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Günter Ortmanns „Fußball-Blues“ : Von Monty Python über Sokrates zu Peter Neururer

Peter Neururer: ein Kulttrainer der Fußball-Bundesliga Bild: picture alliance / augenklick/firo Sportphoto

Ob als Häppchen für Zwischendurch oder als langanhaltender Genuss: Mit „Fußball-Blues“ liefert Autor Günter Ortmann eine besondere Liebeserklärung an den schönen Sport. Wortgewaltig und witzig.

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          Noch ein Fußball-Buch. Und dann auch noch eins, das von früher schwärmt. Muss das sein? Natürlich nicht, aber wenn schon ein Fußball-Buch lesen, dann dieses: „Fußball-Blues“ von Günter Ortmann überrascht mit eleganten Formulierungen, essayistischen Ausflügen und hintergründigen Gedanken. Es ist ein Sehnsuchtsbuch, so lässig wie elegant.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Der Autor, Jahrgang 1945, war Forschungsprofessor an der Universität Witten/Herdecke und leistet es sich, einen eigenen Blick auf seinen Lieblingssport zu werfen. So wie er es schafft, als Kind dem HSV verfallen gewesen zu sein und sich dann zum BVB bekehren zu lassen, so gelingt es ihm, von Monty Python über Sokrates – den Philosophen, nicht den Fußballer – zu Peter Neururer überzuleiten. Und diesen Konterfußball der Worte auch noch auf den Punkt zu bringen. Wortgewaltig und witzig.

          Wo ansetzen, wo aufhören? Natürlich huldigt Ortmann auch der Tiefe des Raums, aus der bekanntlich Günter Netzer kam. Aber an dieser Nahtstelle des Fußballs zur Philosophie enden seine Überlegungen nicht. Sein Werk huldigt der Lässigkeit und Eleganz. Kommt von der Organisationstheorie des modernen Spiels mit seinen immer abstruseren Handspielregeln zum Shrovetide Football mit Überlieferungen aus dem zwölften Jahrhundert: „Das Ermorden des Gegners ist verboten“.

          Verliert sich das Werk gelegentlich auch im Klein-Klein der sprachlichen Hingabe an das schöne Spiel, reißt die Verspieltheit dann aber auch wieder auf mit einem Befreiungsschlag. Einem kleinen Witz oder einem Zitat. Gerne von Willi Lippens. Ortmann huldigt überhaupt den Meistern der Beiläufigkeit, Zidane oder Iniesta. Er lobt den Pathos der Distanz als Ausdruck des Lässigen im Gegensatz zu allem Verbissenen. Oder auch Bemühten. Und er gibt so Lothar Matthäus noch eine mit. Quasi mit dem Außenrist. Dem Werk gelingt es, als Seitendreher gleichermaßen zu funktionieren wie als Häppchen-Sammlung.

          Es kann in einem Rutsch gelesen werden, mit Nachspielzeit und Verlängerung. Es kann auch als Häppchen genossen werden. Wie ein Highlight-Zusammenschnitt. Einfach aufschlagen und schwelgen. Lachen und staunen über die aberwitzige Gedankenverkettung im Stile eine Ballstafette. Tiki-Taka mit Worten. Von Hinterhof-Kickern zu Rampenlicht-Weltmeistern und zurück. Fußball-Blues klagt nicht. Nicht über die extreme Kommerzialisierung des Spiels, nicht über die Geisterspiele in der Corona-Pandemie. Es stellt dar. Entlarvt den ganzen Irrsinn damit umso mehr. Doch lässt Ortmann sich seine wehmütige und bisweilen widerspenstige Liebe zum schönen Spiel einfach nicht nehmen.

          Günter Ortmann: Fußball Blues. Edel Books; 191 Seiten; 19,95 Euro.

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