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Beschwerde bei EU-Kommission : Spielergewerkschaft will Transfersystem im Fußball abschaffen

„Es kann nicht im Sinne des Fußballs sein, dass Lösungen auf dem Rechtsweg gefunden werden müssen.“ Vielmehr müsse es auch im Sinne der Fifpro sein, den Fußball aus den Gerichtskammern herauszuhalten. Die jetzige Lage sei Ergebnis der Bosman-Entscheidung von 1995. „Das sollte auch der Fifpro Ansporn sein, nicht vor Gericht zu ziehen“, hatte Rummenigge gesagt.

„Wir wollen den Fußball nicht töten“

Van Seggelen sagte nun, die Beschwerde solle nicht nur die Lage der Spieler verbessern, sondern auch die der Klubs. „Wir wollen die Topklubs nicht abschaffen, wir wollen den Fußball nicht töten.“ Der FC Bayern sei ein Spitzenklub, ein Vorbild für andere. „Es ist offensichtlich, dass wir im Fußball ernsthafte Probleme haben, und zwar nicht erst seit gestern, sondern wenigstens in den letzten fünf, sechs Jahren. Das liegt an den Veränderungen, an den neuen Fernsehverträgen zum Beispiel und am enormen Erfolg der Champions League“, sagte van Seggelen.

Besonders bedenklich sei, dass rund ein Drittel der etwa 25.000 Fußballprofis in Europa nicht vertragsgemäß, also pünktlich bezahlt werde, die Spieler aber zunächst drei Monate unbezahlt verstreichen lassen müssten, bevor sie ihre Verträge einseitig kündigen dürften und zum Teil jahrelange Streitigkeiten in Kauf nehmen müssten, bevor ihnen die zustehenden Gehälter zugesprochen würden.

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Von Wiese bis Immobile : Die Transfer-Flops der Fußball-Bundesliga

Van Seggelen zeigte sich verärgert darüber, dass Klubs und Verbände diese Regelungen zur Verhandlungsmasse gemacht hätten. „Uns wurde gesagt: Wenn ihr über die ausstehenden Gehälter sprechen wollt, müsst ihr uns in anderen Fragen entgegenkommen. Das ist inakzeptabel.“ Seine Organisation hatte vor drei Jahren in einem Schwarzbuch auf die teils katastrophalen Zustände des Profifußballs insbesondere in Osteuropa hingewiesen.

Man sei jederzeit weiter verhandlungsbereit, aber die Beschwerde bei der EU-Kommission sei auch Ausdruck der eigenen Frustration. Die Kommission, bei der die dänische Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager für das Beschwerdeverfahren zuständig ist, werde aber nicht abstreiten können, dass die Ziele der Vereinbarung von 2001 nicht erreicht werden. „Die Kommission war für die Vereinbarung von 2001 mitverantwortlich“, sagte van Seggelen. Seither habe die wirtschaftliche Bedeutung des Fußballs exponentiell zugenommen.

„Es geht um die Wanderarbeiter des Fußballs“

Stefan Szymanski, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Michigan und Ko-Autor des Buches „Soccernomics – Warum England immer verliert“, unterstützt die Fifpro in ihrer Argumentation. Vom Geld, das ins Fußballgeschäft fließt, profitierten vorrangig die Klubs der fünf besten Ligen in Europa und in diesen wiederum die finanzstärksten Klubs. So seien nahezu 70 Prozent der zwischen der Saison 2009/2010 und 2014/2015 gezahlten Transfersummen zwischen den Klubs der Topligen in England, Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich zirkuliert.

Nach den jüngsten Zahlen des Internationalen Zentrums für Sportstudien in Neuenburg in der Schweiz haben die Klubs dieser Ligen in der zurückliegenden Sommerpause rund 3,3 Milliarden Euro für Transfers gezahlt, rund 800 Millionen Euro mehr als im Sommer 2014. Derzeit würden lediglich 1,84 Prozent der Transfersummen solidarisch umverteilt.

„Diese Beschwerde basiert nicht auf den Arbeitsbedingungen von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi“, sagte Szymanski. „Es geht um die Wanderarbeiter des Fußballs und deren Lage, die oft sehr ernst ist, weil der angebliche Solidaritätsmechanismus nicht funktioniert.“

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