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Greuther Fürth : Der Patriarch stößt an Grenzen

Auch das Kleeblatt schaut angesichts der Fürther Misere nicht mehr glücklich Bild: Archiv

Aufsteiger Greuther Fürth hat die Bundesliga offenbar unterschätzt: Der Trainer musste gehen. Und auch der geradezu allmächtige Präsident Helmut Hack ist vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen (17.30 Uhr) nicht mehr unumstritten.

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          Alles Unheil begann auch mit einer Art fehlgeschlagener Entführung. Es war im vergangenen Sommer. Helmut Hack, der Präsident, hatte gerade seinen erhofften Königstransfer unter Dach und Fach gebracht. Und so erzählte Hack voller Stolz, wie ihm das Kunststück gelungen war, den Angreifer Djiby Fall, der schon einmal für knapp fünf Millionen Euro nach Moskau transferiert worden war, nach Fürth zu lotsen: Er nahm ihn einfach mit. Eine Nachtfahrt aus Lokeren in Belgien nach Franken, sieben Stunden im Auto, „er und ich ganz allein“.

          Natürlich war Fall freiwillig mitgekommen, er hatte Hack und der Spielvereinigung Greuther Fürth auch schon zugesagt, aber die Einigung mit den Beratern stand eben noch aus. Und der Präsident war unter Druck, nachdem Oliver Occean, der beste Zweitligaschütze, nach Frankfurt gewechselt war. Die Fans, die Medien, auch der Trainer - alle forderten einen Stürmer. „Ich habe mir gesagt: Ich muss den jetzt mitnehmen, sonst passiert wieder was“, sagte Hack. Er hatte seinen Stürmer. Nur: Es war der falsche.

          „Wir alle haben die Bundesliga unterschätzt“

          Auf ganze zwei Bundesliga-Einsätze kam Fall - und in die Fürther Chronik dieser Saison wird er als der „Slapstick-Stürmer“ aus Senegal eingehen. Auch andere Transfers wie der des Dänen Mikkelsen erwiesen sich nicht als Offenbarung. Und weil auch sonst fast nichts aufging, was man sich in Fürth erhofft hatte, wirkt Hack, der sich so sehr auf „34 Feiertage“ in der Bundesliga gefreut hatte, heute ziemlich ernüchtert. „Wir alle haben Fehler gemacht“, sagt er unter dem Eindruck der Schreckensbilanz von zwölf mickrigen Punkten, keinem einzigen Heimsieg, Tabellenplatz 18 und der Trennung von Trainer Mike Büskens vor dem Spiel gegen BAyer Leverkusen am Sonntag (17.30 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker). „Wir alle haben die Bundesliga unterschätzt. Die Spieler haben den nächsten Schritt nicht gemacht. Und ich habe sehr schnell gelernt, dass wir mit 500.000 oder 800.000 Euro keine Qualität dazubekommen können.“

          Insgesamt 2,5 Millionen Euro haben die Fürther in der Sommerpause ausgegeben. Peanuts für das Liga-Establishment. Aber einen Fehlgriff in der Fall-Dimension - die Rede ist von einer knappen Million Euro - kann man sich beim Verein mit dem kleinsten Etat schlecht leisten. Was aber in der Verlustrechnung schwerer wiegt, ist etwas anderes: dass beim Schritt ins Abenteuer der Fürther Weg ein Stück weit verlorenging. Der immer auch Hacks Weg gewesen war. „Wir mussten unter dem Druck der Bundesliga sicher die eine oder andere Entscheidung treffen“, sagt er, „die wir in unserer früheren Philosophie nicht hätten treffen müssen.“ Eigentlich gibt es so etwas im Fußball kaum noch - dass eine einzelne Figur einen Verein nicht nur über Jahre und Jahrzehnte prägt. Sondern auch mit einem altmodisch anmutenden Ansatz ganz nach oben bringt. Genau das tat Hack.

          Mit dem Beitritt seines Heimatvereins TSV Vestenbergsgreuth zum welken Fürther „Kleeblatt“ 1996 begann die Geschichte eines kleinen Klubs, der es mit einer bestaunten und manchmal auch belächelten Mischung aus Bescheidenheit und Beharrlichkeit bis in die Bundesliga schaffte. Der 63 Jahre alte Hack, im Hauptberuf Geschäftsführer des in Vestenbergsgreuth beheimateten Tee-Imperiums Martin Bauer, präsentiert „seine“ Spielvereinigung gern als große Familie. In der er gern den sanften Patriarchen gibt. Kein Alphatier aus dem Fußballbetrieb, kein Selbstdarsteller oder Sonnenkönig. Eher ein Missionar, der die Leute „emotional mitnehmen“ will.

          Zum Fürther Weg gehöre es, dass Werte wie Aufrichtigkeit, Wärme und Miteinander noch etwas zählten. Die Fürther „Dugenden“ - mit sanftem fränkischem „t“. „Wir müssen diesen Weg gehen, weil es nur diesen Weg gibt“, sagte er im November, als es zum ersten Mal unruhig wurde. Gemünzt war das auf die Frage, ob er in jedem Fall an Büskens festhalten werde. Dem Aufstiegshelden, dem es im vergangenen Jahr gelungen war, die sagenhafte Serie der Fast-Aufstiege zu beenden. Der Aufstieg, sagte Büskens, sei die „Befreiung der Fürther Seele“ gewesen. Er war der Befreier.

          Den Volkshelden einfach abserviert

          Und so ist es kein Wunder, dass Hack in diesen Tagen ganz schön unter Feuer steht. Unaufrichtigkeit wird ihm vorgeworfen, Begriffe wie Alleinherrscher und Diktator fallen. Ganz neu ist das nicht. Hack ist bei allen Verdiensten nicht unumstritten. Vielen gefällt seine geradezu allmächtige Rolle nicht. Und so steht die Frage im Raum, ob Hack, der auch im Vorstand der Deutschen Fußball-Liga sitzt, nicht selbst in der ersten Liga relativ hart an Grenzen gestoßen ist. Lange ging es ja gut, dass der einstige Amateurspieler Hack sich selbst um die Zusammenstellung des Kaders gekümmert hat und dafür sogar an den Wochenenden mit seiner Frau über die fränkischen Fußballplätze tingelte. Für die Aufgabe Bundesliga aber war es womöglich eine fatale Fehleinschätzung, auf die Dienste eines Sportchefs zu verzichten. Rachid Azzouzi, der nie aus dem Schatten Hacks treten konnte oder durfte, war zum FC St. Pauli gegangen.

          Negative Grundstimmung: Chef Hack und Ex-Trainer Büskens

          Und nun die Sache mit Büskens. Den Volkshelden einfach abserviert, so wie in jedem stinknormalen Klub? „Es ging nicht um einen Trainer, es ging darum, dass wir wieder stabilisieren müssen“, sagt Hack. Büskens sei nichts vorzuwerfen, im Gegenteil: „Wir brauchen über das, was Mike Büskens hier bis zuletzt geleistet hat, keine Sekunde sprechen.“ Das Problem sei die lähmende Atmosphäre gewesen, die sich über den Ronhof gelegt hatte. „Wenn Sie zur Arbeit gehen und Ihre Firma nur Misserfolge hat, dann bekommen Sie eine Grundstimmung, die mit jedem Tag negativer wird“, sagt Hack. „Wir mussten die letzte mögliche Maßnahme ergreifen, um wieder nach vorne schauen, um wieder an etwas glauben zu können.“ Das und die Hoffnung, vielleicht doch noch den Relegationsplatz erreichen zu können, ließ den Harmoniemenschen Hack mit dem pastoralen Timbre in den Hintergrund treten. Er ist, wenn er von etwas überzeugt ist, eben auch ein harter Entscheider.

          Kein „Hau-Ruck“

          Eine Portion emotionale Kränkung war gewiss auch dabei. „Wir sind in eine Situation hineingerutscht, in der wir fast schon Mitleid bekommen haben“, sagt er, „und das ist das Schlimmste, was einem widerfahren kann.“ Mit anderen Worten: Absteigen hätte Fürth zur Not dürfen, ein Träumer ist Hack nicht. Aber eben nicht so. Die Spielvereinigung ist sein sportliches Lebenswerk, und so will er den Klub unbedingt wieder auf Kurs bringen. Kurzfristig sollen Ludwig Preis, der bisherige U-23-Trainer, und der im Winter zum Sportdirektor beförderte Rouven Schröder das Team neu beleben. Dann soll ein neuer Trainer kommen - kein Feuerwehrmann, wie Hack betont. „Wir brauchen eine Lösung, an die wir jetzt und über den Tag hinaus glauben können, nicht irgendein Hau-Ruck.“

          In jedem Fall soll der neue Mann seinen Kompass wieder nach den alten Koordinaten ausrichten. „Der Verein muss wieder dahin kommen, dass wir diesen Weg gehen: mit Spielern, die besser werden wollen.“ Die vorbildliche Nachwuchsarbeit, die man in der Bundesliga ein wenig aus den Augen verlor, soll wieder stärker in den Fokus rücken. Was seine eigene Rolle betrifft, spricht Hack davon, die Verantwortung künftig stärker teilen zu wollen. Die Führung aber traut er sich selbst immer noch am besten zu. Von einer „verdammten Herausforderung“ spricht er angesichts der Rahmenbedingungen: „Bundesliga in Fürth ist an den Grenzen dessen, was geht.“

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