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Kommentar : Wo bleibt Frau Löw?

Bei ihrer ersten Station als Trainerin bekommt Steffi Jones gleich das Nationalteam anvertraut Bild: dapd

Männer trainieren Männer, Frauen trainieren Frauen: Beim DFB gibt es eine Geschlechtertrennung wie man sie auch in Saudi-Arabien oder in Iran nicht konsequenter betreiben könnte. Das ist in vielfacher Weise schädlich.

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          Alle reden über die Quote – nur nicht der DFB. Mit seiner umstrittenen Entscheidung, der Traineranfängerin Steffi Jones auf ihrer ersten Station umgehend die Nationalelf anzuvertrauen, hat der Deutsche Fußball-Bund mit der ihm eigenen Chuzpe ganz nebenbei auch die 100-Prozent-Quote im Frauenfußball durchgesetzt.

          Dass in diesem weiblichen Ball-Reservat auch mal ein Mann erste Wahl sein könnte, ist offenkundig nicht vorgesehen. Aber bevor sich nun die Männer ganz fürchterlich ausgegrenzt fühlen angesichts der vermeintlichen Frauenpower: umgekehrt ist die Sache auch nicht besser, im Gegenteil. Alle acht Männer- und Jungs-Teams von der U15 an werden beim DFB von Männern trainiert, alle sieben Frauen- und Mädchen-Teams von Frauen. In der gesamten sportlichen Leitung herrscht eine hundertprozentige Geschlechtertrennung, wie man sie auch in Saudi-Arabien oder in Iran nicht konsequenter betreiben könnte.

          Der unüberwindliche Fußballzaun, den der DFB errichtet – Frauen spielen auf ihrer Wiese, die Männer auf der anderen und jeder bleibt schön auf seiner Seite – ist jedoch in vielfacher Weise schädlich. Im aktuellen Fall hat der Verband über der Geschlechtertrennung seine sportlichen Verpflichtung vernachlässigt, für die beste Mannschaft des Landes ernsthaft nach der besten Trainerin oder eben dem besten Trainer des Landes zu suchen.

          Für die sportliche Entwicklung des Frauenfußballs ist es kein gutes Zeichen, wenn man heute immer noch glaubt, an der Spitze auf die besten Leute verzichten zu können. Der Verband schadet damit der aktuellen und den künftigen Generationen im Frauenfußball.

          Bundestrainerin Silvia Neid (links) mit ihrer Nachfolgerin Steffi Jones Bilderstrecke
          Bundestrainerin Silvia Neid (links) mit ihrer Nachfolgerin Steffi Jones :

          Man stelle sich nur mal vor, bei der Nachfolge von Bundestrainer Löw würde der DFB einen Neuling verpflichten. Die Herren des Fußballs würde ein Sturm der Entrüstung von ihren Sesseln fegen. Aber bei den Frauen kann man es ja machen.

          Die umgekehrte Frage, ob Frauen für den Männerfußball als Trainerinnen (oder Sportdirektorinnen) vielleicht auch einen Gewinn bedeuten könnten, lässt sich heute nur theoretisch beantworten. Obwohl in der Wirtschaft ständig davon die Rede ist, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse hervorbringen, ist es vollkommen unvorstellbar, dass die aktuelle Spielergeneration – oder selbst die Kinder aus der heutigen F-Jugend – es irgendwann einmal mit einer Chefin auf der Trainerbank zu tun haben werden. Diese Wahrheit im Fußball-Männergeschäft ist noch unumstößlicher als das nächste Double des FC Bayern.

          So besehen ist die Ernennung von Steffi Jones zumindest eine tückische, wenn nicht gar eine falsch verstandene Form von Frauenförderung in einer der letzten Männerwelten. Weit effektiver als diesen Posten unbedingt mit einer Frau zu besetzen wäre es, wenn sich der Fußball dort öffnete, wo die wichtigen Entscheidungen fallen: in den Vorständen. Aber dort riegelt sich der Fußball konsequent ab. In der Bundesliga ist kein einziger Vorstandsposten mit einer Frau besetzt – und im 55köpfigen DFB-Vorstand sitzt Frau Ratzeburg ganz allein unter Männern. Ihr Aufgabengebiet? Natürlich Frauen- und Mädchenfußball.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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