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Gunter Gebauer : Warum wir Fußball lieben

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Die reine Freude: Deutschland gewinnt den WM-Pokal 2014 Bild: dpa

Nicht mit der Hand, nur mit dem Fuß: Die Schönheit des Spiels entsteht aus einer Verklärung des Gewöhnlichen, im Geheimnis des Zufalls und in Momenten des Erhabenen.

          Kann man von einem Verliebten erfahren, warum er liebt? Das ist wenig sinnvoll - entweder weiß er keine Antwort, oder er nennt so viele Gründe, dass wir ihn für verblendet halten. Er selbst fragt sich dies jedenfalls nicht. Er liebt seine Geliebte und findet das schön.

          Beim Fußball ist es anders. Man erwartet eine Antwort: Was hat der Fußball, dass er so tief in unser Gefühlsleben eingreifen kann? Dass Sitzungen bei wichtigen Spielen nicht stattfinden können, dass man nach einer Niederlage nicht in den Schlaf findet, dass divergierende Vorlieben für „verfeindete“ Klubs ganze Familien auseinandertreiben. Eine solche Frage wird nicht gestellt, wenn jemand die Oper liebt, den Tanz, das Schauspiel. Die Liebe zur Hochkultur gehört zu den fraglosen Vorlieben, die eine Kulturnation und das Bildungsbürgertum ausmachen. Die Liebe zum Fußball hingegen ist begründungspflichtig.

          Seit einigen Jahren gibt es bemerkenswerte theoretische Texte, die Gründe für die Liebe zum Fußball suchen. Allerdings fällt es der Theorie schwer, die Verstrickung aufzuklären, die so viele Liebhaber an den Fußball bindet. Zwischen den Zeilen der Traktate scheinen die großen Gefühle wegzurieseln. Mit rationalen Argumenten kommt man der Liebe zum Fußball nicht bei. Ein beliebtes Argument ist beispielsweise, dass der Fußball äußerst einfach sei und daher leicht verstanden werden könne.

          Das kann man bezweifeln: Fußball ist überhaupt nicht einfach und nicht problemlos zu verstehen. Das ist er schon deswegen nicht, weil er nichts sagt. Fußball vollzieht sich durch Handeln. Man nimmt ihn mit dem Sehsinn auf. Sprechen hilft dabei nur begrenzt, wie man bei Fernsehkommentaren oft schmerzhaft bemerkt. Vieles, was im Fußball geschieht, versteht man nicht. Genau das macht ihn interessant.

          Geniale Tore sind unerklärlich. Im Rückblick lässt sich zwar rekonstruieren, wie sie zustande gekommen sind, aber sie sind absolut unvorhersagbar. Sie stellen eine nicht fassbare souveräne Überwältigung der Gegner dar. In ihnen leuchtet ein Können auf, das man in ihrem Handlungsmilieu nicht erwartet. Sie geschehen nicht auf einer Bühne; kein Orchester stimmt die Zuschauer auf die kommenden Aktionen ein. Der Ort der Handlung ist ein Rasen vor dem Tor, meist zertreten und bei Regen schlammig. Die Akteure bewegen sich unruhig im Gedränge, warten auf einen Ball, der von der Ecke getreten wird, die Angreifer werden von den Verteidigern am Trikot festgehalten.

          Was man von außen sieht, ist ein Schubsen, Drängeln, ein Durcheinander der Körper - es ist ein Schauspiel des Niedrigen. In dieses Schauspiel des Gewöhnlichen knallt ein plötzlicher Kopfstoß ins Tor, und die deutsche Mannschaft führt 1:0 gegen Frankreich. Lähmendes Entsetzen im Café am Gare du Nord in Paris, wo ich diese Szene unter hundert französischen Fans sah - sie entsetzt, ich überwältigt von einer Freude, die ich, so gut es ging, vor meiner Umgebung verbarg. Ein solcher Moment ist eine Verklärung des Gewöhnlichen.

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          Wenn das Niedrige schlagartig aus seiner Alltäglichkeit herausgehoben wird, ändert es seinen Charakter. Im Gewöhnlichen leuchtet dann etwas Geheimnisvolles auf. Es ist nicht im Inneren des Geschehens verborgen, sondern erscheint an seiner Oberfläche. Aus der modernen Philosophie weiß man, dass das sichtbare Äußere ein Unsichtbares verbirgt. Das Sichtbare ist schwer zu deuten, gerade weil es so evident zu sein scheint.

          Große Fußballer haben durch ihre lange, intime Vertrautheit Zugang zu den Bedeutungen auf der Oberfläche des Spiels. Sie drücken ihr Wissen allerdings nicht in philosophischer Sprache aus. Wenn sie etwas darüber sagen, sprechen sie in Sätzen, die sich an der Grenze von Tautologien oder Binsenweisheiten bewegen, wie Herbergers Spruchweisheit „Ein Spiel dauert 90 Minuten“. Es gibt heute ein amüsiertes scheinbares Ernstnehmen dieser Sätze, als würden sie eine tiefere Wahrheit aussprechen.

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