https://www.faz.net/-gtl-13pwt

Gewalt im Fußball : „Hooligans fallen nicht vom Himmel“

Bilanz der Nachspielzeit eines Pokalspiels in Leipzig: dreißig Randalierer verhaftet, 14 verurteilt Bild: dpa

Warum werden Jugendliche zu Gewalttätern? „Nix los und keine Kohle“ taugt offenbar nicht als Erklärmuster. Gleichwohl unterscheiden Experten Gewalt beim Fußball im Osten von der im Westen: Selbstbehauptung gegen Selbstdurchsetzung.

          4 Min.

          Es gibt ein Datum im Leipziger Fußball, das sich Ricardo Schulz von der Leipziger Staatsanwaltschaft ins Gedächtnis eingegraben hat: Es ist der 10. Februar 2007, als es beim Spiel Lok Leipzig gegen Erzgebirge Aue II zu schweren Ausschreitungen kam. Bei der Randale zwischen rund 800 Lok-Anhängern und 300 Polizisten wurden dreißig Randalierer verhaftet. 14 Gewalttäter wurden später verurteilt, zum Teil zu Gefängnisstrafen, alle auf Bewährung. Ricardo Schulz hält das auch heute noch für angemessene Urteile, und er sagt in Leipzig bei einer Diskussion des Instituts für Deutsches und Internationales Sportrecht über Gewalt im Fußball, dass bis heute von den Verhafteten nur zwei Täter rückfällig geworden seien. Er kann jedoch immer noch nicht recht verstehen, wer damals alles ungehemmt seine Aggressionen auslebte und mit Steinen warf. Auch ein Soldat der Bundeswehr war dabei.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wie konnte es so weit kommen? Oder besser: Wie wird aus einem unauffälligen Jugendlichen ein Hooligan? Das war die Frage, der Rico Kauerhof, der Vorstandsvorsitzende des Instituts und sein Team in ihrem seit 2007 gestarteten Gewaltpräventionsprojekt nachgegangen sind. Sie veröffentlichten am Mittwoch erste Teilergebnisse ihrer einjährigen Studie unter rund vierhundert Leipziger Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 – und können nun erste Hinweise liefern, unter welchen Bedingungen die Gewaltbereitschaft entsteht, die sich bei Jugendlichen dann in und um die Fußballstadien entlädt.

          Gängige Argumente taugen nicht als Erklärmuster

          Anders als gemeinhin vermutet, liefert die Studie keinen Beleg dafür, dass Arbeitslosigkeit der Eltern oder fehlende Freizeitangebot eine entscheidende Bedeutung für Gewaltbereitschaft spielen. Das gängige Argument – „Nix los und keine Kohle“ – taugt demnach nicht, um die Entstehung von Gewalt zu erklären. Die Jugendlichen, die in der Umfrage angaben, Gewalttaten verübt zu haben (Beleidigungen, Beschimpfungen und Graffiti fielen auch in diese differenziert gefasste Kategorie), unterscheiden sich in diesen beiden Aspekten nämlich überhaupt nicht von den verhaltensunauffälligen Jugendlichen.

          Ermittlungsgruppe „Fußball”: Screenshots einer Überwachungskamera

          „Die politische Einstellung spielt dagegen eine gewisse Rolle“, sagt Kauerhof zu der Untersuchung. Der Leipziger Studie ist überraschenderweise kein signifikanter Unterschied zwischen linker und rechter Gewalt zu entnehmen, obwohl der rechte Einfluss auf den Fußball in der Stadt erheblich ist. Die NPD etwa bemüht sich hartnäckig, Anhänger von Lok Leipzig an sich zu binden, auch gegen den Widerstand des Klubs. 58 Prozent der gewaltauffälligen Jugendlichen ordneten sich in der Studie der Kategorie „links/rechts“ zu, nur 30 Prozent der „Mitte“.

          Mischung aus Prävention und Repression als Konsequenz

          „Hooligans fallen nicht vom Himmel“, sagt Kauerhof. Neben der politischen Haltung fällt noch stärker auf, dass vor allem solche Jugendliche zur Gewalt neigen, die Regeln als starke Einschränkung empfinden und diese nicht akzeptieren wollen. Die Studie spricht von einer „Regelresistenz“. „Es bestehen Auffälligkeiten zwischen der Regelresistenz in der Schule und Gewaltbereitschaft“, sagt Kauerhof. Jugendliche, die sich in ihrer Schule wohl fühlten, in ihr eine „Heimstatt“ fänden, neigten deutlich weniger zur Gewalt. Für Kauerhof wurde im Zuge der Studie außerdem deutlich, dass es für gefährdete Jugendlichen im Alter von 12 bis 16, die noch nicht aktenkundig sind, „ein Loch“ in der Betreuung gebe. Keine Institution fühle sich zuständig. „Man kann aber nicht warten, bis sie in die Gewalttäterkategorie A, B oder C eingeteilt werden und erst dann von den Fanprojekten aufgefangen werden.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mehr Zukunft wagen: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans am Freitag nach ihren Bewerbungsreden beim SPD-Parteitag

          SPD-Parteitag : „Klarer Kurs und klare Sprache“

          Sie hätten keine Angst, betonen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in ihren Bewerbungsreden als SPD-Vorsitzende – und attackieren die Union scharf. Mit dem Ende der großen Koalition drohen sie aber nur indirekt.
          Gebrochen: Wenn Eltern wählen, ob ihr Kind aufs Gymnasium geht, treffen viele Fehlentscheidungen. Das Ergebnis: überforderte Schüler verlieren durch Misserfolge ihr Selbstbewusstsein.

          Nach der Grundschule : Wenn Eltern für ihre Kinder wählen

          In fast allen Bundesländern entscheiden die Eltern, ob ihr Kind aufs Gymnasium gehen soll oder nicht. Ihre Wahl ist oft nicht die beste. Politiker schrecken vor Veränderungen zurück.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.