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Gewalt beim Fußball : Selbstzerstörung in Italien

  • -Aktualisiert am

Im Stadion von Rom muss ein Feuerwehrmann beschützt und versorgt werden - er wurde von einer Fackel getroffen Bild: Getty Images

Der Fußball in Italien bekommt sein Problem mit massiver Gewalt nicht in den Griff. Vor dem Pokalfinale in Rom zwischen Neapel und Florenz fallen sogar Schüsse. Ist der Fußball Opfer - oder auch Komplize?

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          Am Tag nach den Ausschreitungen klingen die Worte des Papstes wie ein allzu frommer Wunsch. „Der Fußball“, so hatte Franziskus bei der Audienz der beiden Mannschaften am Freitag im Vatikan gefordert, „möge seinen festlichen Geist wieder zurück erlangen.“

          Nach dem italienischen Pokalfinale zwischen dem AC Florenz und dem SSC Neapel am Samstagabend in Rom, das 1:3 endete, ist die Bilanz hingegen verheerend. Insgesamt zehn Verletzte gab es bei Ausschreitungen vor dem Spiel, drei Fans aus Neapel wurden durch Schüsse aus einer Pistole verletzt, einer von ihnen schwebte noch am Sonntag in Lebensgefahr. Gegen den mutmaßlichen Täter, einen 48 Jahre alten polizeibekannten Ultra des AS Rom, wird wegen versuchten Mordes ermittelt.

          Wieder einmal gibt der italienische Fußball also ein schlimmes Bild ab. Vergangene Woche rutschte Italien wegen der schlechten Ergebnisse seiner Mannschaften nicht nur hinter Portugal auf Platz fünf der Uefa-Rangliste ab – was noch das kleinere Problem ist. Der Calcio bekommt auch sein Gewaltproblem weiterhin nicht in den Griff.

          „Das ist der italienische Fußball“, schrieb die Zeitung La Repubblica über das Pokalfinale. „Er spielt in Europa keine Rolle mehr und macht sich selbst kaputt, wenn er eigentlich feiern könnte“, so das Urteil. „Wir dürfen uns nicht an die Illegalität gewöhnen“, schrieb der Corriere della Sera. Der Appell wirkte nach den Geschehnissen vom Samstagabend hilflos.

          Wer hat die Schüsse in Rom abgegeben?

          Vor der Partie waren Ultras des SSC Neapel mit der Polizei in der Nähe des römischen Olympiastadions aneinander geraten. In der Nähe soll es dann auch zu der Schießerei gekommen sein, bei der ein 30 Jahre alter Neapel-Fan im Brustkorb getroffen wurde.

          Die Polizei vermutet, ein 48-Jähriger habe die Schüsse aus einer Pistole abgegeben, die später in der Nähe des Tatorts gefunden wurde. Der Mann ist ein bekannter Ultra-Anführer des AS Rom, dessen Fans seit Jahren mit Tifosi aus Neapel rivalisieren. Dabei war es immer wieder zu Gewalttaten zwischen den Fangruppen gekommen.

          Vor dem Spiel gab es in Rom Auseinandersetzungen mit der Polizei

          Die römische Polizei gab am Sonntag Details über die Ausschreitungen bekannt. Der Schütze habe die Neapel-Anhänger auf ihrem Weg zum Stadion provoziert und mit Rauchbomben beworfen. Als die Fan-Gruppe dann den Römer angreifen wollte, habe dieser das Feuer eröffnet.

          Der mutmaßliche Täter wurde am Abend ebenfalls schwerverletzt in der Nähe des Tatorts gefunden. Gegen ihn, der Kontakte ins rechtsextreme Milieu haben soll, war früher bereits wegen Erpressung ermittelt worden. Im Jahr 2004 war er unter den Ultra-Anführern, die den Abbruch des Stadtderbys zwischen dem AS Rom und Lazio Rom provozierten.

          Neapel-Kapitän verhandelt in der Kurve

          Das Pokalfinale begann mit 45 Minuten Verspätung. In den Minuten vor dem Anpfiff konnten Fernsehzuschauer in Italien live miterleben, welchen Mächten sich der Calcio unterworfen hat. Zusammen mit Sicherheitskräften begab sich der Neapel-Kapitän Marek Hamsik unter die Fankurve. Zu sehen war dann, wie einer der Ultras mit Hamsik verhandelte.

          Italienische Zeitungen berichteten, bei dem Ultra-Anführer handelte es sich um einen Vorbestraften, genannt „Genny a‘ Carogna“ (Genny, das Aas), dessen Vater einem bekannten Camorra-Clan angehöre. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Speziale libero“ (Speziale frei). Damit war der zu acht Jahren Gefängnis verurteilte Antonio Speziale gemeint, der 2007 den Polizisten Filippo Raciti bei Fan-Ausschreitungen in Catania erschlagen hatte.

          Im Olympiastadion war das Sicherheitsaufkommen riesig - es half nicht

          Die Bilder erinnerten an andere Begebenheiten der vergangenen Jahre in italienischen Stadien, in denen gewaltbereite Ultras ihre Macht demonstrieren konnten. „Die Ultras nutzen die Stadien, um ihre Macht zu zeigen“, sagte der Vorsitzende des italienischen Fußballverbandes, Giancarlo Abete. „Der Fußball ist Opfer“, behauptete Abete. Doch nach vielen Jahren der Gewalt im italienischen Fußball steht längst auch die Frage im Raum, inwieweit er nicht auch Komplize ist.

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