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Gewalt in Stadien : Saisonale Schwankungen

Unterdessen hat auch der Anwalt von Dynamo Dresden, Christoph Schickhardt, die harte Linie angesichts des möglichen Pokalausschlusses des Zweitligaklubs für unverhältnismäßig und kontraproduktiv erklärt: „Diese Strafe läuft auf eine Millionenstrafe hinaus. Dresden braucht die Pokaleinnahmen, um die gewaltigen Aufgaben auch im Jugend- und Nachwuchsbereich schultern zu können.“ Die Initiative „Pro Fans“ vom „Bündnis Aktiver Fußballfans“ kritisiert, dass Pyrotechnik in der Diskussion immer wieder mit Ausschreitungen gleichgesetzt werde. „Das ist sicher auch ein Verschulden der Medien, die diese Verquickung viel zu selten hinterfragen.“

Oktoberfest gefährlicher als Bundesliga

Die jüngsten Zahlen der ZIS geben jedenfalls nicht so leicht her, was den allgemeinen Ton der Diskussion seit zwei Wochen ausmacht und was Innenminister Friedrich vor dem Treffen ausdrücklich behauptete: eine Zunahme von Gewalttätigkeiten. In der vergangenen Saison hat es in den Stadien der ersten und zweiten Liga 846 Verletzte gegeben, 62 mehr als in der Saison zuvor. Das ist eine Rekordzahl, auch der Einsatz von Pfefferspray spielt dabei eine Rolle. Zudem ist die Zahl der Stadionverbote angestiegen, auf 983 von 963.

Alle anderen Indikatoren tendieren freundlicher: Die Einsatzstunden der Polizei gingen um 11,2 Prozent zurück, die Zahl der in Gewahrsam genommen Anhänger um 10,6 Prozent und die der eingeleiteten Strafverfahren um 3,6 Prozent. Die Gruppe der gewaltbereiten Anhänger blieb unverändert bei rund 9700 Personen. Bei 17,5 Millionen Menschen, die in der vergangenen Saison die Spiele der ersten und zweiten Liga besuchten, bedeutet das: Rund 0,005 Prozent der Zuschauer wurden verletzt, gegen 0,033 Prozent wurden Strafverfahren eingeleitet. Tatsächlich ist es statistisch immer noch gefährlicher, zum Münchner Oktoberfest zu gehen als zur Bundesliga, auch in früheren Zeiten, etwa in den achtziger Jahren, ging es in deutschen Stadien weit gewalttätiger zu.

Die gefährlichste Entwicklung

Als die jüngsten Zahlen im Oktober herauskamen, sah auch die DFL darin keinen Grund zu akuter Besorgnis. „Das Gesamtbild hat sich aufgrund des Engagements aller Beteiligten nicht wesentlich verändert“, hieß es in einer Stellungnahme. „Besonders freut uns, dass die Einsatzstunden der Polizei reduziert werden konnten.“ Man wolle den Weg des Dialogs und der Prävention fortführen. Das ist gerade drei Wochen her.

Zu allgemeiner Verharmlosung besteht jedoch auch kein Anlass. Als gefährlichste Entwicklung wird derzeit unter Fanvertretern und Gewaltforschern angesehen, dass ein Teil der Ultra-Bewegung Gewalt mittlerweile als legitimen Teil der Fankultur betrachtet. Es müsse dazu kommen, dass Gewalt unter den Fans konsequent geächtet werde, so wie das bei Rassismus mittlerweile gut funktioniere, sagen Experten. Noch weniger gelingt die Ächtung bei den Fans in Sachen Pyrotechnik. Die Auswüchse mit Bengalos und Böllern in den vergangenen Wochen werden in der Fanszene und selbst innerhalb der Verbände mit dem gescheiterten Dialog des DFB und der DFL mit den über fünfzig Ultravereinigungen der Initiative „Pyrotechnik legalisieren“ gesehen.

Dialog abgebrochen

Die Verbände hatten die Gespräche in dieser Saison zunächst ausgesetzt, obwohl die Ultras bei den ersten Spielen eine Pyro-Pause eingelegt hatten, wie man das miteinander verabredet hatte. Daraufhin brannten verstärkt Bengalos, nach den letzten Vorfällen erklärten DFB und DFL dann, dass es nie die Möglichkeit gegeben habe, Pyrotechnik zu legalisieren - also genau das, worüber eigentlich verhandelt wurde. Die Verbände brachen den Dialog endgültig ab. DFL-Chef Rauball sprach von einem „Kommunikationsfehler“. Die Folge: Die verhandlungsbereiten Ultras fühlen sich verschaukelt, und die Hardliner der Szene sehen sich in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Verbänden bestärkt.

Dabei hatte man sich beim letzten runden Tisch im April 2010 in einem Zehn-Punkte-Plan auch darauf verständigt, gerade die mangelhafte Kommunikation mit den Ultragruppen, der problematischsten Fangruppe, zu verbessern. Dieses Vorhaben gilt nun als nachhaltig beschädigt. Es werde lange dauern, bis ein Vertrauensverhältnis entstehen könne. Ein runder Tisch in Berlin, so viel ist sicher, wird dafür nicht genügen.

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