch bestand - Guus-Anhänger sind nun auf die örtliche Bowling-Bahn angewiesen Bild: AP

Ein Trainer, der wie ein guter Arzt wirkt: Guus Hiddink strahlt Vertrauenswürdigkeit aus und hat die Selbstheilungskräfte des FC Chelsea mobilisiert. Vor dem Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona hat er „schon ein paar Ideen“.

          Guus Hiddinks Händedruck ist fest, aber freundlich. Keiner, der irgendwem imponieren muss. Normalerweise interessieren sich Menschen allenfalls für die Hände von Chirurgen, nicht für die von Trainern. Bei Hiddink ist das anders. „Als ich ihn vor zwei Jahren in Holland zufällig traf“, sagt sein Landsmann Robin van Persie, Stürmer des FC Arsenal, „bat ich ihn, mir seine Hände zu zeigen. Er sagte: Gern, aber warum? Ich sagte, dass alles, was er anfasst, zu Gold wird.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als Hiddink vor zwei Monaten nach England kam, als Ersatz für den entlassenen Luis Felipe Scolari, um für seinen Freund Roman Abramowitsch die verkorkste Saison des FC Chelsea zu retten, dachte van Persie: „O nein! Irgendwas wird er gewinnen.“ Die böse Ahnung trog nicht - im Pokalhalbfinale gewann Chelsea gegen Arsenal. Im Champions-League-Endspiel könnte es noch einmal zu dem Londoner Lokalduell kommen - wenn Arsenal Manchester United ausschaltet und Hiddink auch gegen Barcelona ein goldenes Händchen hat.

          Der Mann ist wie ein guter Arzt

          Er wird es brauchen. Die Abwehr ist vor dem Duell mit dem stärksten Angriff Europas arg dezimiert. Innenverteidiger Carvalho fällt aus, Rechtsverteidger Bosingwa ist angeschlagen, und einen Linksverteidiger hat Hiddink überhaupt nicht mehr: Bridge wurde im Winter verkauft, Ferreira musste die Saison schon beenden, und Ashley Cole, die Stammkraft, ist am Dienstag im Camp Nou gesperrt. Die unbesetzte Stelle ist genau die Position, auf der man gegen den besten Spieler der Welt verteidigen muss, Lionel Messi.

          Ehrendoktor Hiddink: bei der Auszeichnung durch die Sejong-Universität in Seoul nach der WM 2002

          „Ich kann nun zu weinen anfangen“, sagt Hiddink, „ich kann mir aber auch etwas überlegen, um aus einem Nachteil einen Vorteil zu machen, und ich habe auch schon ein paar Ideen.“ Eine typische Hiddink-Antwort. Der Mann ist wie ein guter Arzt: Er strahlt Vertrauenswürdigkeit aus, mobilisiert die Selbstheilungskräfte, und seine Diagnosen sind nie zu kompliziert. Kein Wunder, dass alle Patienten, denen er half, ihm dauerhaft dankbar sind.

          Hiddink steht zu seinem Wort

          Vor allem die scheinbar aussichtslosen Fälle: Südkorea etwa, das er 2002 ins WM-Halbfinale führte. Danach gab es so viele koreanische Hiddink-Wallfahrer, dass dessen Heimatort Varsseveld ein „Guuseum“ errichtete. Inzwischen ist es allerdings wieder zu, die Museumsstücke schmücken nun eine Bowlingbahn im Ort.

          Hiddink-Fans sind auch die Australier, die er zur WM 2006 führte, wo sie im Achtelfinale nur durch einen unberechtigten Elfmeter gegen den späteren Weltmeister Italien ausschieden. Und die Russen, mit denen er England aus der EM-Qualifikation warf und das EM-Halbfinale erreichte. Nun verehrt man ihn auch bei Chelsea. Spieler und Fans bitten ihn, zu bleiben. Doch Hiddink steht zu seinem Wort, sich von Juni an wieder um seine Aufgabe mit Russland zu konzentrieren, das er im Duell mit Deutschland zur WM in Südafrika führen will.

          Romario im Mittelfeld

          Mit 41 gewann er mit dem PSV Eindhoven schon die Krone des Klubfußballs, den Europapokal der Meister. Mit 62 zieht er die ruhigere Arbeit des Nationaltrainers vor. Da passt es, dass der Londoner Job mit seinem festumrissenen Zeitrahmen fast wie der eines Nationaltrainers im Zeitraffer ist: eine Sammlung von Nationalspielern übernehmen und für eine überschaubare Zahl von Spielen auf Höchstleistung trimmen.

          Vor allem bei Didier Drogba gelang das: Unter Scolari nur noch zweite Wahl, hat er unter Hiddink schon neunmal getroffen. Hiddink kennt sich mit Torjägern aus. Den jungen Romário, schon der geniale „Knipser“, aber launisch und lauffaul, ließ er in Eindhoven im Training im Mittelfeld spielen: „damit er verstand, wie hart seine Mitspieler arbeiten mussten“.

          Zwischen frühem und spätem Eroflg lagen Jahre des Scheiterns

          Dabei ist der Midas-Effekt - der Mann, der alles zu Gold macht - eine verklärende Verkürzung von Hiddinks Karriere. Zwischen den frühen Erfolgen in Eindhoven und den späten als Nationaltrainer von Außenseitern lagen Jahre der Erfolglosigkeit mit Entlassungen bei Klubs wie Fenerbahce, Real Madrid, Betis Sevilla. Und auch Hiddink schaffte es nicht, Holland zum Weltmeister zu machen. Mit dem talentiertesten Oranje-Team der Zeit nach Cruyff verlor er unglücklich 1998 im Elfmeterschießen des Halbfinales gegen Brasilien.

          Nach dem 0:0 gegen Everton am Mittwoch hakte Hiddink die englische Meisterschaft ab, der Rückstand auf Manchester ist zu groß. In den Ligaspielen wird er nun Spieler schonen für Champions League und Pokalfinale. Aber die Fans von Chelsea erwarten Wunder von dem Bauernjungen aus Holland, der nach dem Krieg mit seinen fünf Brüdern Kühe melken und Tomaten pflücken musste. Wenn er auch Barcelona melkt und den Europapokal pflückt, können sie in Varsseveld das „Guuseum“ wieder aufmachen.

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