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Götze-Kommentar : Deutsche Verhältnisse

Geht nicht über Los, landet auf der Schlossallee: Mario Götze Bild: dpa

Nach zwei Jahren heißt das Spiel wieder „Monopoly“. Mit der Säbener Straße als Schlossallee. Und der ungeschriebenen Regel: Jeder deutsche Weltklassespieler landet irgendwann in München.

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          Der alte Bayern-Götze wackelt. Nun kommt ein neuer. Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass die Nachricht vom Wechsel des begabtesten deutschen Fußballers nach München gerade in diesen Tagen bekannt wird, da der angeschlagene Präsident der Bayern darum kämpft, aus den Schlagzeilen der öffentlichen Empörung zu kommen. Vom FC Bayern wird jedenfalls versichert, die Nachricht vom Transfer-Coup um Mario Götze nicht lanciert zu haben. Tatsache ist aber, dass sie Uli Hoeneß nicht ungelegen kommt. Drei Tage nach dem Bekanntwerden seiner Selbstanzeige war erstmals nicht Hoeneß’ Absturz vom populären Anti-Politiker zur großen Enttäuschung für Volk und Kanzlerin das Thema des Tages in TV-Nachrichten und Online-Medien. Sondern Götze, das Bauernopfer: Ihn erwartet an diesem Mittwoch im Spiel gegen Real, vor ausverkauftem Haus und vielen von ihm enttäuschten Fans, der schwerste Abend seiner bisherigen Karriere.

          Wo auch immer die Nachricht nun herkam und warum gerade jetzt: Es ist nicht irgendein Transfer, es ist eine Kampfansage - die Abkehr von jenem Kuschelkurs der Bayern, dessen Ende die Borussen schon länger erwartet hatten. Schon als Hoeneß in seiner letzten öffentlichen Initiative vor der privaten Selbstdemontage einen solidarischen Kampf gegen drohende „spanische Verhältnisse“ (mit zwei Top-Klubs weit vor den anderen) anregte, war die Reaktion beim Rest der Liga mau, und Hoeneß zog den Vorschlag pikiert zurück. Als der Dortmunder Trainer Jürgen Klopp in seiner Reaktion auf Hoeneß spottete, es drohten eher „schottische Verhältnisse“ (ein einziger Top-Klub weit vor allen anderen), wusste er längst, dass er den Reisenden Götze nicht aufhalten kann. Und dass die Bayern zu ihrem alten Geschäftsmodell zurückkehren, den besten Konkurrenten die besten Spieler abzuknöpfen.

          Kasten-System in der Bundesliga

          Nach zwei Jahren, in denen die Dortmunder sie düpierten, heißt das Spiel der Münchner nicht mehr „Mensch, ärgere dich nicht“, sondern wieder „Monopoly“. Mit der Säbener Straße als Schlossallee. Dagegen ist nichts zu sagen, es gelten auch im Fußball die Gesetze des Marktes. Aber eben nicht nur die. Und auf Dauer bedroht es die Attraktivität des deutschen Fußballs, wenn die sportlichen Verhältnisse zu sehr die wirtschaftlichen Verhältnisse spiegeln.

          Durch die Einnahmen aus der Champions League bildet sich in der Bundesliga ein Kasten-System. Ganz oben die Bayern, die ihren Stars zehn Millionen Euro pro Jahr zahlen können. Dahinter Dortmund, wo bei maximal fünf Millionen das Gehaltsgefüge zu knirschen beginnt; vielleicht noch Schalke und auch Wolfsburg. Dann der Rest. Dabei können es sich die Bayern dank ihrer Marktmacht als einzige leisten, Ausstiegsklauseln in ihren Verträgen kategorisch auszuschließen - Klauseln wie die von Götze, die sie nun mit der Zahlung von 37 Millionen Euro dazu nutzen, Dortmund dessen Kronjuwel wegzunehmen, ohne nur einmal mit ihnen darüber gesprochen zu haben.

          Der Bayern-Kader strotzt schon jetzt vor Weltklasse. Als Willkommenspräsent wird dazu im Sommer der neue Trainer Pep Guardiola, der schon Messi groß machte, seinen Wunschspieler Götze bekommen - den Messi ähnlichsten Spieler, der zu haben ist. Mit Götze kehren die Bayern, die Özil und Khedira nach Madrid hatten vorbeiziehen lassen und bei Reus den Kürzeren gegen Dortmund zogen, zum alten Selbstverständnis zurück: Dass jeder deutsche Weltklassespieler irgendwann in München landen muss. Es sind nicht spanische, nicht schottische, es sind die ewigen deutschen Verhältnisse.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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