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Nationalmannschaft : Graue Tage, weißer Elefant

Wider die Konkurrenz: Manuel Neuer streckt sich. Bild: AP

Vor den letzten EM-Qualifikationsspielen sehen sich die deutschen Nationalspieler als „bunter Haufen mit geilen Typen“. Bundestrainer Löw dagegen beklagt den Entwicklungsrückstand – und der abwesende Hummels ist ständig präsent.

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          Man kann die Dinge auch mal positiv sehen. Das jedenfalls schienen sich die Spieler und Vertreter der deutschen Nationalelf vor dem Doppelspieltag gegen Weißrussland (Samstag, 20:45 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker zur Nationalmannschaft und RTL) und Nordirland gedacht zu haben. Bei den Weltmeistern von vorgestern hatte man den Sound unüberhörbar auf Zuversicht gedreht. Dabei hatte es in den vergangenen Wochen und Monaten vor allem schlechte Nachrichten gehagelt. Die gerade begonnene Entwicklung war durch zahlreiche Verletzungen ins Stocken geraten, von einer eingespielten Mannschaft des Jahres 2019 kann keine Rede sein. Und dem Bundestrainer und seinem Team droht die Zeit davonzurennen. Auch für die beiden EM-Qualifikationsspiele am Samstag in Mönchengladbach und am Dienstag in Frankfurt musste ein halbes Dutzend Spieler passen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber die Selbstdarstellung klingt, nur sieben Monate vor der Europameisterschaft, mitunter ganz anders. Etwa so: „Wir sind ein bunter Haufen mit geilen Typen.“ Das sagte Leon Goretzka am Mittwoch auf der DFB-Pressekonferenz auf die Frage nach der Stimmung in der Mannschaft. Oder so: „Wir haben Analysen gemacht, und das Schöne ist, dass wir im internationalen Vergleich vorne stehen. Wir haben 90 Prozent Auslastung – insofern sind wir generell sehr zufrieden.“ Das sagte Oliver Bierhoff auf die Frage nach den zuletzt nicht ausverkauften Spielen der Nationalelf. Oder, um die Selbstwahrnehmung ganz allgemein mit den Worten von Kapitän Manuel Neuer zu beschreiben: „Ich bewerte das Jahr sehr positiv. Natürlich sind wir noch nicht da, wo wir im kommenden Sommer sein wollen. Aber ich spüre ein positives Bild.“

          Löw bedauert mangelnde Eingespieltheit

          Es war in den Tagen vor den beiden entscheidenden Qualifikationsspielen der Bundestrainer höchstpersönlich, der wieder ein bisschen von seinem Optimismus – den er vor, während und selbst nach WM in Russland nicht abgelegt hatte – wieder ein Stückchen abgerückt war. Schon nach den ersten Spielen in dieser Saison hatte er erstmals gestanden, dass er über den Leistungsstand der Nationalelf bis zur EM im Juni 2020 aufgrund der Verletzungsmisere nicht mehr viel sagen könne. Nun räumte Löw auch einen Rückstand auf dem Weg zum großen Ziel ein. „Die vielen Ausfälle sind natürlich schade, sonst wäre die Eingespieltheit vielleicht eine andere. Ich hätte mir gewünscht, häufiger mit einer ähnlichen Mannschaft zu spielen. Deshalb sind wir vielleicht aktuell etwas hintendran, was die Entwicklung unserer Idee und Marschroute angeht“, sagte der Bundestrainer. „Wir mussten unheimlich viele Wechsel vornehmen, auch jetzt wieder. Ich hätte mir gewünscht, dass wir in der Entwicklung dieser noch jungen Mannschaft schon weiter wären. Gerade im Umbruch braucht man eine gewisse Kontinuität. Das war durch die vielen Verletzungen aber nicht möglich. Wir konnten uns kaum einspielen.“

          Tatsächlich kommt in diesen grauen Tagen zusammen, was nicht zusammenkommen sollte auf dem von Löw verspätet eingeschlagenen Weg der personellen Auffrischung: eine abermalige Absagenflut neben den schweren Verletzungen von Niklas Süle und Leroy Sané. Dies wiegt nun besonders schwer, weil der Bundestrainer erst nach dem Scheitern in der Nations League seinen Kurs änderte und dann mit Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels gleich drei Weltmeistern zu Jahresbeginn den Laufpass gab. Seit dem Ausfall von Abwehrchef Süle, dessen Einsatz für die EM äußerst fraglich erscheint, steht der Name Hummels nun wie ein weißer Elefant in der Kabine der Nationalmannschaft.

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          Löw selbst schien zuletzt darauf bedacht, von seiner im Januar unmissverständlichen Haltung, dass keiner der drei aussortierten Spieler eine Zukunft mehr bei ihm habe, zumindest vorsichtig abzurücken. Er verzichtete zuletzt bei Fragen nach Hummels auf Formulierungen, die endgültig klangen. Er sagte stattdessen, dass er über die endgültige Zusammensetzung des Kaders erst unmittelbar vor der EM entscheiden werde. Oliver Bierhoff ging vor wenigen Tagen noch einen Schritt weiter mit Blick auf ein Hummels-Comeback. „Jogi hat es ja auch schon gesagt, dass es jetzt zumindest im November nicht zur Diskussion steht“, sagte der DFB-Direktor. Das klang wie eine rhetorische und salomonische Vorarbeit, falls sich bis zum Frühjahr die personelle Situation im DFB-Team und am Hoch von Hummels nichts ändern sollte. Am Mittwoch erwähnte Bierhoff den BVB-Abwehrchef, obwohl ständig präsent, mit keinem Wort, als es um die deutsche Defensive ging.

          Der Kader am Ende eines Jahres, dass im Zeichen der Erneuerung stehen sollte, ist nun auch zwangsweise so heterogen wie wohl noch nie in der Ära Löw. Im Aufgebot finden sich zwei Freiburger (Koch und Waldschmidt), ein Kölner (Hector), ein Berliner (Stark), ein Hoffenheimer (Rudy) und ein Schalker (Serdar) – sechs Spieler, die keinem Topklub angehören, die es alle nicht in den Europapokal geschafft haben. Auch der Bayern-Block ist, anders als in der Vergangenheit, nicht mehr so stark, dass er eine Achse bilden könnte. Neben Neuer sind nur noch drei Münchner Feldspieler dabei, Kimmich, Goretzka und Gnabry. Dazu zwei Leipziger (Klostermann, Werner), zwei Dortmunder (Schulz, Brandt) und zwei Leverkusener (Tah, Amiri).

          Dass andere Mannschaften, wie Tabellenführer Niederlande, unter diesen Umständen schon ein ganzes Stück weiter sind auf dem Weg, eine eingespielte und stabile Mannschaft bei der EM präsentieren zu können, mag in der DFB-Führung niemand mehr bestreiten. „Es wird Geduld und Verständnis brauchen. Holland hat in seiner jungen Mannschaft auch sehr erfahrene Spieler. Die Jungs sind über Jahre zusammengewachsen“, sagte Bierhoff ganz realistisch. „Diese Chance hatten unsere Trainer nicht.“ Aber das ist wiederum nur die halbe Wahrheit.

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