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Gianluigi Buffon : „San Gigi“ wird zum Problemfall

  • -Aktualisiert am

Macht mit seinem Geld, was er will: Gianluigi Buffon (Foto: Am Freitagabend in Zürich) Bild: REUTERS

Der italienische Nationaltorhüter lässt bestreiten, er habe für rund 1,5 Millionen Euro gewettet. Ein befreundeter Tabakwarenhändler habe für ihn lediglich investiert, zum Beispiel in Uhren. Am Umgang mit Buffon hängt die Glaubwürdigkeit seines Trainers.

          Über Emiliano Viviano ist nicht viel bekannt, aber ein paar Dinge hat die Öffentlichkeit schon über ihn erfahren. Er lässt sich von seiner Ehefrau beraten und nicht von einem der gewieften Profi-Manager der Branche. Außerdem ist der Torwart von US Palermo besonders stark beim Herauslaufen. Und wenn eines Tages eine Rangliste in Sachen Loyalität aufgestellt werden sollte, dann ist Viviano ein Kandidat für die prominenten Plätze. „Wenn Buffon nicht mitkommt, dann fahren wir alle nachhause“, sagte er. „Italien ohne Gigi, das könnte man doch nicht mit ansehen.“

          Viviano ist schon längst wieder zuhause, weil ihn Nationaltrainer Cesare Prandelli aus dem vorläufigen EM-Kader der italienischen Nationalmannschaft gestrichen hat. Aber seit auch Stammtorwart Gianluigi Buffon, den alle wegen seines lockeren Auftretens nur Gigi nennen, in den Sog des Wettskandals geraten ist, hat sich für Italiens vierten Torhüter wieder ein kleiner Spalt aufgetan, von dem der Betroffene aber anscheinend nichts wissen will.

          Die Personalie Viviano erzählt einiges über die Situation im italienischen Lager eine Woche vor Beginn der EM. Nicht einmal der Nationaltrainer selbst weiß im Moment ganz genau, welche Mannschaft am kommenden Sonntag beim Spiel gegen Titelverteidiger Spanien auflaufen wird. Nach dem desolaten 0:3 am Freitagabend gegen Russland in Zürich, der dritten Niederlage in Folge, hat Prandelli noch ein paar Sorgen mehr. Und angesichts der täglich neuen Enthüllungen im Wettskandal wäre es keine große Überraschung, wenn dem Commissario Tecnico unter der Woche noch ein paar Stammkräfte wegbröckeln.

          14 Schecks an eine Wettannahmestelle in Parma

          Einer der Wackelkandidaten ist Gianluigi Buffon, der Kapitän der Nationalmannschaft. Mehr als 1,5 Millionen Euro sind im Jahr 2010 innerhalb von nur neun Monaten von den Konten des berühmtesten italienischen Torwarts an eine Wettannahmestelle in Parma geflossen. 14 Schecks fand die Finanzpolizei.

          Bislang ist nicht geklärt, ob Buffon das Geld wirklich für Fußballwetten ausgegeben hat, was nach dem Statut des italienischen Fußballverbandes Lizenzspielern nicht gestattet ist. Sollte herauskommen, dass das Idol vieler Tifosi tatsächlich gegen diese Regel verstoßen hat, dann käme Emiliano Viviano wieder ins Spiel. Prandelli müsste Buffon zuhause lassen und würde Viviano als dritten Torwart mit nach Krakau nehmen, wo die Nationalmannschaft ihr Trainingslager hat.

          „Ich mache mit meinem Geld, was ich will“, sagte Buffon nach dem Spiel gegen Russland und deutete an, er habe mit den Überweisungen eine Uhrensammlung, Gemälde und Grundstücke für Freunde erworben. „Für den größten Überweisungsbetrag wurden zwanzig Rolex gekauft. Die liegen seit Monaten in Buffons Safe. Wir können für jeden Geldfluss beweisen, dass er nicht für Sportwetten eingesetzt wurde“, sagte Buffons Anwalt Marco Valerio Corini.

          Besuch von rechtsradikalen Ultras

          Weil die Ermittler dennoch Zweifel haben, warum das Geld ausgerechnet an die Wettannahmestelle eines Freundes von Buffon geflossen ist, durchsuchten sie am Freitagabend das Geschäft. Kurz zuvor hatte eine Delegation der rechtsextremen Ultragruppierung „Drughi“ von Juventus Turin Buffon und dessen Nationalmannschaftskollegen Leonardo Bonucci ihre Aufwartung im Zürcher Spielerhotel gemacht. Gegen Buffon wird offiziell nicht ermittelt, gegen Bonucci hingegen schon.

          Der Verteidiger wird verdächtigt, von der Verabredung des 3:3-Unentschiedens zwischen Udinese Calcio und seinem ehemaligen Verein US Bari am letzten Serie-A-Spieltag 2010 gewusst zu haben. Die Ultras zeigten sich mit beiden solidarisch: „Bonucci, einer von uns“ und „San Gigi“ hatten sie auf Schilder geschrieben und im Letzigrundstadion gezeigt.

          Für Prandelli und seinen Ethikcode wird Buffon zum Problem

          Schon 2006 war der „heilige Gigi“ in die Schlagzeilen geraten, weil er beinahe zwei Millionen Euro für Sportwetten ausgegeben hatte, allerdings nie für Wetten auf Fußballspiele, wie er behauptete. Damals glaubten ihm die Ermittler und stellten alle Verfahren ein, auch die Sportjustiz archivierte ihre Untersuchungen. Der Ausgang der gegenwärtigen Affäre ist offen.

          Für Nationaltrainer Prandelli, der einen Ethikcode erlassen hat und Spieler, die sich unsportlich verhalten, nicht berufen will, stellt Buffon schon jetzt ein Problem dar. Indirekt rechtfertigte Buffon die Manipulation von Spielen, als er vor Tagen in Anspielung auf arrangierte Unentschieden am Saisonende sagte: „Besser zwei Verletzte als ein Toter.“

          Mann mit Moral: Doch Prandellis Arbeit der vergangenen zwei Jahren droht binnen Wochen zerstört zu werden

          Nach den Ereignissen der vergangenen Woche wirkt der Nationaltrainer zunehmend gestresst und hilflos. Erst war die Polizei im Trainingslager der „Azzurri“ in Coverciano bei Florenz vorgefahren und hatte das Zimmer von Abwehrspieler Domenico Criscito durchsucht. Weil gegen ihn wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Sportbetrug ermittelt wird, strich ihn Prandelli aus dem Kader.

          Bonucci, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen der gleichen Straftaten ermittelt, darf bislang bleiben. Wegen des Erdbebens in der Emilia-Romagna mussten Prandelli und seine Mannschaft zudem auf eines der wenigen Testländerspiele verzichten. Und Ministerpräsident Mario Monti schlug zur selben Zeit eine Zwangspause von zwei bis drei Jahren für den italienischen Profifußball vor. So erklärt sich, warum der Nationaltrainer am Freitag mit Spekulationen über einen EM-Verzicht der Italiener provozierte. Prandelli war 2010 angetreten, um den italienischen Fußball zu erneuern und ihm wieder Ansehen zu verschaffen. Innerhalb von nur einer Woche droht nun die Arbeit von zwei Jahren in sich zusammen zu fallen. Der Nationaltrainer selbst wird seinen Ansprüchen kaum noch gerecht. Vom Ausgang der Affäre hängt nun auch ein gutes Stück seiner eigenen Glaubwürdigkeit ab.

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