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WM-2006-Affäre : Chauffeur Netzer und Trottel Beckenbauer

Günter Netzer (links) und Franz Beckenbauer waren einst Fußball-Idole. Bild: dpa

Es schmerzt: Nach Günter Netzer macht sich mit Franz Beckenbauer ein weiteres deutsches Fußball-Idol in der WM-Affäre klitzeklein. Sein Interview erscheint wie ein kräftig gezuckerter Kaiserschmarrn.

          Die Botschaft von Franz Beckenbauer mag Pubertierenden gefallen: Lesen wird überbewertet! Offenbar kann man weit kommen in unserer Gesellschaft, ohne auch nur ein Blatt eines Blickes zu würdigen. Beckenbauer ist ja nicht nur steinreich geworden. Er schwebte um den Globus, machte wie König Midas zu Gold, was er anfasste – ohne vom Fluch heimgeholt zu werden. Er wurde in den Adelsstand erhoben und vor 31 Jahren vor der Amtseinführung zum Teamchef der Nationalmannschaft sogar zum „Messias des deutschen Fußballs“ erkoren, vom allzu irdischen Uli Hoeneß.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Dies mag dazu verleiten, über jedes Papier hinwegzuschauen, wie Beckenbauer seine Arbeit als Chef des Organisationskomitees für die WM 2006 der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieb. Und dabei über drei Seiten fast nichts zur Sache, aber viel über sich sagte. Wie ihn die Welt nun sehen soll, den wahren Beckenbauer, eine Art Selbstenthüller: Ich Franz, Kaiser und – „Trottel“.

          Bei allem Respekt vor der Größe auf dem Platz, vor den Titeln als Spieler, Teamchef und – nun ja – WM-Beschaffer. „Kaiser“ wurde der Libero des Jahrhunderts weder durch sein Geblüt noch durch eine Wahl. Etwa ein halbes Jahrhundert nachdem die Deutschen ihren letzten Kaiser zum Holzhacken in die Niederlande geschickt hatten, ernannte das Fußvolk den Bayern zum Regenten des Fußballs.

          Beckenbauer hat also gar nicht das Recht, sich vom Sockel zu heben. Darüber verfügt allein der Souverän, der ihn teils vergöttert, sich vor ihm in den Staub geworfen hat. Das Volk wird nicht hinnehmen, dass gemeine Beobachter nun hämisch von der versuchten Selbstdemontage Beckenbauers auf seine Jüngerschaft schließen: eine halbe Nation als Trottel-Gemeinde.

          Franz Beckenbauer: „ Ich habe ein reines Gewissen.“

          Was aber, wenn Beckenbauer sein Denkmal retten will mit dem lässlichen Bild vom notorischen Überleser und Trottel-Darsteller? Verlockend. Eigentlich wollte er ja immer nur spielen. Geh, was soll der Papierkram? So kommt das ganze Interview rüber, ein kräftig gezuckerter Kaiserschmarrn. Mit der Kernaussage, dass der OK-Chef zwar einen Stimmenkauf kategorisch ausschließt, aber eigentlich gar nichts weiß und sich überhaupt an wenig erinnern mag. Vor allem, wenn es um die Frage geht, was mit den 6,7 Millionen Euro geschah, die, als Kulturförderung getarnt, von seinem OK an den Internationalen Fußball-Verband geflossen sein soll, um den Kreditgeber und damaligen Adidas-Chef Louis-Dreyfus auszuzahlen.

          Jetzt gibt es schon zwei von dieser Sorte im deutschen Bewerbungskomitee. Auch der vom Amt des DFB-Präsidenten zurückgetretene Wolfgang Niersbach weiß offiziell von fast nichts. Und deshalb erhält die zum Besten gegebene Erklärung der DFB-Heroen, sie seien damals für einen Fifa-Zuschuss von 170 Millionen Euro zu einer Vorabzahlung genötigt worden, eine neue Facette: Denn was Niersbach der Öffentlichkeit sagte, was der Kaiser gesagt hätte, sagt der Kaiser, stimme so nicht: Man muss den Radmann fragen.

          Fedor Radmann (rechts) war immer an Beckenbauers Seite.

          Radmann? Im Theater würde man von der Einführung einer neuen Figur sprechen. Fedor Radmann, graue Eminenz, Freund, Berater, Netzwerker, der das Geschäft der kommerziellen Sportpolitik bei Adidas lernte: „Dem habe ich gesagt, du hast die besten Kontakte.“ Mehr Aufklärung gibt es nicht. Man hätte Beckenbauer durchaus nach einer anderen Variante fragen dürfen. Ob die Kultur-Millionen, zumindest ein Teil, nicht vielleicht für eine Provisionszahlung genutzt wurden innerhalb des teilweise angeblich für Gotteslohn arbeitenden OK.

          Eine heikle Frage, wenn nicht gar Majestätsbeleidigung. Jedenfalls nichts für die kommissarischen DFB-Präsidenten Koch und Rauball. Vor einem von Beckenbauer ersuchten Gespräch, das erklärten die beiden, möge er sich bitte noch einmal den Fragen der vom DFB beauftragten Kanzlei Freshfield stellen. Das mag er wohl nicht. Und es „bringt ja auch nichts“, wenn „ich doch jetzt Rede und Antwort gestanden“ habe.

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          Das hört sich nach einem Schlusswort an. Es schmerzt. Weil sich nach Günter Netzer, der bei dem Verhandlungsgespräch mit seinem Geschäftspartner und DFB-Gläubiger Louis-Dreyfus nur als Fahrer der Limousine beteiligt gewesen sein will, nun auch Beckenbauer so klitzeklein zu machen versucht. Die Idole des großen deutschen Fußballs der siebziger Jahre, der eine als „Messias“ gefeiert, der andere als knallharter, erfolgreicher Manager beschrieben, sollen Lakaien, Chauffeure oder Trottel sein?

          „Warum glaubt der Mensch“, fragt Beckenbauer, „immer nur das Schlechte?“ Falls er doch mal was liest, dann vielleicht diese Antwort: Der Mensch glaubt ans Gute. Also nicht an die Geschichte vom Chauffeur und vom Trottel.

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