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Griechischer Held : Der Helmut Rahn Griechenlands

  • -Aktualisiert am

Ein Hauch von Dirigent: Der musikalische Angelos Charisteas Bild: AP

In Hellas werden Helden vergöttert. Und wenn ein Stürmer durch zwei Tore den größten Fußball-Erfolg in der Geschichte seines Landes herausschießt wie Angelos Charisteas, dann gelangt er zur Unsterblichkeit.

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          Die neuen europäischen Stürmerstars sind alle gleich - charakterlich. Milan Baros, Wayne Rooney und Zlatan Ibrahimovic stellen eine Herausforderung für ihre Umwelt dar. Hoppla, jetzt kommen wir. Jung, frech, selbstbewußt, auf den eigenen Vorteil bedacht und bereit, jederzeit die Ellbogen einzusetzen, um auf ihrem Weg nach oben voranzukommen. Angelos Charisteas ist ganz anders, Angelos Charisteas weckt Beschützerinstinkte. Der 24 Jahre alte Schlaks von 1,92 Metern kommt daher wie ein freundlicher Riese. Weiche Augen schauen unschuldig in die Welt, höflich begegnet er jedem, der auf ihn zukommt.

          Es ist nett zu erleben, daß auch solche Persönlichkeiten im harten Fußballgeschäft Triumphe feiern. Baros, Rooney und Ibrahimovic mögen zwar vor einer größeren internationalen Karriere stehen. Aber ob sie jemals die Verehrung in ihren Heimatländern Tschechien, England und Schweden genießen werden wie Charisteas in Griechenland, ist fraglich. In Hellas gibt es eine jahrtausendealte Tradition. Helden werden vergöttert. Und wenn ein Stürmer durch zwei Tore den größten Fußball-Erfolg in der Geschichte seines Landes herausschießt, dann gelangt er zur Unsterblichkeit. Sein Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Spanien in der Vorrunde und sein Siegtor im Viertelfinale zum 1:0 über Frankreich machen Charisteas zum Helmut Rahn Griechenlands.

          Der Mann, der dem Helden auf die Sprünge half, stammt wie der deutsche WM-Torschütze von 1954 aus Essen. Otto Rehhagel erkannte sofort bei seinem Amtsantritt als griechischer Nationaltrainer, welches Talent in dem Mittelstürmer steckt. Er empfahl seinem Lieblingsklub Werder Bremen, den kopfballstarken und für seine Länge überraschend schnellen und ballgewandten Angreifer von Aris Saloniki zu verpflichten. In Bremen reifte Charisteas, wobei er zuletzt allerdings nicht allzuviel Sonne und Glanz abbekam. In der gerade abgelaufenen Meistersaison kam der Grieche nur als vierter Stürmer zum Zuge. Ailton und Klasnic bildeten das mit Abstand torgefährlichste Duo der Bundesliga, und zum ersten Ersatzmann im Sturm erkor Trainer Thomas Schaaf den Paraguayer Nelson Valdez. "Harry", wie Trainer Schaaf den Griechen taufte, durfte sich so wichtig fühlen wie der gleichnamige, von Fritz Wepper dargestellte Assistent in der Krimiserie "Derrick".

          Angelos, der Bouzouki-Spieler

          Für Rehhagel jedoch blieb Charisteas immer ein Hauptdarsteller. "Ich setze dich aufs Pferd, reiten mußt du schon selber", sagte er seiner Nummer 9 im Aufgebot vor dem ersten EM-Spiel. Zwar durfte der lange Mittelstürmer im Eröffnungsspiel nicht seine Lieblingsposition im Angriffszentrum beziehen. Aber als eine Art Rechtsaußen mit Defensivaufgaben und der Erlaubnis, ab und zu in den Strafraum vorzudringen, erhielt Charisteas wenigstens Spielpraxis. Sein Tor in der zweiten Begegnung gegen Spanien wirkte dann wie eine Befreiung. Seitdem ackert und spielt der Grieche mit dem Selbstbewußtsein und der Zuversicht, die ihm zuvor abgingen.

          Stürmer haben in der griechischen Nationalmannschaft unter Rehhagel einen bedauernswerten Job, der nur mit viel gutem Willen ertragen werden kann. Sie müssen fast immer in Unterzahl versuchen, gefährliche Aktionen zu starten. Die Defensivtaktik des Trainers sieht vor, daß das Mittelfeld bei Ballbesitz nur zögerlich nach vorne rückt. Viel lieber sieht es Rehhagel, wenn der Ball gleich aus der Abwehr weit nach vorne geschlagen wird, wo dann die Stürmer sehen können, wie sie ihn gegen zwei Abwehrspieler ergattern, dann verteidigen und schließlich weiterspielen oder im günstigsten Fall aufs Tor schießen. Das Berufsbild des griechischen Stürmers sieht viel vergebliche Laufarbeit vor und wenig Gelegenheiten zum Glänzen. Um so wichtiger ist es zuzuschlagen, wenn sich die seltene Möglichkeit dazu bietet. Und genau das gelang Charisteas.

          Beinahe wäre dem griechischen Fußball sein Talent entgangen. Sein Vater mochte gar nicht, daß der Sohn dem Ball hinterherrannte. Lange verbot er es ihm, erst mit 13 durfte Angelos in den Verein seines Heimatortes Strimonikow eintreten. Lieber sollte Klein Charisteas seiner musischen Begabung nachgehen: Angelos begeisterte die Verwandtschaft als Bouzouki-Spieler. Als der Erstligaklub Aris Saloniki ihn mit 17 lockte, war es eine hauchdünne Entscheidung des Vaters, daß Angelos das Saiteninstrument aus der Hand legen und den Ball mit aller Konsequenz an den Fuß nehmen durfte. Ganz aus der musikalischen Übung ist Charisteas freilich nicht. Manchmal spielt er seinen Teamkollegen in der Nationalmannschaft auf - auch in Portugal. Dort entwickelte er sich nicht nur musikalisch weiter. "Ich habe vor der EM gesagt, daß sie eine große Chance für mich ist. Und was ich mir erhoffte, ist eingetreten", sagt der Angreifer. Er wollte durch gute Leistungen in Portugal seine Position bei Werder verbessern. Daß er dies in Bremen nie durch Stänkern oder Intrigen versuchte, ist bezeichnend für seinen Charakter.

          Die Lage hat sich für ihn auch bei Werder schon deutlich aufgehellt. Ailton wechselte zu Schalke, und vor dessen Nachfolger Klose muß sich der Grieche bei den in Portugal gezeigten Leistungen nicht fürchten. "Mein Selbstbewußtsein ist riesig", sagt Charisteas, der es auf seine stille Art genießt, einmal im Mittelpunkt zu stehen. "Ich werde mit dem Gefühl nach Bremen zurückkehren, der Stürmer Nummer eins zu sein. Das ist mein logischer Anspruch." Dem Größenwahn ist er freilich nicht anheimgefallen: "Ich weiß, ich muß mir die Position bei Schaaf auch in der Vorbereitung erarbeiten. Eine starke Europameisterschaft allein reicht nicht."

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