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Gewalt im Fußball : Die Angst der Schiedsrichter vor dem Anpfiff

  • Aktualisiert am

Lachen vergangen: Rote Karte für eine komplette Kreisklasse Bild: dpa

Wurfgeschosse, derbe Beleidigungen, Schläge und Tritte: Schiedsrichter leben gefährlich. Und das nicht nur im großen Fußball. Wegen zunehmender Brutalität und Gewalt auf den Plätzen wurde im Siegerland der komplette Spieltag abgesagt.

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          Wurfgeschosse, derbe Beleidigungen, Drohungen, Schläge und Tritte: Fußball-Schiedsrichter leben gefährlich. Und das nicht nur im großen Sport. Im Siegerland ist die Angst der Unparteiischen vor dem Anpfiff mittlerweile sogar so groß, daß sie sich weigern, Spiele bestimmter Mannschaften zu leiten.

          Wegen zunehmender Brutalität und Gewalt auf den Fußball-Plätzen wird deshalb in den Kreisligen der Region an diesem Sonntag nicht gespielt. „Ich habe den kompletten Spieltag abgesagt“, sagt der Kreisvorsitzende Jürgen Böcking am Freitag. Betroffen sind 70 Begegnungen von 140 Teams der knapp 100 Fußball-Vereine im Kreis Siegen-Wittgenstein.

          „Irgendwann ist Schluß“

          „In den unteren Ligen nimmt die Gewalt ständig zu“, klagt Böcking. Das sei aber kein reines Siegerländer Problem. „Das höre ich auch aus anderen Kreisen.“ Daß es auf Fußballplätzen und am Spielfeldrand hoch her gehe, sei normal. „Aber irgendwann ist Schluß.“ Er habe keine Alternative gesehen, um eine „Diskussion über Fair Play“ in Gang zu setzen.

          Wurfgeschoß auf Schiedsrichter: Hat mit Fußball nichts zu tun?
          Wurfgeschoß auf Schiedsrichter: Hat mit Fußball nichts zu tun? : Bild: ddp

          Im Siegerland sorgen Kicker regelmäßig für Negativ-Schlagzeilen. Im Juli wurde ein am Boden liegender Referee in den Bauch- und Genitalbereich getreten. Der Spieler wurde zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Eine 17jährige Schiedsrichterin war im August so derbe beleidigt worden, daß sie die Pfeife für den Seniorenbereich an den Nagel hängte. „Damit habe ich abgeschlossen. Spieler und betrunkene Zuschauer haben mich beschimpft, und auch von den Trainern wurde ich nicht ernst genommen“, sagte Marina Schneider.

          „Der Fisch stinkt vom Kopf her“

          Im September spitzten sich die Ereignisse weiter zu: Ein Referee fand in der Kabine einen Zettel, auf dem ihm körperliche Gewalt angedroht wurde, falls er nicht für die Heim-Elf pfeifen würde. Ein anderer Unparteiischer mußte sich aus Angst vor prügelnden Jugendspielern in seiner Kabine einschließen. Ein weiterer Kollege wurde auf dem Spielfeld getreten. Als er das Spiel abbrach, gingen die Übergriffe trotzdem weiter. Und erst am vorigen Wochenende wurde ein Referee vom Platz ins Krankenhaus gebracht, nachdem ihm ein vom Verein gestellter Linienrichter mit der Fahne in den Unterleib gestochen hatte.

          Während im „großen Fußball“ über Ausländerfeindlichkeit diskutiert wird, sieht es im Siegerland anders aus: „Rassismus ist kein Thema. Unter den Vereinen, die die meisten Probleme machen, sind allerdings auch zwei ausländische“, sagte Böcking, der insbesondere die betreffenden Vereinschefs kritisiert: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“ Teilweise würden die Spieler von den Offiziellen aufgehetzt. „Es ist jetzt so weit, daß ich für diese Teams keine Schiedsrichter mehr finde.“ Kreisliga-Spiele dürften zwar theoretisch auch ohne einen Referee stattfinden, aber ohne Schiedsrichter treten die Gegner nicht an, erklärt er. Dann wäre es möglich, daß diese Teams Spiele und letztlich die Meisterschaft gewinnen, ohne gespielt zu haben. „Bevor das allerdings passiert, lasse ich die ganze Saison platzen.“ Nach der Zwangspause am Sonntag soll kommende Woche wieder gespielt werden.

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