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Gewalt in Stadien : Saisonale Schwankungen

Feuerwerk gleich Gewalt? Die Diskussion verselbständigt sich Bild: dpa

Die Schreckensmeldungen häufen sich, die Polizeistatistik dagegen zeigt fast keine Zunahme der Gewalt in Fußballstadien. Experten warnen vor überzogenen Reaktionen.

          Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) veröffentlicht einmal im Jahr ihren Bericht zur Gewalt im deutschen Fußball. Fußballverbände, Innenministerien, Polizeigewerkschaften, Fanvertreter und Medien schauen dann wie gebannt auf die Zahlen aus dem Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste in Nordrhein-Westfalen. Am Urteil der ZIS kommt niemand vorbei, sie ist so etwas wie die Ratingagentur für Gewalt im deutschen Fußball.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ende Oktober kam ihre jüngste Einschätzung heraus, der erste Satz des Berichts gibt dabei die Richtung vor. Diesmal lautete er: „Gewalttätige Ausschreitungen durch Fußballfans bewegen sich seit Jahren auf einem seit der Spielzeit 1999/2000 saisonal schwankenden, jedoch tendenziell konstant hohen Niveau.“

          Das war eine Einschätzung, die Experten nicht gerade in Alarmstimmung versetzte. In den beiden vorhergehenden Jahren hatte die Behörde schließlich noch vor einem „zunehmend höheren Niveau“ gewarnt. Aber dann folgten innerhalb von gut einer Woche solche Schreckensmeldungen aus allen Ecken der Fußballrepublik, dass man meinen konnte, der deutsche Fußball versinke in Aufruhr, Gewalt und Chaos.

          Pyro-Orgien

          An diesem Montag kommt in Berlin der runde Tisch zum Thema Fußball und Gewalt auf Einladung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zusammen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Runde mit den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL), Theo Zwanziger und Reinhard Rauball, Vertretern von kommunalen Spitzenverbänden und der Koordinierungsstelle Fanprojekte vor allem unter dem Eindruck der jüngsten Eskalation steht. „Wir haben leider eine Zunahme von Gewalttätigkeiten, die uns nicht tatenlos zuschauen lassen“, kündigte Friedrich in der „Welt am Sonntag“ an.

          Die Ausschreitungen und Pyro-Orgien von Dresdner Anhängern beim Pokalspiel in Dortmund mit zahlreichen Verletzten und Festnahmen waren ein Höhepunkt, dazu Krawalle in Frankfurt mit verletzten Beamten. Seither reagieren der organisierte Fußball und die Politik nicht mehr, als handelte es sich um die üblichen „saisonalen Schwankungen“, also um eine Häufung von hässlichen Ereignissen, wie sie immer mal vorkommen im Fußball.

          „Task Force Sicherheit“

          Dynamo Dresden soll nach Forderung des DFB-Kontrollausschusses vom nächsten Pokalwettbewerb ausgeschlossen werden. Die umstrittene Pyrotechnik der Ultras bleibt nach dem Willen der Verbände verboten. DFB und DFL wollen eine Allianz mit Politik, Polizei und Justiz schmieden, „um die Situation in den Griff zu bekommen“, wie DFB-Präsident Zwanziger zuletzt ankündigte. Beim runden Tisch wollen die Verbände nun eine „Task Force Sicherheit“ gründen. Innenminister der Union fordern zudem langjährige Stadionsperren für Randalierer bis hin zu lebenslangem Ausschluss.

          Fühlen sich verschaukelt: Zündelnde Ultras

          „Gerade gegenüber extremen Gewalttätern müssen bundesweit wirksame Stadionverbote über mehrere Jahre konsequent angewendet werden“, sagte der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU). „Je brutaler die Gewalt, desto länger muss das Verbot sein.“ Sein niedersächsischer Amtskollege Uwe Schünemann (CDU) forderte: „Wer den Besuch eines Fußballstadions dazu missbraucht, Gewalttaten zu begehen, darf ein Stadion nicht mehr betreten.“ Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) verkündete: „Null-Toleranz gegenüber gewaltbereiten Fußballfans, ein anderes Credo kann es nicht mehr geben.“ Er will neben Meldeauflage und gezielten Ansprachen bei Randalierern künftig auch Arbeitgeber oder Schulen informieren. Friedrich spricht sich für mehr Stadionverbote aus.

          Warnung vor überzogenen Reaktionen

          In der vergangenen Woche hat sich eine Gegenbewegung formiert, die vor überzogenen Reaktionen warnt. „Die Frage wird sein, wie man das jetzt wieder runterfahren kann. Man sollte da besonnen und nicht übersteigert reagieren. Wenn die Innenminister nun fordern, dass die Polizei in den Block kommen soll, um das zu verhindern, kann ich garantieren, dass es noch mehr knallt“, sagt Konfliktforscher Gunter Pilz. Zuletzt meldete sich auch der Sprecherrat der Fanbeauftragten des Profifußballs zu Wort und beklagte den Verlauf der Debatte. „In den letzten Tagen und Wochen wurde die Berichterstattung aufgrund einer gestiegenen Zahl von einzelnen, nicht tolerierbaren Ausschreitungen immer hysterischer.“

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