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Krawalle nach Corona-Pause : Warum eskaliert die Gewalt in Frankreichs Stadien?

  • Aktualisiert am

Fans des RC Lens stürmen den Platz bei der Partie gegen OSC Lille Bild: Reuters

Fäuste fliegen – und Stadionsitze, Fans stürmen den Rasen: Nach der Corona-Pause hat Frankreichs Fußball ein Problem mit Gewalt. Experten und Politiker sind sich uneins über Ursachen und Maßnahmen.

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          Viele Menschen auch außerhalb der Fußballwelt in Frankreich reiben sich die Augen: Die Rückkehr der Fans in die Stadien nach eineinhalb Jahren coronabedingter Zwangspause hat neben Freude auch eine Serie von Ausschreitungen samt wüster Krawalle auf dem Platz mit Verletzten nach sich gezogen. Ist das bloß aufgestauter Frust nach einem harten Lockdown, der sich dort seinen Weg bahnt? Oder wandelt sich die Fankultur – und wie gehen die Vereine damit um? Das Verhängen von Sanktionen durch die Fußball-Liga jedenfalls hat den Frieden in den Rängen noch nicht wieder hergestellt.

          Wie Soziologe und Fanforscher Nicolas Hourcade meint, sei es schwer zu sagen, ob es sich um ein vorübergehendes oder strukturelles Phänomen handelt. Es sei etwas anderes, wenn sich Fans prügelten oder wenn sie mit Gegenständen auf Spieler schmissen und alles habe auch nicht denselben Auslöser. Wenn es sich bloß um Corona-Frust handele, müsse sich die Gewalt mit der Normalisierung des Lebens wieder legen, sagte er dem Sender France bleu. Es könne aber auch sein, dass es sich strukturell um eine zunehmende Radikalisierung von Teilen der Fans handelt. „Es ist noch zu früh, um das zu sagen.“

          Die Krawallserie in der Ligue 1 begann am 22. August beim Derby der beiden verfeindeten Anhänger von OGC Nizza und Olympique Marseille, wo nach Provokationen Fans auf den Platz rannten und Anhänger, Verantwortliche und Spieler handgreiflich wurden. In den Medien war anschließend von der „Schande von Nizza“ die Rede. Experten seien überrascht gewesen, dass dies keinen heilenden Schock ausgelöst habe, sondern die Probleme sich bei weiteren Spielen wiederholt hätten, sagte Hourcade. Dazu beigetragen habe möglicherweise, dass die Verantwortlichen bei der Organisation von Risikospielen während der Corona-Beschränkungen etwas aus der Routine gekommen seien.

          Harsche Sanktionen gegen drei Klubs

          Die Disziplinarkommission der Fußball-Liga in Paris reagierte in der vergangenen Woche mit Sanktionen, welche die beteiligten Vereine und Fans als Ganzes treffen. Jeweils einen Punkt Abzug auf Bewährung gab es für den RC Lens, OSC Lille sowie für Olympique Marseille. Marseille- und Lille-Fans dürfen außerdem bis Jahresende nicht zu Auswärtsspielen fahren. Zuvor bereits hatten als vorübergehende Maßnahme einzelne Spiele ohne Fans stattgefunden.

          Beim Match RC Lens gegen Meister Lille hatte sich am 18. September die Gewaltserie fortgesetzt, als sich Fans beider Vereine auf dem Spielfeld ein Handgemenge lieferten und mehrere blutüberströmte Verletzte per Krankenwagen abtransportiert werden mussten. Erst nach Krisenberatungen war die Partie mit einer halben Stunde Verspätung fortgesetzt worden. Schließlich überschatteten Fan-Prügeleien auch die Partie Angers SCO gegen Marseille am 22. September, als Gegenstände durch die Luft flogen.

          Sind die Hooligans zurück?

          Von einem Wiedererstarken der Hooligan-Bewegung in Frankreich möchte der Leiter der dem Innenministerium unterstellten nationalen Einheit gegen Fußballgewalt (DNLH), Thibaut Delaunay, nicht sprechen. Aber es gebe Einzelpersonen und auch Ultras, die manches Verhalten von Hooligans übernehmen, einschließlich der Gewalt. „Aber sie gehen ins Stadion und bleiben ihrem Klub verbunden“, sagte Delauny der Sportzeitung „L’Équipe“. Die Vereine seien einigen Ultras gegenüber manchmal zu rücksichtsvoll, mahnt er an. Die Krawallmacher müssten von den Tribünen verwiesen werden, das rechtliche und praktische Werkzeug dazu sei vorhanden und müsse nur angewendet werden.

          Fan-Experte Hourcade hält kollektive Sanktionen dann für sinnvoll, wenn es bei einem Klub ein Organisationsproblem gab. Als generelle Strafen seien sie aber schwierig, denn sie bestraften eine Vielzahl von Fans, die gar nichts getan hätten. Damit verfehlten die Sanktionen ihr Ziel. Nötig seien Strafen für gravierendes Verhalten, eine bessere Organisation rund um die Spiele sowie ein Dialog zwischen allen Beteiligten, um die Spannungen zu entschärfen.

          Dem öffentlichen Ansehen des Fußballs hat die Krawallserie auf jeden Fall geschadet, wie aus einer Umfrage für den Sender RTL hervorgeht. Für nur noch 35 Prozent der Franzosen hat der Fußball ein gutes Image, 10 Prozentpunkte weniger als sechs Monate zuvor. 53 Prozent der Befragten gaben an, dass man in einem Stadion nicht mehr sicher ist und vor allem Menschen mit Kinder schrecken vor einem Stadionbesuch zurück.

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